Keziah Jones

und die kraft des ursprungs

20.03.1995, 10:55, Text: Autor unbekannt

Wundern, daß ihm die Gesundheit letzendlich ihren Dienst versagte, muß sich der Kritikerliebling und hartnäckigster aller Insidertips wahrlich nicht, kam er doch seit der Veröffentlichung seines '93er Debüt-Albums \"Blufunk Is A Fact\" kaum zum Luftholen. Endlose Promotion-Termine, Clubtourneen und schließlich eine USA-Tour im Vorprogramm von GEORGE CLINTON und BOOTSY COLLINS brachten nicht nur die beiden Saiten seiner umfunktionierten Spezialgitarre zum Glühen, sondern auch die Nerven des Künstlers, der sich nach Beendigung der Tourneen schon bald bei der Arbeit an seinem zweiten Album wiederfand, welches in diesen Tagen veröffentlicht wird.

Titel des Werks: \"African Space Craft\", was irritierenderweise den Gedanken an vom schwarzen Kontinent aus startende Raumschiffe schürt, eine Assoziation, die den vor sich hin brütenden JONES dann doch zum Schmunzeln bringt. \"African Space Craft\", erklärt er mir, \"hat nichts mit Raumfahrt zu tun. Mit Space meine ich die Fähigkeit des Geistes, sich einen Horizont zu schaffen, der über das eigene Ich hinausreicht, eine Art globales Bewußtsein, aus dem sich Kraft schöpfen läßt. Afrikanisch deshalb, weil ich glaube, daß diese Art Energie in meinem Volk steckt, ohne daß jemand sie nutzt.\"
Man mag Zweifel daran haben, ob der gebürtige Nigerianer wirklich die Zeit hatte, sich während des ganzen Karrierestresses noch um die philosophischen Ansätze seiner Herkunft zu kümmern. Musikalisch jedoch ist die Rückbesinnung auf ursprüngliche afrikanische Rhythmen durchaus spürbar. Wo das Debütalbum noch von jazzig-verspielter Großstadtmusik dominiert wurde, glänzt \"African Space Craft\" mit aggressiven Riffs, beinhartem Funk-Bass und einem feinen Gespinst aus afrikanischer Rhythmusarbeit, die sich wie ein Thema durch alle Songs zieht und von dem beeindruckenden Soundspektrum der Blufunk-Gitarre unterstützt und verstärkt wird.
Doch obwohl KEZIAH JONES mit seinem zweiten Album Ecken und Kanten zeigt, hat er nichts von einem dieser zornigen jungen Männer, sondern verpackt seine Frustrationen eher in gediegene Arrangements, anstatt sie dem Konsumenten um die Ohren zu schlagen. Seine Musik allein diene ihm als Botschaft - wer etwas genauer hinhören will, werde schon erkennen, was wirklich dahintersteckt, formuliert er sein etwas lasches Credo: \"Ich habe keine Lust, mit ausgestrecktem Finger auf bestimmte Sachen zu zeigen. Wenn es Leute gibt, die meine Musik mögen, weil sie sich dazu bewegen können, dann ist das völlig in Ordnung. Ich weiß aber, daß es auch ein paar gibt, die sich die Mühe machen, Musik wirklich zu 'hören', sie auf sich wirken zu lassen, und den tieferen Sinn erkennen.\" Sinn? Message? Steckt hinter dem coolen, stets auf Distanz bedachten JONES also doch ein Missionars-Geist? \"Möglicherweise bin ich eine Art Botschafter, wenn es darum geht, Hörgewohnheiten umzukrempeln, aber diejenigen, die diese Botschaft wirklich hören wollen, müssen schon etwas mehr dafür tun, als nur in einen Plattenladen zu gehen und sich eine CD zu kaufen. Sie müssen versuchen, in die Musik einzutauchen, sie so zu erfahren, wie ich sie erfahren habe, dann kommen sie von allein dahinter, was gemeint ist.\"
Wie dem auch sei, Gelegenheiten, den Mysterien von KEZIAH JONES näher auf den Grund zu gehen, sollte es in diesem Jahr genug geben, denn der momentan von Viren Gebeutelte trachtet danach, seine Anhängerschaft mit einer weiteren Tournee durch europäische Gefilde um das eine oder andere Kontingent zu vergrößern. Diese jedoch wird sich wohl auch weiterhin vorrangig aus dem Jazz- und Funk-Genre rekrutieren, wo nun einmal der Spaß an anspruchsvoller Musik vor dem tieferen Sinn kommt. Eine Auffassung, die für manche Spielarten zeitgenössischer Klangkunst ganz einfach effektiver ist, denn man will sich ja schließlich an der Musik ergötzen und sich vielleicht an der einen oder anderen kompositorischen Besonderheit erfreuen, ohne viel über Messages nachzudenken. Und genau darüber, lieber KEZIAH JONES, solltest Du, bei allem Respekt, noch einmal gründlich nachdenken. Gesundheit ...!



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aus Intro #23 (April 1995)
 
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