Such A Surge

von fans für fans

08.02.1995, 13:29, Text: Autor unbekannt

INTRO: Ich könnte mir vorstellen, daß ihr die Erfahrung wie letztens mit dem DOG EAT DOG-Artikel (INTRO Nr. 20: \"(SUCH A SURGE, die) ... nur aufgrund eines lukrativen Deals ... ohne reguläres Album, dafür aber mit den passenden Kontakten, Touren mit MUCKY PUP, BIOHAZARD, GUNSHOT und nun auch DOG EAT DOG zugeschustert bekommen ...\") in Zukunft öfter machen werdet.

Axel: So direkt war es das erste Mal. Wir waren noch nie ein großes Thema in der Presse, immer Underground, hatten kein Produkt auf dem Markt (außer \"Gegen Den Strom\"-Maxi - d. Verf.), haben nur ordentlich Touren geschoben. So war die Kritik das erste Mal, also, daß es so ausgesprochen worden ist.

INTRO: \"Sony\" in Verbindung mit der Textzeile \"...

kein Produkt der Industrie\" (\"I'm Real\"). Wie paßt das zusammen?

Olli: Also, ich glaube, daß der Schreiber sich überhaupt nicht mit uns auseinandergesetzt hatte. Er hat gesagt, daß wir vier Leute sind, wir sind sechs, daß wir ein \"Tough Guy\"-Image vertreten. Unsere Musik ist halt hart, aber wir haben auch sehr viele Balladen. Ich glaube nicht, daß ein \"Tough Guy\" sagen würde: \"Ich bin ein Träumer\" (\"Träumer\"). Wir versuchen live, zwischen den Stücken locker zu bleiben, um klar zu machen, daß wir nicht nur hart sind. Aber zu deiner Frage, es geht ja wohl um den \"Sell Out\", wir hätten unseren Arsch verkauft und so. Wenn du den Namen \"Sony\" mit riesengroßer Industrie und Medienhype in Verbindung bringst, dann stimmt das einfach nicht. Das hört sich so an, als wäre das alles gesteuert. Natürlich arbeitet hinter uns eine riesige Maschinerie, denn die will schließlich Platten verkaufen, doch seitdem wir bei \"Sony\" sind, hat sich an unserer Musik und an unserer Einstellung nichts geändert. Wir haben die gesamte Produktion, das Cover und das erste Low-Budget-Video selbergemacht, es hat uns absolut niemand reingeredet.

INTRO: Was sagen die Bands aus eurem Umfeld, wenn ihr sie heute trefft?

Axel: Wir haben gute Kontakte zu vielen HipHop-Bands. In Braunschweig sind es ganz klar PHASE V, STATE OF DEPARTMENTZ sowie \"Rap Nation Records\". \"Rap Nation\" hat uns großgezogen, \"Sony\" hat uns geheiratet. Die verstehen das auch. Wenn man so etwas geboten kriegt - die \"Sony\" kann einem nun mal mehr bieten als eine Underground-Firma -, ohne im Gegenzug etwas von sich aufgeben zu müssen, würde das jede Band machen. Wir haben ja vier Monate mit \"Sony\" verhandelt, um alle Eventualitäten aus dem Weg zu räumen.

Olli: Außerdem ist es ja so, daß die Grenzen zwischen Kommerz und Underground schon lange verwischt sind. Im HipHop ist die Szenebezogenheit sehr krass, die Musik soll dabei gar nicht aus der Szene raus. Wir haben uns aber entschieden, Musik nicht nur für HipHopper zu machen, wir machen halt den sogenannten Crossover.

Axel: Es ist auch gefährlich, mit solchen Begriffen wie \"Sell Out\" oder \"Vermarktung\" umzugehen.

INTRO: Ich habe die ja gar nicht eingebracht. Ihr seid in der Richtung allerdings sehr sensibilisiert. Axel: Wenn ein Musiker mit seiner Musik Erfolg hat und Geld verdient, dann hat das für mich nichts mit Kommerz zu tun. Alle denken jetzt: \"Oh, Deal bei 'Sony'. Dann leben die ja jetzt gut!\" Wir haben in zweieinhalb Jahren SUCH A SURGE, auch seit dem Deal, nicht eine Mark ausgezahlt. Wir haben uns gesagt, wenn wir weit kommen wollen, müssen wir etwas riskieren. Wir müssen alles, was wir irgendwo verdienen, sofort wieder in die Musik zurückfließen lassen. Wir können auch heute noch nicht davon leben. Wir machen die Musik immer noch aus Idealismus, nur daß unten in der Ecke nicht mehr \"Rap Nation\", sondern \"Sony\" steht.

INTRO: Wie geht ihr damit um, wenn jemand eure Texte als platt bezeichnet, wenn er \"Extra, extra, read all about it ...\" (\"Under Pressure\") zum x-ten Mal hört?

Axel: Ich würde ihm sagen, er solle sich etwas anderes anhören. Unsere Texte handeln von unserem Umfeld - was wir in Braunschweig sehen. Wenn das einigen Leuten zu platt ist, einigen zu extrem, dann sollen sie es nicht hören. Es ist aber auch vorgekommen, daß Leute nach dem Konzert gekommen sind und meinten, \"Gegen Den Strom\" hätte sie zum Nachdenken angeregt. Natürlich sind die Texte sozialkritisch, aber Musiker sollten grundsätzlich nicht Politiker spielen, schließlich ist Musik am Ende Unterhaltung, wir verlangen nicht von unserem Publikum, unsere Texte zu lesen. Es kann doch auch einfach so seinen Spaß haben.
Olli: Ich versuche, durch viele Metaphern Freiräume zu lassen. Ich sage nicht, was richtig oder falsch ist, sondern, was richtig oder falsch sein könnte. Ich frage im Endeffekt selber sehr viel, weil ich ja auch nicht immer verstehe, warum mich etwas nun ankotzt. Ich weiß keine Antworten.

INTRO: Ist es so, daß sich im Spannungsfeld zwischen euch und der Presse ein Generationswechsel vollzieht, daß also für euch Musikmachen etwas anderes ist, von anderen Wurzeln kommt als für viele Schreiber?

Axel: Das ist richtig. Ich kann nun mal nichts dafür, daß ich '74 geboren bin, daß ich nicht mit LED ZEPPELIN aufgewachsen bin. Ich weiß, daß dort die Roots sind, aber ich habe früher MAIDEN, METALLICA und SLAYER gehört. Olli und unser DJ kommen aus dem HipHop, Michel war schon immer offen für alle Musik, und so entsteht nun mal diese neue Musik, die nichts für 30jährige ist, klar. In den letzten Tagen hat es aber jemand sehr schön auf den Punkt gebracht. Er meinte, wir würden Fans sein, die für Fans Musik machen, mit den Wurzeln URBAN DANCE SQUAD oder BEASTIE BOYS. Vor zwei Jahren wäre es nicht möglich gewesen, daß eine Band wie H-BLOCKX in die Charts geht, immer nur Ami-Bands. Auf einmal ist da eine deutsche Gruppe, und alle fragen: \"Was soll das, warum ist diese Band oben?\" Ich meine, wir leben doch hier, warum gönnt es denen niemand?

INTRO: Von CHUMBAWAMBA kam mal die Aussage, provokante Texte seien am effektivsten mit Popmusik zu transportieren. Macht ihr Popmusik?

Axel: Gute Frage, aber wenn ich an Pop denke, denke ich an JULIANE WERDING.
Olli: Vielleicht wird diese Art von Musik irgendwann Pop, kann ich nicht sagen.

INTRO: Wie schmeiße ich es den Leuten vor die Füße, daß es möglichst viele fressen?

Axel: Wir mixen so viele Stile. Wenn jetzt jemand \"Pour Toujours\" hört, sich die Platte kauft und dann \"I'm Real\" und \"Trapped\" hört, kann es sein, daß er sie aus dem Fenster schmeißt.

INTRO: Was wäre passiert, wenn die Plattenfirma eure Produktion nicht genommen hätte?

Axel: Okay, da kann ich ehrlich sein, das wäre ein Problem gewesen. Eine Klausel des Vertrags besagt, daß wir einen eventuellen Nachmix selber hätten bezahlen müssen.

INTRO: Dabei geht es aber nur um den Sound, nicht um die Musik?

Axel: Auf keinen Fall um die Musik. Ich glaube, die Denkweise über Majorcompanies ist falsch. Unser A&R-Manager ist selber Musiker. Alle, mit denen wir arbeiten, sind junge Leute, die wissen, wie Künstler denken, das sind keine Geschäftsleute mit Anzug und Aktenkoffer. Da sind die Arbeitsweisen tierisch anders geworden. Ich sage mal: Bei Underground-Companies wirst du eher abgezogen als bei einer großen. Wir sollen aufgebaut werden. Niemand erwartet von uns, daß wir viele Platten verkaufen.

INTRO: Gibt es ein Publikum, das jetzt die Nase rümpft?

Olli: Also, unsere Platte ist noch nicht draußen (Zeitpunkt des Interviews: 11.01. - d. Verf.), wir werden sehen. Wahrscheinlich werden wir immer wieder Probleme mit der Presse bekommen.
Axel: Ich glaube, daß wir Fans verlieren werden, die straight im Hardcore und Untergrund verwurzelt sind. Wir gehen einen anderen Weg, den sollen die gefälligst respektieren. Es ist auch viel Neid im Spiel.

Olli: Wenn ich auf der Bühne stehe, jemand kommt zum Diven hoch, ich halte ihn fest und frage: \"Hey, was hälst du davon, daß wir bei 'Sony' sind?\", dann sagt der: \"Spinnst du? Laß mich springen!\"


neutral (lat./ -mlat.): ... 3. (nicht auffällig u. daher) zu allem passend, nicht einseitig festgelegt. Konsum (lat./ -it) der; 1. ... b) das wahllose Verbrauchen ...

Zum Zeitpunkt des Erscheinens von SUCH A SURGEs Debüt \"Under Pressure\" lagen 5000 Vorbestellungen vor, nach fünf Tagen hatte sich die Platte 8500mal verkauft.



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aus Intro #22 (März 1995)
 
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