Yo La Tengo

geschichten-fragmente

07.04.1995, 11:14, Text: Autor unbekannt

Das Angenehme daran: Praktisch jeder seiner Sätze ist zitierbar, und man hat das Gefühl, sich nutzbringend mit einem erwachsenen Menschen zu unterhalten, der zudem noch feine Geschichten zu erzählen hat - oder wenigstens Fragmente von Geschichten. Dem entspricht auch die Musik von YO LA TENGO. Die meistens als Trio spielende Band aus dem Manhattan gegenüber gelegenen Hoboken/New Jersey macht seit zehn Jahren Platten voller Ideen und Experimente; Platten, die stilistisch immer nur ungenau einzuordnen waren und sind, insbesondere, wenn man derzeit geltende Kategorien anwenden will. Für das gegenwärtig in den USA so erfolgreiche Senderformat \"Adult Album Alternative\", in dem gestandene Größen wie T-BONE BURNETT einen zweiten oder dritten Frühling genießen, in dem sich aber auch neuere Künstler wie SHERYL CROW, die COUNTING CROWS oder BIG HEAD TODD AND THE MONSTERS finden, sind YO LA TENGO zu schwierig und zu sperrig.

Und für PAVEMENT-artige Low-Fi-Musik sind sie zu reif und ihre Songs zu durchkomponiert.
Irgendwo zwischen Rock und Noise bewegen sie sich wohl, aber jedes ihrer bislang sechs Alben klingt anders, und \"Electr-O-Pura\", das gerade erschienene siebte, wirkt bei jedem Durchhören neu. Das Labelinfo stellt die Frage, ob es sich um eine Art Konzeptalbum zum Thema populäre Kultur handeln könnte. Kaplan schüttelt den Kopf: \"Das Wort Konzeptalbum macht mich ganz nervös. Es klingt, als hätten wir einen Plan gehabt. Dabei gab es definitiv keinen Plan.\" ... Selbst der Titel ist Zufall: Er wurde von dem Etikett einer mexikanischen Limonadenflasche inspiriert. Im November letzten Jahres reisten YO LA TENGO zu ihrem Produzenten Roger Moutenot, der nach Nashville gezogen war, und nahmen dort die Stücke für \"Electr-O-Pura\" auf. In einem Flaschenmuseum stießen sie auf eine - leere - Flasche mit diesem seltsamen Namen und kauften sie für sechs Dollar.
Nie wirken die Songs oder die Band gehetzt; es ist erstaunlich, wie sie so viele Ideen so entspannt umsetzen können. Der Überfluß ergießt sich dann in zahlreiche Bandprojekte, die Ira Kaplan und Georgia Hubley nebenbei laufen haben, und in das Aushelfen bei befreundeten Musikern wie JAD FAIR und ELEVENTH DREAM DAY. Letzten September erweiterten YO LA TENGO ihren Horizont und den eingeschworener Country-Fans - als Vorgruppe bei drei Konzerten von JOHNNY CASH: \"Das war für alle Beteiligten eine neue Erfahrung\", lächelt Kaplan, \"aber es war natürlich großartig, auch wenn die meisten im Publikum nicht so recht wußten, was sie mit unserer Musik anfangen sollten.\"
So richtig taut Ira Kaplan nur auf, wenn er eine Geschichte erzählen kann. Theoretische Überlegungen, beispielsweise zur Rolle populärer Kultur in der Musik von YO LA TENGO, mag er nicht anstellen, obwohl er durchaus über das nötige Handwerkszeug verfügt; das verrät schon seine überlegte Wortwahl. Kaplan war überdies früher Musikjournalist. Heute tut er diese Beschäftigung als unwichtig ab und behauptet auch, daß es ihm egal sei, wie Interviews mit ihm geführt würden, denn er denke niemals \"Das ist eine blöde Frage, die hätte ich anders gestellt\" oder ähnliches. Doch wer unter anderem die Linernotes zu BAD BRAINS-Platten geschrieben hat, kann so ganz unbedarft und unbedeutend auch wieder nicht gewesen sein. Vielleicht gibt es nur keine Geschichte her. Da ist die Frage nach den Songtiteln auf \"Electr-O-Pura\" schon ergiebiger. Können Hörer außerhalb des eigenen Landes die Anspielungen und Verweise überhaupt verstehen? \"Nun, es macht mir eigentlich keine Sorgen, daß Nichtamerikaner vielleicht nicht alles nachvollziehen können\", überlegt Ira Kaplan. \"Manches ist ohnehin so dunkel, daß niemand, Amerikaner eingeschlossen, die Quellen kennt. Tom Courtenay zum Beispiel, an den erinnern sich die wenigsten.\" Hinter Tom Courtenay, nach dem ein Song benannt wurde, verbirgt sich ein älterer britischer Schauspieler, der immer noch aktiv ist. \"Wir hätten ihn gern in unserem Video gehabt. Er war zu der Zeit sogar an einem New Yorker Theater engagiert. Er rief persönlich die Produktionsgesellschaft an, um höflich abzusagen. Das ist natürlich schon cool genug, oder wenigstens beinahe.\"
Auch \"The Ballad Of The Red Buckets\" verweist auf tatsächliche Personen, in diesem Fall eine Band aus New Jersey. Doch das Stück erzählt nicht die Geschichte jener Musiker, sondern heißt so, weil es Ira und Georgia an die Musik der Band erinnert. Auch hier versteckt sich wieder ein Geschichtenfragment: \"Ich war mal Mixer im Maxwell's, einem renommierten Club in Hoboken. Ich wurde oft gefragt, ob ich Musik nicht satt hätte, weil ich als Kritiker und Soundmann arbeitete. Als Musikjournalist ging es mir nie so, weil ich zum Glück nur über das schrieb, was mich interessierte.\" Als Mixer war das allerdings anders: \"Ich war der jeweiligen Band ausgeliefert. Manchmal stand ich da, alle Bands des Abends waren völlig mittelmäßig, und ich dachte, sie spielen ja nicht eigentlich schlecht, vielleicht mag ich ganz einfach keine Musik mehr. Absolut deprimierend. Doch eines Abends standen die RED BUCKETS aus Pennsylvania auf der Bühne. Sie veröffentlichten eine einzige Single, lösten sich irgendwann auf, keiner kennt sie. Irgendwann probten wir einen alten Song, und plötzlich klang er ganz anders. Er erinnerte uns an die RED BUCKETS, und von da an hieß er nur noch 'das RED BUCKETS-Stück'.\"
Wie ist das nun mit der populären Kultur, dem großen Einfluß von Musik, Comics, Film, Fernsehen besonders auf Amerikaner? Kaplan sieht diesen Einfluß in seinen und Georgia Hubleys Songs nur in Details, eben in einem Songtitel. Popkultur \"ist einfach ein normaler Teil meines Lebens. Zitate zum Beispiel aus 'The Simpsons' werden in Amerika Teil der Alltagssprache, das passiert ständig. Sagen wir mal so, wer in den USA nicht fernsieht, für den ist das eine ganz bewußte und weitreichende Entscheidung. Und viele Leute haben eben kein Problem damit, viel fernzusehen, und müssen sich dafür auch nicht rechtfertigen. Der Einfluß besteht abgeschwächt auch in Europa. Für mich ist es seltsam, amerikanische Serien synchronisiert zu sehen. Es wirkt wie eine ganz andere Fassung, so als ob eine wirklich schlechte Schauspieltruppe Shakespeare spielt. Ich bin übrigens selbstverständlich der Meinung, daß die 'Simpsons' mit Shakespeare gleichzusetzen sind ...\"
Zu dieser egalitären Haltung paßt auch, daß der Mann mit den gründlichen Jazz- und Rock-Kenntnissen auf Reisen gern Zeit damit verbringt, in Secondhand-Plattenläden nach den obskureren Dokumenten amerikanischer Musikgeschichte zu suchen: Kaplan sammelt Platten, auf denen Schulkapellen Songs nachspielen. Diese Werke wurden in der Vergangenheit oft mit Hilfe der Schulen selbst veröffentlicht, um mit dem Verkauf Geld für verschiedene Projekte zusammenzubekommen. \"Es sind unglaubliche Schätze darunter\", schwärmt Kaplan. \"Man schwankt sozusagen zwischen Faszination und Grauen.\" Wer über längere Zeit hinweg intensiv mit Musik zu tun hat, spürt irgendwann unweigerlich das Älterwerden. Man hängt an alten Lieblingsbands und -genres, findet es zunehmend schwierig, sich für ganz neue Entwicklungen zu begeistern, und ist auf Konzerten deutlich älter als der Durchschnitt. Wie geht es YO LA TENGO, einer schon so lange existierenden Band, mit dem Verhältnis vom eigenen Alter zu einem Geschäft, in dem Jugend eine große Rolle spielt? \"Ich denke, da hat sich viel verändert\", sagt Ira Kaplan. \"Es gibt viele Musiker, die schon lange dabei sind und die unverändert gut und glaubwürdig sind - LOU REED, NEIL YOUNG und so weiter. Die Frage nach dem Aufhören stellt sich nicht mehr. Wir spielen auch mit 50.\"



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aus Intro #24 (Mai 1995)
 
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