Pavement
mitten aus dem keller
04.03.1995, 16:24, Text: Autor unbekannt
Sich PAVEMENT musikalisch zu nähern, ist ja schon ein Ding für sich. PAVEMENT-Kopf Steve Malkmus näherzukommen, ist ein fast unmögliches Unterfangen. Er mag so gar nicht über sich und PAVEMENT reden, eher darüber, ob er die Gitarre links oder rechts hält, ob er ein Plektron benutzt oder nicht ... \"Eigentlich mag ich gar keine Interviews. Wofür sind die gut?\" Trotzdem begibt er sich auf eine fast sechswöchige Promotion-Tour durch Deutschland, Skandinavien, Frankreich, Spanien und Italien. \"Das habe ich mir ja selbst ausgesucht. Ist wohl mein Job.\" Warum läßt er es nicht einfach bleiben, so wie Eddie Vedder von PEARL JAM, der gar keine Interviews mehr gibt? \"Eddie hat halt einen ganz anderen Stellenwert, obwohl ich diese strikte Politik auch nicht verstehe.
Wäre die Variante, die VAN MORRISON schon seit ein paar Jahren wählt - sich völlig von der Medienwelt abschotten, irgendwo in den Bergen wohnen und, um das Konto ein wenig aufzufrischen, alle paar Jahre mal eine Platte auf den Markt bringen -, eine Alternative? Ein kurzes Leuchten glimmt in Steves Augen auf: \"Das wäre schon genial. Aber ich würde mich nicht in die Berge verziehen, ich würde weiter in New York leben wollen. Oder vielleicht doch Kalifornien? Aber auf gar keinen Fall in Europa. Hier ist es zwar ganz niedlich, aber irgendwie fühle ich mich nicht so recht wohl. Ich glaube, ich könnte hier nie die Musik schreiben, die ich in New York schreibe.\" Womit wir dann doch bei der Musik von PAVEMENT gelandet wären. \"Was soll ich dazu sagen? Es sind 17 Stücke auf dem neuen Album, und wir haben sie in relativ kurzer Zeit aufnehmen können. Wenn du einen Artikel schreibst, kannst du dann sagen, warum du ihn so geschrieben hast? Klar, ich kann dir sagen, warum wir so klingen, wie wir klingen, weil wir uns nämlich einfach nicht so wie MICHAEL JACKSON anhören wollen. Aber einen Song auseinanderzunehmen, warum er so ist, wie er ist, ist doch Blödsinn. Warum schreibst du den einen Satz, so wie du ihn schreibst? Selbst wenn du es sagen kannst, lüftest du damit doch dein Geheimnis. Manchmal machst du doch Sachen, um die Leute für einen Moment an der Nase herumführen zu können. Du wirfst ihnen einen Brocken vor, weil du sie zum Nachdenken bringen möchtest.\"
Bei den Songs auf \"Wowee Zowee\" handelt es sich größtenteils um Zwei-bis-drei-Minuten-Stücke - laut, schnell, mit starken Anleihen beim wiedererstarkten amerikanischen Punk. Mal scheint es, daß Steve seine Innereien im CD-Player verteilt, mal scheint er völlig geistesabwesend zu sein. Mal geht es um Emotionen, mal wird man überhaupt nicht schlau aus dem, was da rüberkommen soll. Soll überhaupt was rüberkommen? \"Weiß ich nicht. Hauptsache, es gefällt uns, was wir aufnehmen. Ich bin außerdem kein Politiker, der nach dem Motto agiert: Jeder Satz ein Volltreffer. Interessiert mich nicht.\" \"Eigentlich ist das doch merkwürdig. Ich meine, du mußt dieses Interview machen ...\" - Nö, muß ich nicht. - \"Warum machst du es dann?\" - Weil ich dahinter schauen möchte, ob PAVEMENT nur die Massen amüsieren wollen oder ob da noch was anderes hintersteckt. Was Künstlerisches z. B. - \"Na gut, also du machst dieses Interview und schreibst dann irgendwas. Und jemand liest das und denkt sich seinen Teil. Aber ist das, was du von mir verstehst, auch das, was du dann schreibst, und kommt das so beim Leser an? Ich finde das sehr verwirrend. Ich meine, du kannst nicht das denken, was ich denke. Ich kann es dir sagen, aber ich weiß immer noch nicht, ob du dann denkst, was ich denke. Und wenn du den Artikel schreibst, kannst du doch nur hoffen, daß das, was du denkst, auch das ist, was ich gedacht habe, und daß das dann auch noch das ist, was die Leute denken, wenn sie deinen Artikel gelesen haben. Aber wie können sie das?\" Diese Problematik ist ein für PAVEMENT wichtiges Element, um die nicht gerade besonders klare Linie in ihrem Wirken erkennen zu können. Die Angst vieler Künstler, ob das, was man macht, andere Assoziationen beim Betrachter/Zuhörer hervorruft, als man eigentlich möchte ... PAVEMENT umgehen diese Frage und die dazugehörige Antwort geschickt, indem sie eine unnahbare Aura um sich und ihre Musik schaffen. Man kommt an sie heran, aber nur ein kleines Stück, und niemals hat man das Gefühl, sie wirklich ganz zu verstehen. Das läßt ihnen viele Freiheiten, birgt aber auch die Gefahr, nicht nur der Inhalte, sondern rein der Musik wegen akzeptiert zu werden. Also doch nur ein Hype? \"Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, daß wir gehypt werden. Naja, es hat uns schon gewundert, wie stark unsere letzte Platte ankam. Aber wir haben uns nie unter Druck gesetzt gefühlt. Wenn ich recht darüber nachdenke, haben wir uns nie Gedanken gemacht, ob wir auf dem neuen Album etwas anders machen wollen. Da man ja selten das wiederholt, was man schon zur Genüge ausgeschlachtet hat, war es gar keine Frage, daß sich der Sound auf unserem nächsten Album anders anhören würde. Wie, darüber haben wir uns nie Gedanken gemacht. Daß es 17 Stücke geworden sind, hat uns aber auch gewundert. Wir waren ja zwischendurch auch immer mal auf Tour.\"
Je länger das Interview dauert, desto gesprächiger wird Steve. \"Das ist schon ein merkwürdiges Leben, das man so führt. Meine Wohnung sehe ich nur für ein paar Tage im Jahr. Den Rest der Zeit verbringe ich in Studios, auf Bühnen und bei Interviews. Ich meine, es ist ganz spaßig, aber ab und zu fragt man sich schon, was man dafür bekommt. Eigentlich sollte man sich darüber überhaupt keine Gedanken machen.\" Die Gefahr, die ein solch aufreibendes Leben mit sich bringt, ist die, sich irgendwann mal vor einem großen schwarzen Loch zu befinden, dem künstlerischen Burn-Out in die Augen zu schauen. \"Davor habe ich schon Angst, denn ich habe nichts außer der Musik vorzuweisen. Es war immer mein Ziel, Musiker zu werden. Und ich wußte, daß ich irgendwann mal damit Geld verdienen kann. Aber ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, was danach kommen kann. Vielleicht wache ich morgen auf, und alles ist weg. Der Erfolg, meine Kreativität, alles. Ziemlicher Horror.\"
Die weitere musikalische Entwicklung von PAVEMENT sieht Steve auch im Dunkeln. \"Wir machen jetzt erstmal eine ausgedehnte Welttour. Japan und so. Was danach kommt, ist mir egal. Ich denke, wir werden wieder ins Studio gehen und neue Sachen aufnehmen. Vielleicht mit ein bißchen Elektronik drin. Ich fände das mal witzig. Aber die Gitarre wird immer unser Instrument bleiben. Vielleicht nähern wir uns auch ein bißchen dem kalifornischen Surf Punk. Bin ich schließlich mit aufgewachsen. Ach nein, vielleicht doch eher Punk. So GREEN DAY-mäßig. Kurz, hart und schnell. Oder wie MINUTEMAN. Weiß nicht. Weißt du, welche Artikel du in einem Jahr schreiben wirst? Also, jetzt kann ich mich wirklich aufregen. Immer diese Interpretationen im voraus. Warum will man immer alles interpretieren? Kann man die Dinge nicht mal so lassen, wie sie sind?\" Die nach Informationen gierende Presse, dieses ständige Verlangen der Menschen, alles und jedes erklären zu wollen, sind für Steve ein Greuel. \"Ich kann das ja verstehen, geht mir ja genauso, aber was mich und meine Musik angeht, kann ich das einfach nicht erklären. Ich gehe in einen Keller und mache Musik. Das war's. Mehr nicht. Ab und zu presse ich was davon auf eine Platte. Ich gehe in New York in einen Keller, und meine Musik hört sich dann so an. Ich kann dir sagen, daß sie sich deswegen so anhört, aber was sagt dir oder deinem Leser das? Was verstehst du dann mehr als vorher?\"
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