Jeff Dahl

was lange währt, ist immer besser

23.02.1995, 20:27, Text: Autor unbekannt

Bringt man den Herren Monroe, Suicide und Kramer ob ihrer raren Outputs noch ein gewisses Quantum an Aufmerksamkeit entgegen, wird die Ankündigung des neuesten JEFF DAHL-Opus' \"Bliss\" wohl wieder nur bei denen Frohlocken hervorrufen, die auch die Vorgängeralben kniend und mit gefalteten Händen gehört haben. Dabei bringt der Mann kontinuierlich Platten heraus, die jedes Punkrock-Herz im Orbit schlagen lassen. Der glühende Johnny Thunders-Verehrer, der 1977 seine erste - 1975 aufgenommene - Single veröffentlichte (\"Rock And Roll Critic\" kann man getrost als eines der ersten amerikanischen Statements des Genres bezeichnen), ist mittlerweile für viele Musiker der zweiten und dritten Generation selber zum Vorbild geworden; so haben auf der '94er Veröffentlichung \"Leather Frankenstein\" L7s Donita Sparks, auf den Vorgängern \"Wicked\" und \"Ultra Under\" CHEMICAL PEOPLE-Schlagwerker Dave Nazworthy und DREAM SYNDICATE-Gitarrist Paul Cuttler ihrem Helden zur Seite gestanden, der sich über solcherlei Zuspruch natürlich dankbar zeigt und sich revanchiert, indem er Freunden und Lieblingsbands wie den NEW BOMB TURKS sein in Kürze von 4 auf 16 Spuren aufgestocktes Heimstudio zur Verfügung stellt.


Dort, noch auf 4 Spuren, hat er auch sein aktuelles Album \"Bliss\" eingespielt. Im Alleingang diesmal. Schlagzeug, Gitarre, Bass ..., alles selbst gemacht und as reduziert as Punkrock can be, gelegentlich von einem Boogie-Piano und einmal sogar durch Einsatz einer Geige veredelt. Die Songs sind allerdings alles andere als spröde. Nicht anders als HANOI ROCKS, HEARTBREAKERS oder die NEW YORK DOLLS zollt auch JEFF DAHL mit \"Bliss\" Glamrock-Heroen wie MOTT THE HOOPLE, ALICE COOPER oder der GLITTERBAND uneingeschränkt Tribut. Das macht z. B. die straighten Rocker \"No Apologies\", \"Pissing On Your Flowers\" oder \"Let's Talk About Sex\" zu echten Partykrachern. Angerichtet allerdings mit viel Ruhe, die man in der Wüste, ein paar Meilen außerhalb von Phoenix/Arizona, wohl auch mehr als reichlich hat. Hierhin, wo man die Zeit mit Studiobasteleien, nachbarschaftlichen Schwätzchen mit SEPULTURAs Max und lautem Abspielen der Lieblingsplatten verbringt, hat es den gebürtigen Schwaben getrieben, nachdem er beschloß, L.A. und \"all dem Gift, all der Zerstörung\" adieu zu sagen.
Geboren in Stuttgart, aufgewachsen in Hawaii, von Onkel Sam nach Washington zog es ihn Anfang der 80er in die Stadt der Engel, wo er von 1980 bis '82 als Sänger der legendären ANGRY SAMOANS zum ersten Mal von sich reden machte. Anhängern hoffnungslos überzogener, aber liebevoll abartiger Imagepflege dürfte er das nächste Mal bei den MENTORS über den Weg gelaufen sein, deren Bass er vergewaltigte, bis er schließlich als Mitbegründer von VOX POP endgültig in die Annalen des Punkrock einging. In Los Angeles erzählt man sich noch heute die Mär, daß die Band, deren Lärmpegel nur noch von ihrem Rauschmittelkonsum übertroffen wurde, hätte sie die Bühne nur einmal durchs Publikum verlassen, heute nicht mehr unter den Lebenden weilen würde. Nach zwei EPs formierte DAHL POWERTRIP, deren 1983 veröffentlichte LP \"When We Cut We Bleed\" bereits auf den auf späteren Solo-Produktionen immer wieder auftauchenden Eckpfeilern Johnny, Iggy, Lemmy, Barbie ruht. Es folgte \"Kill Me\" mit JEFF DAHL GROUP sowie eine ganze Reihe von Solo-Releases. Mit dem aktuellen kommt er im März/April auf Tour, um uns zu zeigen, daß man Punkrock nicht ausverkaufen kann. Auch MTV nicht.



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aus Intro #22 (März 1995)
 
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