18th Dye

von der ästhetik des krachs

14.02.1995, 15:47, Text: Autor unbekannt

Was das mit 18TH DYE, jener deutsch-dänischen Band, die bisher immer mit dem zweifelhaften Etikett \"beste SONIC YOUTH-Kopie ever\" bedacht wurde, zu tun hat?! Nun, das Gefühl, das mich beim Hören ihres neuen Albums mit dem seltsamen Titel \"Tribute To A Bus\" befiel, ist damit vergleichbar. Zuerst nicht besonders aufregend, spüre ich plötzlich diese wohlige Wärme des Wassers und fange an, den Geruch der Handlotion zu mögen. 18TH DYE sind eine dieser Bands, die man erst besser kennenlernen muß, um sie dann umso stärker ins Herz zu schließen.
Zunächst dachte ich, diese Musik schon zur Genüge gehört zu haben: Sägegitarren, blubbernde Bässe und immer wieder dieser laszive Gesang ...

Insbesondere das '92er Debüt \"Done\" erinnerte mich doch stark an oben erwähnte Band. Aber das ist lange her, spätestens mit der neuen Platte strafen 18TH DYE all diejenigen Lügen, die sie bisher nur als geniale Plagiatoren sahen. Bleibt nur noch Heike, die - wenn auch ungewollt - durch ihr Äußeres und ihre Funktion als Bassistin am ehesten solche Assoziationen hervorruft.
Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, 18TH DYE im Studio in Südfrankreich zu besuchen, wo sie mit der Hilfe von Steve Albini ihre Platte aufnahmen. Man gab sich damals außerordentlich zufrieden mit der Zusammenarbeit, er sei trotz seines Bekanntheitgrades kein bißchen abgehoben, ganz im Gegenteil: \"Steve ist ein Handwerker. Als er vor einigen Tagen spät abends ankam, war das erste, was er tat, die Mikrophone einzustellen. Er ist ein absoluter Pragmatiker\", erzählte Trommler Piet. Albini murmelte zustimmend: \"Wenn eine Band nicht fähig ist, ihre Platte innerhalb einer Woche aufzunehmen, dann sollte sie's lieber sein lassen. Alles muß natürlich, wie die Band halt spielt, klingen. Man sollte nicht soviel Zeit mit Overdubs und diesem Zeug veschwenden ...\" Zu der Arbeit mit Albini kam es kurioserweise ganz einfach. \"Seine Fax-Nummer stand auf einer Single seiner neuen Band SHELLAC, und wir haben ihn einfach gefragt. Wir wollten ihn gerne haben, weil er viele der Platten produziert hat, die wir mögen. Diese Platten haben alle einen Sound, den wir auch wollten\", erzählt uns Gitarrist Sebastian, der meistens auch singt. \"Der Sound der neuen Platte wird wohl erstmalig ziemlich genau so sein, wie wir ihn uns erhoffen. Die erste Platte war eher 'ne Live-Platte, und 'Crayon' wurde mit verschiedenen Leuten an unterschiedlichen Orten aufgenommen. Diesmal ist alles quasi aus einem Guß, wir konnten die Erfahrungen mit den beiden Vorgänger-Platten einfließen lassen und so bewußter arbeiten.\"
Da kann ich nur beipflichten. \"Tribute To A Bus\" klingt sehr selbstbewußt, man braucht Zeit, sich an die Ideen der Band zu gewöhnen. Immer wieder kommt es zu kleinen Überraschungen, gefällige Melodien werden mit fiesem, dissonantem Gitarrenlärm abgewürgt, wenn man so gar nicht damit rechnet. Auch wurde das klangliche Spektrum um wunderschöne Orgelsounds (\"Sole Arch\"), Metal (\"Glass House Failure\"), Glockenspiel und einige Sample-Spielereien erweitert, was der Musik gut zu Gesicht steht und sie lebendig macht. Es sei spannend, mit den Erwartungen der Hörer zu spielen, versichert man mir. Oft seien die Leute verdutzt, wenn Lieder mittendrin scheinbar abgebrochen würden. Ansonsten werde das Musikmachen sehr schnell fade, \"wie Kaugummi, der seinen Geschmack verliert\".
Auch ihr Wirkungsraum hat sich inzwischen vergrößert, bis in die USA, schließlich haben 18TH DYE es geschafft, bei \"Matador\", der Heimat solch feiner Bands wie YO LA TENGO, THINKING FELLERS UNION 282 oder auch CHAVEZ, mit denen sie schon auf einem Festival spielten, unterzukommen. Mit YO LA TENGO bestritten sie im Frühjahr '94 sogar eine ganze Tour. Einem häufig auf Konzerten geäußerten Publikumswunsch kommen sie nun auch nach: Erstmalig wurden im Booklet die Texte abgedruckt, was jedoch keinerlei missionarische Bedeutung hat. \"Natürlich wollen wir niemandem eine 'Message' aufzwingen, jeder muß sehen, was er damit anfängt. Manchmal haben wir sogar innerhalb der Band Verständnis- bzw. Verständigungsprobleme. Einmal ist ein Text so enstanden, daß wir das als nächste Strophe genommen haben, was jeweils der andere während des Probens verstanden hat ... Hin und wieder benutzen wir auch Wörter, die idiomatisch nicht ganz korrekt sind, aber das kann unter Umständen dazu beitragen, etwas eher Abstraktes besser zu veranschaulichen,\" (siehe die geniale Coca-Cola-Wortschöpfung \"unkaputtbar\"). Langweilig findet Sebastian es allerdings, \"für eine 'In-Crowd' zu spielen, die eh alles gut findet, was man macht. Z. B. frage ich mich nach dem Sinn von Anti-Nazi-Sprüchen auf 'nem Anti-Nazi-Festival.\" Einen eigenen Kopf mit sich herumzutragen, fällt manchmal ganz schön schwer.
Diesen eigenen Kopf beweisen 18TH DYE mit ihrem neuen Album. Nach dem Hören fühle ich mich jedesmal, als sei gerade ein Teil von mir gereinigt worden. Ich kann die Dinge plötzlich wieder mit anderen Augen sehen, wie beim Händewaschen ...



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aus Intro #22 (März 1995)
 
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