Tocotronic

digital ist besser

18.02.1995, 13:49, Text: Autor unbekannt

Dabei ist die Band noch relativ frisch. Im Frühjahr '93 begann der gerade aus Freiburg gekommene Dirk von Lowtzow, irgendwie Bandleader, mit Jan Müller und Arne Zank (beide Punkrockvergangenheit) Musik zu machen - mit deutschen Texten. \"Als ich nach Hamburg kam, hab' ich mir sowieso gedacht, daß ich jetzt Deutsch singe\", sagt Dirk und streicht sich die 80er Jahre Nicht-Frisur aus dem Gesicht.
Die Stücke rumpeln unglaublich, wie hastig und hektisch heruntergespielt, um sich wieder den wichtigen Sachen des Lebens zuwenden zu können. Vielleicht wird deshalb direkt eingespielt. \"Wir sind weniger am Prozeß des Musikmachens interessiert als vielmehr an der Aussage.

Wir wollen schnell hingehen und aufnehmen, sind viel zu ungeduldig zum Herumfrickeln\", sagt Dirk. Sie kratzen und krächzen und kommen teilweise nur schleppend voran. Kenne ich, schießt es mir durch den Kopf, klingt nach frühen DINOSAUR JR. Aber: \"Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk.\" Und überhaupt: das Lebensgefühl. Alles schon passiert - oder fast - oder schon mal gedacht, oder versucht doch mal, nachts um halb drei ein Lied durchs Telefon zu singen; eine Idee, für die die Welt noch nicht bereit ist. Diese Ideen kamen \"rein intuitiv\". Manchmal war erst ein Titel da. Der Text entstand drumherum, mit Reimen wie \"machen\", \"lachen\", \"krachen\". Groß. \"Das mit der Jugendbewegung hat mehr Leute zu Interpretationen angeregt, als ich dachte\", sagt Dirk. \"Damit sind die Gedanken der Band in drei Sätzen manifestiert. Vielleicht sind wir drei auch schon eine Jugendbewegung.\" Es geht ums Aufbegehren, um Rebellion, wie sie früher zur \"wilden\" Popmusik gehörte, z. B. gegen die Elterngeneration. Heute ist davon nur noch eine Rebellion gegen Kleinigkeiten übriggeblieben, gegen bunte Uhren und \"Muckerspießer\", und das ist es eben, was diese Platte ausmacht: der sezierende Blick auf wichtige Unwichtigkeiten, sehr lakonisch; tausendmal besser als jeder Film von Rohmer.
Eine Platte, die also sozusagen den Nerv der Zeit trifft. Ich kann sie schon lesen, die Generation X-Verweise im Feuilleton, seit BECK ja gern geschrieben. \"Es kann auch sein, daß Slacker nicht nur ein Hirngespinst der Presse ist, sondern möglicherweise existiert\", erwidert Dirk. Bloß, es ist garantiert keine Mode, sondern einfach so da. Genau das kommt bei TOCOTRONIC rüber.
TOCOTRONIC ist der Masterplan. Ihre Musik macht auf eine eigentümliche Weise stark. Die absolut notwendigste und vielleicht folgerichtigste Veröffentlichung dieser Tage. Ich möchte Teil Eurer Jugendbewegung sein.



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aus Intro #22 (März 1995)
 
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