New Model Army
aus alt mach neu
13.02.1995, 14:29, Text: Autor unbekannt
Rob Heaton war die treibende Kraft, nach der \"The Love Of Hopeless Causes\"-Tour eine Pause einzulegen. Denn auf den letzten Konzerten hatten alle müde, ausgebrannt und mechanisch gewirkt. Innerhalb der Band begann der 14jährige Putz ganz gewaltig zu bröckeln. Auch scheint es heute so, daß der - von Justin Sullivan als großer Fehler deklarierte - Wechsel von \"EMI\" zu \"Sony\" dazu beigetragen hatte, die produktive Stimmung der Band gen Nullpunkt sinken zu lassen. Nach nur einer Scheibe schossen sie \"Sony\" in den Wind und sind nun - aller Lügen und der großen Business-Maschinerie leid - glücklich ohne Label.
Justin Sullivan empfand NMA damals als Kompromiß zwischen sich und Rob Heaton - als eine für beide nicht mehr recht befriedigende Zusammenarbeit - und tourte sattdessen mit RED SKY COVEN.
Eben jene zurückgestellten Songs sollen nun angetestet werden, ebenso die auf den neuen Keyborder abgestimmten Stücke. An weiterem Material wird noch gearbeitet, wobei als Veröffentlichungstermin spätestens der Sommer ins Auge gefaßt wird, daran anschließen soll eine Tour. Musikalisch wird den schon auf \"The Love\" eingeschlagenen Pfaden des ausgereifteren Songwritings, aufwendigerer Arrangements und der softeren Gangart gefolgt.
Das Hamburger \"Docks\" ist brechend voll, soweit das Auge reicht gepiercte Sullivan-Kopien und kleine Mädchen mit NMA-Shirt, aber auch unverkennbare Anhänger der ersten Stunde.
Die Band war und bleibt ein massenwirksames Phänomen. Ihre Lieder zeichnen sich in ihrer Struktur nicht gerade durch Einfallsreichtum aus. An alte Folktraditionen angelehnt, finden sich fast durchgängig einprägsame, aufpeitschende, Energie freisetzende Melodien, die wie geschaffen sind, die pogende Masse aufgestaute Gefühle entladen zu lassen, noch verstärkt durch die Refrains, die in ihrer Einfachheit zum hymnenhaften Einstimmen verführen. Die von Justin Sullivan ganz bewußt hervorgebrachte Symbiose zwischen Schönheit, dunkler Romantik und Melancholie schafft es zu verhindern, daß die Fuck-off- und Get-me-out-Stimmung umschlägt in Haß und zerstörerische Aggression.
Die Texte kreisen größtenteils - in Konzerten durch die Auswahl der Songs fast ausschließlich - um Themen, die einen empfindlichen Nerv der Jugend treffen - eben jenen, den sich auch Bands wie RATM verkaufsträchtig zunutze gemacht haben. Sich auflehnen gegen eine Welt, in der im Grunde alles im Argen liegt, Rebellion gegen Bevormundung jedweder Art, Losgelöstsein von allen auferlegten Zwängen, die Welt nicht annehmen wollen: \"And those eyes that saw every detail of the world so clear, and we bided our time so impatiently, till the hunger really burned, until the softest sweetest kisses were lost, admidst the thunder in our hearts.\" Angst vor außer Kontrolle geratener Technologie wie in \"White Coats\" oder \"I Love The World\" spiegelt zwar die Hilflosigkeit des einzelnen Individuums wider, ihr Refrain - \"Enough is enough\" und \"Oh God, I love the world\" - verbietet jedoch jede Resignation; von Tausenden herausgeschrien, wird es zum kollektiven Erlebnis. Über das bloße Ablehnen geht es hinaus, durch den immer wieder auftauchenden Wunsch nach Halt, nach Gleichgesinnten und nach Tribes. Diese Sehnsucht finden wohl die meisten der Fans ausgedrückt; nicht ohne Grund gibt es das wirklich sonderbare Phänomen der selbsternannten \"Followers\", die, von NMA finanzkräftig unterstützt, von Konzert zu Konzert mitreisen. Sie suchen etwas, und wenn ihre Gemeinsamkeit nur die ist, daß \"ihre Band\" ihre Sehnsüchte zum Ausdruck bringt. Die Konzentration der Band auf Justin Sullivan bietet in hohem Maße Identifikationsmöglichkeiten, wobei das Anführer-Followers-Verhältnis - durch ständiges Erzeugen des \"Wir\"-Gefühls kräftig geschürt - sowie das militärische Vokabular die Band in früheren Zeiten angreifbar machte.
Zwar sind die Texte poetisch und kraftvoll, im Grunde aber lassen sie sich oft auf einfachste Klischees und Schlagwörter zusammenstreichen. Jüngstes Beispiel sind die gerade veröffentlichten Remixe des Kultsongs \"Vengeance\" von ZION TRAIN, DEPTH CHARGE u. a., zehn Jahre nach Erstveröffentlichung. Auf dem bei einem Indielabel zum Geldauftreiben entstandenen Sampler ist von dem ursprünglichen Song, der schwört, daß die Greueltaten im KZ nicht ungesühnt bleiben werden, praktisch nichts mehr vorhanden. Er ist reduziert auf \"I believe in justice, I believe in vengeance\". Dabei ist es auch nicht Sullivans Anliegen, eine politische Aussage zu treffen, er will Emotionen heraufbeschwören, die jeden berühren. Diese Einstellung hat sich freilich erst im Laufe der Zeit herausgebildet, lange Zeit schien Politik das Charisma der Band auszumachen. Programmatisch schließlich allein der Bandname, nach der neugebildeten revolutionären Armee unter Cromwell. Die erste Scheibe \"Vengeance\" ist politisch direkt und straighter, fordernder, kompromißloser als die nachfolgenden. Die textlich wie konzeptionell moderatere Gangart auf den verkaufsträchigsten und auch am kommerziellsten klingenden Alben \"Thunder And Consolation\" und \"Impurity\" brachte den Briten den Ruf ein, idealistische Weltverbesserer zu sein, die - zwar moralisch integer - als Don Quichottes an der Realität vorbeikämpfen. \"The Love Of Hopeless Causes\", die vorläufig letzte Scheibe, führt diese Linie fort, ist noch persönlicher, spiritueller und löst sich von den alten Strukturen. Das hat seinen Grund in dem abgeklärteren Blickwinkel Justin Sullivans, der in den letzten 14 Jahren reifer geworden ist, aber auch durch seinen Unfall, der ihm fast das Leben kostete, neu beeinflußt wurde. \"Wenn du jung bist, denkst du, du kannst die Welt verändern, bis du merkst: Du wirst die Welt nicht verändern können. Dann denkst du, du wirst dein Land verändern, bis du erkennst: Du wirst auch dein Land nicht verändern. Dann denkst du, du wirst deine Familie ändern - und erkennst, daß das das allerschwierigste ist, denn sie ist es, die dich am ehesten verletzen kann. Dein Sinn für deine eigene Stärke wird realistischer. Wichtig sind deine Freunde, die Menschen, die du liebst, einzelne Individuen und ihre Geschichten.\"
Was jedoch als Grundmaxime über alle Alben hinweg erhalten bleibt, ist der Wunsch, so intensiv und emotional wie möglich rüberzukommen. \"Die Menge an unterschiedlichen Erfahrungen ist unendlich. Aber der Rahmen an Emotionen ist beschränkt und unabänderlich, und für jeden Menschen nachzuvollziehen.\" Egal, ob er nun nach \"The Love ...\" in jedem Interview über Gaia-Theorie und Wiedergeburt philosophiert - wohl für die wenigsten seiner Fans lebensbestimmendes Element -, er will seinem Streben nach Gefühlsgeladenheit treu bleiben. Daß seine neuen Songs, die sich von der Eingängigkeit der Melodien, außer vielleicht bei \"Here Comes The War\", losgelöst haben, an massenwirksamer Kraft verloren haben, scheint trotzdem unbestritten. Sullivan trägt dem Rechnung, indem er auf Konzerten von den alten Stücken nur die härtesten und erfolgreichsten - was sich im übrigen quasi deckt - auswählt.
Viel Neues verspricht das nächste Album jedenfalls nicht, viele neue Fans wird es sicherlich auch nicht gewinnen, aber die alten werden die Treue halten. Rückbesinnung auf zwischenmenschliche Werte ist eben auch eine mögliche Reaktion auf veränderte Lebensumstände, ob musikalisch im Trend oder nicht. Sullivan gibt es seinen Fans nach den Konzerten mit auf den Weg: \"Es kommen schwere Zeiten. Paßt gut aufeinander auf!\"
Marianne Schmidt
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