Tortoise

spiel ohne genzen

12.02.1995, 17:34, Text: Autor unbekannt

TORTOISE sind vordergründig eine Instrumentalband, an sich eine eher unspektakuläre Sache, könnte man leichthin argwöhnen. Doch vielleicht macht sie gerade das so interessant, zumal man den Gesang nicht vermißt, er nicht benötigt wird als Mittel zur Transparenz. TORTOISE sind ein Buch, das aufgeschlagen vor einem liegt, und die Kommunikation der Instrumente bildet die Sätze. So bin ich fast beschämt, als sich ein müder John McEntire aus dem Bandbus quält, um mir Rede und Antwort zu stehen.
Die Andersartigkeit ihrer Arbeitsweisen hängt \"... vielleicht mit der Tatsache zusammen, daß wir in anderen Bands alle ausschließlich für die Rhythmussektion zuständig sind\", erläutert er sodann.

\"Wir wollen eine Art Raum schaffen, in dem wir alle dazu beitragen, die Band in ihrer Entwicklung zu beeinflussen. Verschiedene Techniken, Instrumentationen benutzen, Dinge, an denen wir schon sehr lange interessiert sind, aber nie das richtige Betätigungsfeld hatten.\" Die Tatsache, daß sie so etwas wie Refrains nicht kennen, nicht nur theoretisch jedes aufkeimende Element den Verlauf des Ganzen nachhaltig beeinflussen, in völlig andere Bahnen lenken kann, eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, schafft noch mehr Freiräume. Oder, wie John sagt, \"die einzige Idee, die hinter TORTOISE steckt, ist, alle Möglichkeiten offenzulassen für Entdeckungsreisen.\" Diese Aussage habe ich irgendwo schon einmal gelesen, und prompt eröffnet er, daß Teil der kommenden Veröffentlichungsreihe eine 10\" auf \"Duophonic\" ist, dem Label von STEREOLAB. Geistige Verwandtschaften mögen vorhanden sein, doch während die Briten das Epochale immer zielgerichtet verkörpern, stehen TORTOISE für das Wechselspiel von Phasen, einen Zyklus. Das Gemeinsame, das Kollektivistische, nutzen STEREOLAB als rigide geordnete Kraft, TORTOISE aber betonen den Gewinn größtmöglicher individueller Freiheit. Das KANN zielgerichtet sein. \"Spiderwebbed\" steht für diesen Weg. Ein Baßlauf, monoton, zu dem sich ein zweiter gesellt. Auf der anderen Seite setzt die Rhythmusfraktion ein, zwei Mal Drums plus Percussion. Die numerische Übermacht setzt sich nach kontinuierlichem Zuwachs an Dynamik und Fülle langsam aber sicher durch. Der Baß fällt aus der beibehaltenen Linie heraus, ohne sie wiederzufinden und verebbt allmählich. Die Rhythmussektion deutet den Abschluß an, und das Stück ist konsequenterweise zu Ende, da in der tatsächlichen Ausgestaltung beinahe alles möglich und machbar wäre. \"On Noble\", bei dem nur der simulierte Pulsschlag den Rhythmus hält, verläuft auf eine andere Weise, offenkundig bewegt sich so gut wie gar nichts. Das Ergebnis aber ist dasselbe. Der rhythmische Rahmen erlischt einfach irgendwann. Der Weg ist das Ziel. Punktum.
TORTOISE sind das Labyrinth, aus dem sie manchmal wie selbstverständlich auf den Ausgang treffen, aber ebenso auch darin verweilen, um zu immer neuen Erkenntnissen zu gelangen, und sei es nur zu jener, daß man auch zu mehreren ausreichend Platz findet, ohne sich ständig auf die Füße treten zu müssen. Der vorherrschende Eindruck einer Jazz-ähnlichen Herangehensweise kommt dabei der Wahrheit recht nahe. \"Meistens bringt jemand eine kleine Idee ein, die wir alle bearbeiten, aufbauen und sie währenddessen einer kompletten Wandlung unterziehen. Dabei kann es auch passieren, daß die ursprüngliche Idee während dieses Prozesses total verlorengeht.\" In das Bewußtsein dieser Vergänglichkeit paßt auch der Vorspann zu \"Cornpone Brunch\" sowie die Aussage, das Album erscheine der Band bereits ziemlich veraltet.
So irren sie umher, immer auf der Suche nach Neuem, neuen Arbeitsweisen. \"Die B-Seite der 10\" wurde beispielsweise auf 8-Spur aufgenommen. Dabei ging jeder einzeln in den Raum, spielte etwas, der nächste kam herein, ohne zu wissen, was passiert war, und versuchte, irgendwie auf das Vorliegende aufzubauen. Die eine Stunde Aufnahmen haben wir dann auf 15 Minuten zusammengeschnitten. Das ist aber nur eine weitere mögliche Arbeitsweise. Es gibt sicher zufriedenstellende Gesichtspunkte daran, in ein Singer-/Songwritergefüge einbezogen zu sein, aber diese Band hat sich eigentlich immer dagegen verwehrt. Was nicht heißt, daß das in Zukunft nicht doch passieren könnte.\" Wir drehen uns im Kreis. Mit der Bitte um ein paar Photos beende ich das Gespräch. John kann es gar nicht fassen und fragt ungläubig, ob ich mit dem Offenbarten etwas anfangen könne. GASTR DEL SOL hätte ich interviewen sollen, die hätten so viel zu sagen und würden dann als intellektuelle Medienhelden gefeiert, während TORTOISE immer wie ein Haufen Idioten dastünden. Kein Problem. Ich lese sowieso lieber.



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aus Intro #22 (März 1995)
 
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