Shock Therapy

ein nettes, umgängliches kerlchen lädt zur lesung

02.03.1995, 14:56, Text: Autor unbekannt

Nun wissen also alle, daß Itchy ein Buch geschrieben hat ... \"Zwei!\" verbessert mich selbiger. \"'Psycho the Clown' und noch eins voll wüster Kurzgeschichten, ein paar davon habe ich vorhin auch eingeflochten. Außerdem sind meine ganzen Bilder drin. Und noch eine 6tägige, fotographische Scheiß-Studie ...\" - In Farbe? - \"Selbstverständlich, ich habe meinem Körper dafür extra die fürchterlichsten Dinge angetan, um möglichst gute Ergebnisse zu bekommen!\" Da sind wir aber alle gespannt. Begutachten können wir diese Komposition geistig-körperlicher Ausscheidungen des Künstlers vermutlich im Mai, falls dem Übersetzer bis dahin nicht allzuoft schlecht wird.

Aber zurück zu \"Psycho\". Warum mußte die Hauptfigur denn unbedingt ein Clown sein? (Ich HASSE Clowns!) Voller Überzeugung erwidert Itchy: \"Aber ich BIN einer! Okay, das hat schon einen psychologischen Hintergrund, ich hätte sonst auch keine Gelegenheit, meine psychologischen Kenntnisse anzubringen, da mir sowieso niemand traut. Aber ich habe extra eine Figur gewählt, der die Leute ihr Vertrauen schenken würden, insbesondere kleine Kinder. Und dann packe ich die Leute mit eben dieser Figur bei ihren übelsten inneren Ängsten.\" Zur Information: Psycho ist ein Päderast übelster Sorte und obendrein noch nekrophil (d. h. besonders Leichen haben eine sexuelle Anziehungskraft auf ihn).
Gleichzeitig mit den beiden Büchern soll auch die neue CD von SHOCK THERAPY erscheinen, wobei so nach und nach mit einer Interessenverschiebung Itchys von der Musik zum Bücherschreiben zu rechnen ist, weil ihm davor graut, irgendwann ein 45 Jahre alter Punk-Rocker zu sein. Über das Wann und Wie eines solchen Wechsels ist er sich aber noch nicht im klaren, zumal sich die Bücher auch ordentlich verkaufen sollten, um davon leben zu können. Aufgrund seiner Erfahrungen im Bereich der Musik, wo er bisher nie kompromißbereit zugunsten des Erfolges war, geht er aber zuversichtlich davon aus, daß sich dieses Konzept auch auf Bücher anwenden läßt und beruft sich dabei auf Namen wie Charles Bukowski und Henry Miller.
Aber noch gibt es das eine oder andere musikalische Produkt von SHOCK THERAPY zu erwarten, beispielsweise im Mai. Die Besetzung der Musiker ist, mal abgesehen von den beiden Percussionisten, die alte geblieben. Daß in den vergangenen Jahren so viele Musiker aus der Band geschmissen wurden, schreibt Itchy ohne Umschweife seiner eigenen Sturheit zu und der Tatsache, daß er im Studio nun mal am liebsten alleine werkelt. - Warum auch nicht, schließlich stammt das ganze Material ausnahmslos von ihm. Wer könnte es also adäquater umsetzen als er selbst? Kam jemand zu sehr von diesem vorgeschriebenen Weg ab, wurde er eben gefeuert. Die aktuelle Besetzung hält Itchy allerdings zum einen für eine großartige Live-Band (das werden wir - im Mai, wann sonst!? - ja sehen!) und preist sie zum anderen als \"die beste Band, die er je hatte.\" Abgerundet wird das umfangreiche, sozusagen multimediale Projekt mit vorerst einem Videoclip unter der Regie von Jörg Buttgereit.
Die gesamten Inhalte unseres Gesprächs (die katholische Kirche; das dauernde Geschrei der Menschheit nach einem Führer; ob das Leben wirklich nur beschissen ist, und wann es Zeit ist, erwachsen zu werden; Genesis P. Orridge von PSYCHIC TV; Blixa Bargeld; geschlossene psychatrische Anstalten; ob die Revolution in Amerika wirklich bald stattfindet etc. etc.) wiederzugeben, würde zweifellos den Rahmen eines solchen Berichts sprengen. Ein Bedürfnis ist es mir aber, ein paar Worte zur Person Itchy W. Christ zu sagen. Alten Berichten zufolge hatte ich erwartet, einen durch und durch drogenverseuchten, unzurechnungsfähigen, gemeingefährlichen Irren zu treffen. Er selbst erwähnt bei allen möglichen Gelegenheiten, daß verschiedenste Leute Angst vor ihm haben, ihm nicht über den Weg trauen - das mag wohl auch so sein. Aber alles, was man diesem Mann meines Erachtens nach vorwerfen kann, ist seine Ehrlichkeit. Gut, es kommt nicht allzu häufig vor, daß jemand tatsächlich sagt, was er denkt, und auch noch meint, was er sagt. So etwas schockiert, DER Effekt ist ja bekannt. Insbesondere, wenn diese Ehrlichkeit noch gepaart ist mit einem guten Schuß vermeintlichen Größenwahns, der sich aber letztlich auch nur als das unbedingt erforderliche Selbstvertrauen entpuppt, das man wohl braucht, um seine Ideen vor Publikum zu präsentieren. Auf die Gefahr hin, daß jetzt ein sorgsam aufbereitetes Image zum Umsturz gebracht wird: Itchy ist auch nur ein nettes, umgängliches Kerlchen. Und wenn man keine Angst hat, sich mit ihm auseinanderzusetzen bzw. zu beschäftigen, tut er auch nix ...



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aus Intro #23 (April 1995)
 
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