Faith No More
"the gentle art of making enemies" ...
01.04.1995, 20:50, Text: Autor unbekannt
Am Abend des 16. Januars sollten FAITH NO MORE mit goldenen Schallplatten für die Verkaufserfolge ihres \"Angel Dust\"-Albums geehrt werden. Zu diesem Anlaß versammelte sich in einer sonst von Bankern frequentierten Schickie-Kneipe eine große Anzahl illustrer Gäste, um bei Getränken nach Wahl und großem Buffet der Verleihungszeremonie und Vorstellung des neuen Albums beizuwohnen. Bei der Entgegennahme ihrer Trophäen machte die Band einen etwas gequälten Eindruck, war diese Kneipe doch nicht gerade die Umgebung, in der man sich normalerweise aufhalten würde. Selbigen Eindruck hinterließ auch eine Vielzahl der Anwesenden. Bis zu der erlösenden Präsentation einiger neuer F.N.M.-Songs versuchte ein miserabler DJ mit seiner geglätteten Hausmannskost den Abend zu untermalen, was sich jedoch als ein Griff ins Klo erwies.
Das sollte DIE Band sein, die noch auf ihrem letzten Album - Keyboard-weichgespült - den Weg in die ewigen Chartjagdgründe angetreten hatte? Nicht wenige waren ähnlich überrascht wie meine Person. Aber warum in aller Welt hatte sich FAITH NO MORE dann von Jim Martin getrennt, der sich nach dem letzten Album mit seiner Arbeit so arg in den Hintergrund gedrängt fühlte, daß er keinen Hehl daraus machte und jede Gelegenheit nutzte, es lauthals zu skandieren?
Aufschluß versprach ich mir von einem Gespräch mit Bassist Billy Gould am darauffolgenden Tag, war mir aber natürlich bewußt darüber, daß ich mit dieser Frage einen wunden Punkt ansprechen würde. Ich traf Billy einigermaßen gestreßt vom Interviewmarathon und der zurückliegenden Nacht, jedoch gut gelaunt in seinem Hotelzimmer.
\"Aus zweierlei Gründen spreche ich nicht gerne über all die negativen Dinge, die passiert sind. Zum einen, weil ich nichts Schlechtes über Jim sagen möchte, zum anderen, weil ich keinerlei Lust verspüre, andauernd in der Vergangenheit rumzukramen. Die musikalischen und menschlichen Differenzen zwischen Jim und uns waren nicht mehr zu kitten, deshalb haben wir uns von ihm getrennt. Wir haben diese Entscheidung nicht getroffen, um sie zum Thema unserer neuen Platte zu machen, und ich möchte auch nicht weiter darauf rumreiten. Das Leben geht weiter!\"
Das war's. Schade nur, daß dies nur die eine Seite ist. Gerne hätte ich auch Jims Statement zu dieser Angelegenheit gehört. Zu hören war hingegen, daß man ihm seinen Rauswurf per Fax mitgeteilt hatte. Nicht gerade die feine Art. Gerade aber die Unkonventionalität dieser Entscheidung spiegelt sehr viel vom Sein dieser Band wider, die doch zu den ersten zählte, die mit ihrer Verquickung verschiedenster Stilelemente den mittlerweile abgedroschenen Crossover-Begriff prägten. Das grandiose '89er Machwerk \"The Real Thing\" war sogar eines der ersten dieser Art, welches kommerzielle Erfolge erzielen konnte. Das Unerwartete zu tun, scheint eine Prämisse der charakterlich sehr unterschiedlichen Bandmitglieder zu sein. So ist Sänger Mike Patton, auch durch sein skurriles MR. BUNGLE-Projekt bekannt, augenscheinlich eine Person, die sich immer auf dem schmalen Grat zwischen Genialität und Wahnsinn bewegt, dabei jedoch den Eindruck eines Pennälers erweckt, der jeden Moment zum Monster werden kann. Während der sich offen zu seiner Homosexualität bekennende Keyborder Roddy Bottum eher von der stilleren Sorte ist, scheint Drummer Mike Bordin immer bester Laune und zu Scherzen aufgelegt zu sein. Billy selbst, der gerne abgefahrene Geschichten zum besten gibt, ist der Geschäftsmann der Band. Zum neuen Gitarristen Dean Menter gibt es nichts zu sagen, außer daß er an den Arbeiten zu \"King For A Day ...\" noch gar nicht beteiligt war. Den Part übernahm Trevor Spruance, der ansonsten für MR. BUNGLE in die Saiten greift. Warum es zu dem erneuten Wechsel auf dieser Position kam, erläutert Billy: \"Nachdem es mit Interviews losging und Fotos von ihm gemacht wurden, fühlte sich Trevor unsicher. Er sagte, daß er das alles im Grunde nicht möchte, daß er lieber dort bleiben wolle, wo er bislang war, ohne diesen ganzen Trubel. Besser so, als wenn er irgendwann mitten in der Tournee zu dieser Einsicht gekommen wäre. Danach hat Dean seinen Posten übernommen. Er ist ein alter Freund von uns, und so war es kein Problem, ihn zu integrieren. Man muß auch kein Wundergitarrist sein, um bei FAITH NO MORE zu spielen. Es gilt, unsere musikalischen Intentionen zu verstehen und sich selbst ein wenig einzubringen, dann läuft die Sache schon von selbst. Wir sind alle unterschiedlichen Charakters, die gemeinsame Basis ist die Musik, bei der wir zueinanderfinden. So ist es auch mit Dean. Jeder in der Band hält ihn für den geeignetsten für diese Position.\"
Ob diese Vorhersage zutreffend ist, wird das neuformierte Quintett beweisen müssen, was jedoch außer Frage steht, ist die hohe Qualität des neuen Albums, welches durch seine Unkoventionalität und Härte erheblich an Boden gutmachen wird, besonders bei den alten Fans. Mächtig aufs Gaspedal haben sie gedrückt. Schon der Opener \"Get Out\" katapultiert den Hörer mit Bleifuß auf den Highway. Mit dem gewöhnungsbedürftigen \"Ugly In The Morning\" setzen die fünf sogar noch einen drauf. \"Digging The Grave\" wird als erste Single-Auskopplung Akzente zu setzen wissen, kommt dieses Stück doch mit seinen Punk-Anleihen so gar nicht \"F.N.M.-like\" daher. \"So was wollten wir immer schon mal machen. Das gehört zu unseren Roots\", erklärt Billy diese doch recht ungewohnte Seite der Band. Während \"Evidence\" auf einfühlsame Weise in Grenzbereiche des Acid-Jazz tendiert, gibt es bei \"Just A Man\" Soulsängerinnen zum Finale, womit wieder einmal der Beweis angetreten wurde, daß Eindimensionalität nicht zum Wortschatz dieser Herren gehört.
Produziert hat diesmal nicht Matt Wallace, sondern sein Namensvetter Andy Wallace. Ersterer sei bislang ihr einziger Produzent gewesen, und da war es an der Zeit, mal andere Ohren entscheiden zu lassen, was das Beste für die Band ist. \"Du kannst uns Wallace-Fetischisten nennen\", bekundet Billy unter lautem Gelächter. Auf die Frage, ob neben Patton auch andere schon mal über Solo-Aktivitäten nachgedacht hätten, er selbst z. B., erklärt der Besitzer eines eigenen Home-Studios, daß er sehr wohl interessiert sei, in dieser Richtung tätig zu werden. Bei ihm würde diese Angelegenheit aber wohl eher in Richtung Filmusik gehen. Patton selbst scheint schon wieder mit neuem Material für sein MR. BUNGLE-Projekt beschäftigt zu sein. Gemeinsam sind Patton und Gould, neben einigen anderen, als Gastmusiker auf dem neuen MILKCULT-Album zu hören. Für das nächste FAITH NO MORE-Album wollen sie sich auf keinen Fall wieder drei Jahre Zeit lassen, bis dahin gibt es auf \"King For A Day, Fool For A Lifetime\" aber noch eine Menge Hörenswertes zu entdecken.
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