Quicksand
walter hält sich da raus!
07.04.1995, 20:59, Text: Autor unbekannt
Aber nein, damit hat Walter Schreifels, Sänger und zweiter Gitarrist von QUICKSAND, natürlich nichts am Hut. Irgendwie hatte ich das Gefühl, er würde eine Mauer zwischen sich und den Fragen errichten. Durch einen kleinen Schlitz schob er mir unverbindliche Antworten entgegen. Schade, denn ich wollte ihm gar nichts. Ich halte QUICKSAND für eine ausnahmslos tolle Band mit einem Aggressionspotential, das sich - im Gegensatz zu einigen ihrer Brooklynschen Kollegen - in origineller Musik ohne Abziehbildcharakter äußert. Natürlich rümpfe auch ich die Nase, wenn ich sehe, wie diese gestandene Band im Vorprogramm von - meiner Meinung nach - Schnullies und zudem hochgradig schlechten Musikern wie denen von OFFSPRING verheizt wird, aber Walter machte kurzerhand aus der Not eine Tugend.
An anderer Stelle hatte Walter geäußert, bei manchen Shows der Tour fühle er sich so alt (und deplaziert) wie eine Art KING CRIMSON oder YES, wie Dinoaurier also. \"Manchmal ist es hart, die Leute erwarten unsere Musik überhaupt nicht, aber bis jetzt haben wir immer noch gewonnen. Wir sind nun mal nicht ein Teil des Punk-Hypes.\" - Wie denkst du dann über die pure Geldmacherei der amerikanischen Musikindustrie mit dem Zauberwort \"Punk\"? - \"Ich will es nicht verurteilen. Jede noch so unbekannte Band bekommt heute einen Major-Deal. Wenn du dir 'Epitaph-Records' anguckst, so ist das auch schon ein Major. Die Industrie stirbt für neue alternative Bands, was kann daran schlecht sein?\" - Nun ja, eine Band könnte die Kontrolle über das verlieren, was passiert. - \"Ja, klar. So etwas passiert. In New York arbeiten für uns ein paar Leute, die dafür sorgen sollen, daß sich die Platte im Ausland verkauft. Dabei kann es vorkommen, daß eine Band falsch repräsentiert wird. Aber ohne diese Leute kämen wir niemals aus New York heraus, und wir betrachten eben lieber das, was für uns herauskommt.\" - Hm, wenn ich sehe, daß ihr eine Art Label-Change hinter euch habt (\"Phonogram\" zu \"Island\"), ich aber in Deutschland mit \"Mercury\" telefonieren mußte, um dieses Interview zu machen, vermute ich einfach ganz irre Dimensionen, über deren Verstrickungen eine Band die Übersicht verlieren kann. - \"Richtig, aber es ist nicht besonders interessant, wem nun welches Plattenlabel gehört. Den 'Phonogram'-Leuten gehört 'Island'. Sie meinten, wir sollten dorthin gehen. Okay, jetzt müssen die zeigen, ob sie gut für uns arbeiten können. Irgendwie gehört das alles den selben Leuten. Mir ist das ehrlich gesagt egal.\" So wie es ihm auch egal ist, was im Moment im Radio läuft. \"Ich höre nicht so genau hin, wenn es um Bands aus dem härteren Fahrwasser geht, die gerade die RATM gekauft haben und sich jetzt so anhören wollen. Ich bin ein Musikfan, aber ich versuche, unbeeinflußt zu bleiben.\" Und wieder denke ich, daß er mir die ganze Zeit nicht das sagt, was er mir bei einer Limonade erzählen würde.
Eine Sache stellt er allerdings klar, und der muß ich mich anschließen: \"Zu unserer neuen Platte muß man eine Meinung entwickeln, sie ist 'punchy', mehr 'in your face' als 'Slip'. Sie ist kompakter, und viele Stücke sind richtig schnelle Kracher. Derzeit ist 'Thorn In My Side' mein Lieblingssong, aber das wechselt eigentlich andauernd. Ich mag sie lieber als 'Slip' (wäre auch komisch, wenn nicht - der Verf.). Man muß diesmal sagen können 'Ich liebe sie!' oder 'Das ist kompletter Bullshit!'\" Ich bin da eher für ersteres, aber das ist ja egal, nich' Walter?
Das Publikum gewannen QUICKSAND an diesem Abend nicht zuletzt mit einem ungewohnt schnellen Set (Punk eben!?) und einer Gitarre-Gesang-Adaption des TRIO-Klassikers \"DaDaDa - ick lib dick nickt, du libs mick nick\", mit dem sie sich einmal spontan dem Niveau des Publikums anpaßten. Sonst standen sie über den Leuten, was nicht viele merkten, während die New Yorker - vereinfacht gesagt - abräumten. QUICKSAND sind mit ihrer Support-Funktion auf der Bekanntheitsskala um einiges geklettert, dieser Schachzug der Wiederbelebung des im Hinblick auf Verkaufszahlen doch eher minder erfolgreichen Quartetts wird sich bei Erscheinen von \"Manic Compression\" hoffentlich bemerkbar machen.
Noch ein Nachtrag zu \"die Welt ist voll von Scheiße\". Auf dem Parkplatz hatten Birk und ich noch ein \"Generation X\"-Erlebnis. Eine \"junge Frau\" saß auf unserem Gefährt. Als wir sie nötigen mußten, mit ihrer \"männlichen\" Begleitung selbiges zu räumen, folgte eine recht desillusionierende Konversation.
Sie: \"Das ist aber jetzt 'n Zufall, daß ihr ausgerechnet mit diesem Wagen fahrt!\"
Ich: \"Das Leben ist voll von Zufällen.\"
Sie: \"Das Leben ist voll von Scheiße!\"
Ich: \"Wie alt bist du?\"
Sie: (lügt) \"Fünfundzwanzig.\" Begleitung kichert.
Ich: (beim Einsteigen) \"Schon klar!\"
Sie: \"Ey, wenn ihr jetzt zu Mc Donalds fahrt, bringt ihr uns was mit?\"
Birk: (im Scherz) \"Nö, wir sind p.c.\"
Sie: \"Da müßt ihr euch aber beeilen, das Pi Si ist doch in Bielefeld!\"
Eigentlich hätte ich mir ihre Personalien notieren müssen, um sie bei der \"Association For The Rescue Of Cool Youngsters\" zu melden.
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