Paris

the black panther of hiphop

25.02.1995, 10:57, Text: Autor unbekannt

Neben PUBLIC ENEMY gehört PARIS zu den wichtigsten Vertretern des Social-Conscious-Raps. Nach wie vor bietet hierzulande diese Stilrichtung im HipHop die meisten Ansätze zur Identifikation. Stellte uns PARIS bereits vor Probleme der Beurteilung seiner vielschichtigen Thesen (Black Panther, Nation of Islam), erweitert er sein Schaffen mit der Losung der Funkateers der 70er: \"free your ass and your mind will follow.\" Die Verbindung von Schönheit - im Sinne von guter populärer Musik, PARIS benutzt den G-Funk - und guten Gedanken - im Sinne von revolutionären Ansätzen - wird mit einer großen Skepsis betrachtet. Müssen wir nun eine weitere Ikone auf dem Feld der Unterhaltung begraben?
Und so wurde mir die Ehre zuteil, dieser und anderen Fragen nachgehen zu können.

Ich empfand es wirklich als Ehre, weil sein Debüt \"The Devil Made Me Do It\" sowie PUBLIC ENEMYs \"It Takes A Nation..\" meine Leidenschaft für den HipHop weckten.INTRO: Warum hast du den Namen PARIS gewählt?

PARIS: Der Name ist als Anklage gegen eurozentrisches Denken zu verstehen.

INTRO: Europäische Werte, die sich über die romantischen Vorstellungen der Stadt Paris des amerikanischen \"Durchschnittsbürgers\" manifestieren?

PARIS: Ja.

INTRO: Wie denkst du, sollte deine Musik beschrieben werden?

PARIS: Als Social-Conscious-HipHop; das bedeutet, Musik, die sich um etwas kümmert, die eine Aussage hat, die die Menschen erreichen soll, ohne sie zu langweilen.

INTRO: In all den Jahren hast du einen eigenen Stil entwickelt. Deine Musik hat eine ungeheure Spannung, die durch deine Stimme transportiert wird, eine Spannung zwischen starken Gefühlen wie Hass und Liebe.

PARIS: Ich denke, es hat etwas damit zu tun, sehr zornig und sehr traurig zu sein. Deine Gefühle existieren, zornig über die Verhältnisse zu sein und gleichzeitig darüber traurig zu sein, daß es sie überhaupt gibt. Das kann man also durchaus so sagen, wie du es getan hast.

INTRO: Nun zu deinem neuen Album \"Guerilla Funk\". Was willst du mit dem Titel ausdrücken?

PARIS: \"Guerilla Funk\" bezeichnet eine Untergrundtaktik; radikale Aussagen in unterhaltsame Musik einzuarbeiten.

INTRO: Warum hast du gerade diese musikalischen Elemente gewählt?

PARIS: Die Musik ist eine Resonanz \"to the street\", eine Erwiderung, was sich im Moment in der HipHop-Szene abspielt.

INTRO: Hast du nicht schon seit deinem Debüt mit Bezügen zum Funk gearbeitet, die heutzutage als G-Funk bezeichnet werden?

PARIS: Daß der Funk auf die eine oder andere Art und Weise auf allen Alben zu hören war, reflektiert meine Herkunft. Ich habe den Funk schon immer gemocht, so wie der Jazz sich im HipHop vieler Künstler der Ostküste wiederspiegelt. Die Westküste war immer vom Funk beeinflußt.

PARIS wurde 1967 in San Francisco geboren, ging dort aufs College und machte 1990 einen Abschluß im Fach Wirtschaft. Heute lebt er in Vallejo, in der Nähe von Oakland.

PARIS: JedeR sollte die Möglichkeiten haben zu sagen, was er will. Eigentlich sollte eher der Zuhörer kritisiert werden, der sich davon beeinflussen läßt. Es ist nicht die Aufgabe des Künstlers, Menschen zu erziehen. Du mußt nüchtern bleiben und Abstand halten können. Es ist wichtg, sich daran zu erinnern, daß Musik ein Medium von Unterhaltung ist. Du solltest niemals der Musik erlauben, dein Leben zu bestimmen. Auch für meine Art von Musik gilt: Höre zu, hoffentlich gefällt sie dir, lerne evtl. etwas davon, oder vielleicht ergeben sich sogar Diskussionen daraus.

INTRO: Siehst du inhaltliche Parallelen zwischen dem G-Funk und dem Guerilla-Funk?

PARIS: Ja, es gibt Ähnlichkeiten. Beide haben etwas mit Rebellion zu tun. Die Wut, die sich in meiner Musik widerspiegelt, ist zielgerichtet. Sie ist gegen die Maschinerie von Amerika gerichtet, \"rage against the machine\". Der Zorn der Gangsta-Musik ist ziellos, wild und rücksichtslos.

INTRO: Warum heißt dein Label eigentlich \"Scareface Records\" (berühmter Gangsterfilm)?

PARIS: Nun ja, wir brauchten einen Namen und haben diesen aufgeschnappt. Wir haben eines Abends den Film gesehen, und ich sagte: \"Okay, laßt uns 'Scareface Records' nennen. Mit mir hat der Name aber nichts zu tun, ich glaube nicht an die dargestellte Lebensweise. Es ist einfach nur ein Name, der paßte.

INTRO: Der P-Funk der 70er wurde sehr früh von sog. Hustlern und Gangstern (z. B. TOO SHORT) benutzt. Wie würdest du den Funk der 70er beschreiben, welche Theorie verbarg sich dahinter?

PARIS: GEORGE CLINTON beabsichtigte damals sicherlich nicht, daß der Funk von Gangstern und Hustlern benutzt wird (orig.: the Funk to be prostituted). Die ursprünglichen Platten von FUNKADELIC und PARLIAMENT transportierten viele Aussagen; \"One Nation Under A Groove\" beinhaltete z. B. die Idee der Einheit. Ich denke, daß ich mit \"Guerilla Funk\" Bezüge zu den Absichten und Intentionen des ursprünglichen Funk wiederherstelle. Früher sagten viele Leute: \"I'm loud, I'm black and I'm proud\" (JAMES BROWN). Viele wollen sich heute nur an Lieder wie \"I Feel Good\" oder \"Sexmachine\" erinnern und ignorieren einfach, daß JAMES BROWN Theorien von Black-Nationalism in seiner Musik hatte ..., speziell die Presse der Weißen vergißt das. PARLIAMENT und FUNKADELIC entwickelten viele revolutionäre Ideen; doch es wurde sich mit allem beschäftigt, was den Zweck erfüllte, die Intentionen des Funk zu übertünchen. Das war immer eine Motivation für mich, und ich mag diese Musik, darum habe ich sie gewählt.

INTRO: Fallen dir spontan andere Gruppen ein, die das Erbe des Funk im ursprünglichen Sinne verarbeiten?

PARIS: Viele Gruppen erreichen den Funk nicht. Hör dir die verschiedenen Riffs, Melodien und unterschiedlichen Songstrukturen auf \"Guerilla Funk\" an, und es wird offensichtich, daß ein gewisser musikalischer Level in meinen Stücken erreicht wird. Viele Gruppen haben diese Fähigkeit nicht, konstruieren eine einfache Melodie und benutzen diese immer wieder, keine Songstruktur.

Um einen Einstieg in die inhaltliche Diskussion mit PARIS zu finden, habe ich ein Zitat von dem Gründungsmitglied der Black Panther, Huey P. Newton, aus dem Jahre 1969 gewählt. Newton kritisiert die African-Roots-Bestrebungen, die eine kulturelle Rückbesinnung auf Afrika einforderten. Darin erkennt er eine \"Schneckenhaustaktik\". Für ihn ist eine kulturelle Eigenständigkeit unter den Bedingungen des Kapitalismus undenkbar. Der Umsturz, die Revolution ist für ihn der einzige Weg, Freiheit zu erlangen. Ideologisch folgt er damit der berühmten marxistischen Maxime, daß Religion Opium fürs Volk sei.

PARIS: Damit bin ich teilweise einverstanden; Religion trennt die Menschen voneinander. Wir sollten für diese Fragen, die Religion betreffend, nicht so viel Kraft aufwenden. Wir sollten aber auch berücksichtigen, daß heute, 1995, viele ideologische Aussagen der Black Panther nicht mehr gültig sind. Das kapitalistische System hat sich als die weltweite Organisationsform durchgesetzt. Es gibt so gut wie keinen Widerstand dagegen. Die weltweite Wirtschaft ist vom Kapitalismus diktiert, Amerika ist vom Kapitalismus diktiert. Den Kapitalismus zu bekämpfen, ist Zeitverschwendung. Wenn du ein Idealist bist, ist das okay, ja, vielleicht wäre der Sozialismus ein besseres System; doch erreichen können wir ihn zur Zeit nicht. Du würdest dein Leben lang damit verbringen, etwas zu bekämpfen, das sich nicht ändert. Anstatt deine Energie zu verschwenden, lenke sie, um in Kontext mit dem System zu arbeiten und für dich und deine Leute bessere Bedingungen zu schaffen. Das ist es, was ich mache.

INTRO: Und wie sieht es mit den verschiedenen Konzepten aus? Wie siehst du dein Verhältnis zur Nation of Islam?

PARIS: Ich bin kein Mitglied und habe sie seit drei Jahren nicht besucht. Aber ich bin ein Muslim. INTRO: Du benutzt aber ihre Zeichen und verwendest Reden von ihnen, wie z. B. das Sample \"the revolutionary has to be wise\" auf deinem zweiten Album.

PARIS: Ja, das ist Louis Farrakhan von der N. o. I., aber die getroffene Aussage ist keine spezifische Nation-Aussage. Ein Revolutionär sollte weise und mutig sein, das ist doch allgemeingültig.

INTRO: Heißt das, daß die Annahme, PARIS tendiere zur N. o. I., falsch ist?

PARIS: Ja.

INTRO: Du stehst also eher auf der Seite der Black Panther?

PARIS: Nein, nicht nur. Ich wähle aus allen Bereichen aus, was ich für gut und relevant halte. Ich stimme mit niemandem völlig überein, weil ich für mich selber denken kann.

INTRO: Nach dem \"Guerilla Funk\"-Intro hören wir ein Gespräch, in der die jüdische Community angesprochen wird. Kannst du kurz erklären, worum es dabei geht?

PARIS: In dieser Passage wird das allgemeine Problem angesprochen, daß schwarze Geschäfte sich in keiner anderen Community halten können, weil sich niemand mit uns solidarisieren will, uns unterstützt. Und doch kann JedeR mit Hilfe rechnen, der in unsere Community kommt. Die legitime Frage lautet: Warum würdest du jemanden unterstützen, der dich nicht unterstützt? Schenke dem Beachtung, was vor sich geht, und entwickle deine eigenen Sachen; das ist es, was die Passage meint.

INTRO: Also hat das Gespräch nichts mit Antisemitismus zu tun?

PARIS: Nein, ich habe mich nie gegen Juden geäußert.

INTRO: Was können wir in Zukunft von PARIS erwarten?

PARIS: Ich bin momentan sehr mit kommenden Veröffentlichungen auf \"Scareface-Records\" beschäftigt. In diesem Jahr sind geplant: C-Funk, 4-DEEP, DA OLD SKOOL (Stimmensemble auf Guerilla Funk), BIG DAC (?), THE CONSCIOUS DAUGHTERS, COOL NUT LADINA (?).

INTRO: Good luck und vielen Dank für das Interview!



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aus Intro #22 (März 1995)
 
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