Moby

alles ist falsch

15.03.1995, 21:57, Text: Autor unbekannt

Zur nicht sonderlich großen Überraschung seiner Fans landete er mit \"I'm Feeling So Recal\" bei uns einen echten Top-Twenty-Hit, gleichzeitig veröffentlichte er sein erstes Album \"Everything Is Wrong\", dessen Chart-Qualitäten schon im letzten INTRO beurteilt wurden. Herausragendes Moment ist die sicher nicht alltägliche Mischung von Techno, Ambient, Disco-Pop und Speed Metal, jeder Stil in einem eigenen Song. Metal auf einer Techno-CD?? Wer MOBY bei der '94er POPKOMM. erlebt hat, den wird diese Zusammenstellung von Musik nicht weiter erstaunen. Schon dort probierte er die Reaktionen seines Publikums aus, als er zu einer Gitarre griff.
Die Ursprünge seiner Kreativität liegen in den eigenen musikalischen Anfängen.

Zu Beginn der 80er Jahre startete er als Gitarrist und Keyboarder in diversen New Yorker Punk-Bands; in der Szene, die heute mit GREEN DAY wieder ihr Revival erlebt und somit ihre endgültige Generation-X-taugliche Ausschlachtung erlebt, was MOBY \"... ziemlich widerlich findet.\" Für den damals knapp 20jährigen war die Erfahrung mit Punk die wohl entscheidendste in seinem Leben. Zuvor hatte er mit seiner Mutter in diversen Kommunen auf dem Land gelebt. \"Ich hatte keine Familie im klassischen Sinne, ich wuchs eher in einer Großfamilie auf. Ganz so, wie es in schlechten Filmen über die Hippies immer gezeigt wird. Wir wohnten in Wohnwagen, und ich verbrachte die meiste Zeit draußen. Alles sehr idyllisch. Irgendwann wurde es mir aber zuviel. Ich hatte das Gefühl, etwas zu verpassen, und bin über Umwege in New York gelandet. Der Punk war genau die richtige Musik, um meine Aggressionen loszuwerden.\" Mit dem jämmerlichen Verenden der amerikanischen Punk-Szene, die - als \"Alternative\" deklariert - Marktanteile und Zuhörer zurückgewinnen konnte, beschloß MOBY, sein Betätigungsfeld zu verändern. Er begann mit experimentellen elektronischen Sounds herumzuspielen und mit der explosionsartigen Entwicklung im Dancebereich konnte er die ersten Erfolge für sich verbuchen. MOBYs persönlicher Musikgeschmack ist dagegen eher skurril zu nennen. \"Hyper, Hyper\" von der geschätzten Retorten-Formation SCOOTER findet er \"... gelungen, weil es wunderschöne Melodien hat\", und DJ BOBO mag er sich auch nicht verschließen, \"... weil der klasse Klavierparts einbaut.\" Und überhaupt findet er, \"daß gerade ihr Deutschen zur Zeit die absolut beste Dance-Musik macht.\" Auch hier zeigt sich, wie schwer MOBY einzuschätzen ist. Glaubt man eben noch, einem melancholischen Künstler gegenüberzusitzen, erweckt er fünf Minuten später den Eindruck, ein Aktivist der Friedens-, Ökologie- und Tierversuchsgegner-Bewegung zu sein. So druckt MOBY im Booklet seines Albums auch keine Texte, sondern Zahlen über den sich verschlechternden Zustand unserer einen Welt ab. Ob er glaubt, damit etwas verändern zu können? - \"Ich weiß nicht, ob ich etwas ändern kann. Aber ich glaube, ich kann die Leute auf etwas aufmerksam machen, sie vielleicht zum Nachdenken bringen. Ich versuche das nicht über meine Musik, sondern nutze alle Medien, die mir zur Verfügung stehen, z. B. das Booklet oder auch ein einfaches Gespräch. Als gläubiger Christ - der von den Dingen überzeugt ist, die in der Bibel das menschliche Zusammenleben regeln, wie Nächstenliebe und die Achtung, die man gegenüber fremdem Leben haben sollte - sehe ich es als eine moralische Pflicht, diese Dinge, die ja auch uns selbst zerstören, uns unsere Lebensgrundlage wegnehmen, publik zu machen. Mir ist es mehr als wichtig, den Dingen, die mich persönlich bedrohen, entgegenzutreten.\" Der Glaube befähigt MOBY auch, seinen 16-18-Stunden-Tag im Studio durchhalten zu können. Dabei ist seine Religiosität nicht von jener kruden und verstaubten, typisch europäischen Attitüde, sondern die sozusagen amerikanische Variante, die zwischen Fanatismus und einem modernistisch gewandelten persönlichen Glauben schwankt. Bei MOBY ist letzteres Trumpf und äußert sich eigentlich auch nur in \"Thanks To Christ\" auf jeder CD.
Nach der Tour will er sich mit der Umsetzung seiner musikalischen Ideen in virtuelle Bilder auseinandersetzen, kurz, er möchte ein CD-I oder eine CD-Rom auf den Markt bringen. \"Zu jeder musikalischen Ideen existiert ein Bild in meinem Kopf. Ich möchte diese Bilder weitervermitteln. Bis jetzt habe ich mich auf dem Video-Sektor bemüht (Regie beim 'Hymn'-Video), aber das hat mich nicht befriedigt. Die Möglichkeiten sind zu eingeschränkt, Bilder, die ich im Computer generieren und aus meinem Gedächtnis schaffen kann, entsprechen doch direkter dem, was ich ausdrücken möchte, als irgendwelche Aufnahmen, die man schon mal gesehen hat. Je persönlicher die Dinge, die du schaffst, sind, desto mehr kannst du mit ihnen erreichen, weil sie von einem Publikum als neu und damit interessant eingestuft werden. Ich will damit nicht sagen, daß ich wahnsinnig interessante Dinge zu sagen hätte, aber ich möchte die Menschen wieder dafür interessieren, was einmal selbstverständlich war. Dazu gehören auch bestimmte Werte, wie sie in Religionen vermittelt werden. Und um Menschen von etwas überzeugen zu können, muß man ihnen eben einen neuen Reiz geben.\"



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aus Intro #23 (April 1995)
 
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