Public Enemy

undercover rapper

06.01.1995, 22:54, Text: Autor unbekannt

Hannover, Germany. Wir sitzen im Foyer eines Hotels und harren unseres Interviews. Ein Fernsehteam sorgt für Verzögerungen und allgemeine Unruhe (TV rules!). Also warten wir und nutzen die Zeit (äußerst unterhaltsam), um möglichst viele der anwesenden Stars zu identifizieren. Immerhin bevölkern drei Bands, jede mit großem Aufgebot, das Hotel.
Wer Flavor noch nicht live erlebt hat, hat wirklich was verpaßt: Ein kleiner, schmächtiger Mann mit Schlabberklamotten, weißer Pudelmütze mit Bommel, mindestens acht Goldringen sowie einer abgehackt-gummiartigen Motorik, einem unvergleichlichen Minenspiel und seiner besonders eigenen Ausdrucksweise in Sprache und Art zu lachen - ein perfekter Selbstdarsteller also.

Vorsichtige Menschen nennen ihn verrückt, ängstliche halten ihn für brandgefährlich. Ich kann nicht sagen, zu welcher Sorte die älteren und piekfeinen Hotelgäste gehören. Wahrscheinlich wissen sie das selbst nicht, denn sie sind mehr als verstört, als sie mit diesem Zeugnis moderner Musikkultur so unmittelbar konfrontiert werden, das sich vor unser aller Augen über einen der teuren Sessel lümmelt und sich an den Strohsternen des Weihnachtsbaumes vergeht. Währenddessen unterhält er sich mit einem Hünen, der im Sofa hockt und sich köstlich mit seinem Freund über dessen Scherze amüsiert. Erst nach mehrmaligem Hinsehen erkennen wir Terminator X, getarnt ohne Sonnenbrille. Chuck D ist auch nur schwer auszumachen. Er liebt das darstellerische Understatement, und so bemerken wir ihn eher zufällig als den Menschen, der schon einige Male unser Blickfeld durchquert hat.
Und wie wir so dasitzen und die Szenerie genießen, muß plötzlich alles ganz schnell gehen - Fernsehen kann nicht, weil Journalist noch nicht da, also ihr sofort. Das Interview soll im Eingangsbereich des Hotel-Restaurants stattfinden, wo eine ziemliche Unruhe herrscht und ein sichtlich genervter Chuck D bereits am Tisch sitzt. Ihm ist kalt, und er hat sich eine graue Wollmütze aufgesetzt. \"Nice to meet you\".

INTRO: Inwieweit trifft es zu, bei \"Muse Sick...\" von einem \"neuen\" P.E.-Sound zu reden, wie vor Erscheinen des Albums geschehen?

Chuck D: Der Sound auf der neuen Platte ist meines Erachtens organischer, er beruht eher auf der Nutzung richtiger Instrumente, klingt also natürlicher, ... schneller.

INTRO: Wie wertest du die Reaktionen auf euer Album in den USA?

Chuck D: Mittelmäßig. Irgendwie überdrüssig, so nach dem Motto: Hier kommt mal wieder PUBLIC ENEMY.

INTRO: Du sprichst dich auf \"So Watcha Gonna Do Now\" gegen die Kommerzialisierung des Rap aus?!

Chuck D: Nicht gegen jegliche Kommerzialisierung, sondern gegen Trendiness.

INTRO: Das bedeutet doch auch, daß Rap inhaltlich und thematisch einen erneuten Stillstand erfährt?

Chuck D: Ja, das stimmt. Weil viele Rapper dazu gebracht werden, ein und dasselbe zu tun und weil sie glauben, mit anderen Sachen zu scheitern.

INTRO: Liegt das auch daran, daß plötzlich ziemlich viele Leute Interesse an einer bestimmten Art von Rap entwickelt haben? Also auch Leute, die an seinen wahren Ursprüngen wenig Interesse haben?

Chuck D: Ja, und sie benutzen Rap nur als Mittel zum Geldverdienen. Damit verwässern sie ihn. (Flavor gesellt sich zu uns und beginnt, die Salzstangen, die auf dem Tisch stehen, aufzuessen.)

INTRO: Wie läuft die Verbreitung eurer Botschaft noch, außer über die Musik?

Chuck D: Ich halte Vorlesungen. Außerdem arbeite ich zur Zeit an einem Buch.

INTRO: Bist du manchmal des Redens müde?

Chuck D: Ja schon, aber ... Weißt du, das macht nichts, weil ich nie die Lust verliere, über Sachen zu reden, die ich weiß, sondern nur dann, wenn ich von Dingen rede, von denen ich keine Ahnung habe.

INTRO: Was hältst du von der Behauptung, P.E. sei die wichtigste Rapband überhaupt?

Chuck D: Nicht die wichtigste, aber eine der wichtigsten.
(Die Suppe wird gebracht. Chicken soup. Ab sofort müssen wir uns noch stärker um ihre Aufmerksamkeit bemühen.)

INTRO: Wer sind die anderen?

Chuck D: ICE CUBE, ICE T, RUN DMC ..

. INTRO: KRS 1?!

Chuck D: Ja. (löffelt seine Suppe)

INTRO: Apropos ICE T: Inwieweit stimmst du mit seiner Theorie der \"Home Invasion\" überein?

Chuck D (kaut): An alles, was ICE glaubt, glaube ich auf irgendeine Art und Weise auch. Er macht Konzeptalben und weiß, wie er seine Leute erreichen kann. ICE ist ein Genie!

INTRO: Ist die Suppe gut?

Flavor Flav: Verdammt heiß! Aber ich mache sie nieder, und wenn hier noch einer reinkommt, mache ich den auch nieder. (Lacht. Damit bezieht er sich auf die Tatsache, daß es vor dem Tisch zugeht wie auf einem Bahnhof. Schließlich ist gerade allgemeine Zeit zum Abendessen.)

INTRO: Was muß grundsätzlich passieren, damit sich etwas ändern kann?

Chuck D: Schwarze müssen Kontrolle über das Wirtschafts- und Bildungssystem erhalten - Kontrolle über die Durchführung.

INTRO: Mit Gewalt geht nichts, daß haben die riots in L.A. deutlich gezeigt. Wie könnten die verschiedenen Ethnien zueinander finden?

Chuck D: Es muß ein Austausch zwischen den verschiedenen Gruppen stattfinden, auf der Basis gegenseitigen Vertrauens. Die Stärken und Schwächen müssen gegeneinander ausgeglichen werden.

INTRO: Was hälst du für das größte Übel unserer Zeit?

Chuck D (ohne Zögern): Falsche Information.

INTRO: Und inwieweit ist das rechte Szenario als Basis des neuen Albums heute bereits Realität? Chuck D: Zu 50 Prozent.

INTRO: Wie groß ist dabei die Gefahr, die von einer \"Festung Europa\" ausgeht?

Chuck D: Die Gefahr kommt von überall. Europa mag eine Festung sein, aber gewiß nicht die einzige. Europa ist nicht das größte Hindernis.

INTRO: Was ist das größte Hindernis?

Chuck D: Falsche Information.

INTRO: Haben die Weißen Angst vor ihrer eigenen Geschichte?

Chuck D: Ja.

INTRO: Welche Rolle spielen Frauen in der Rap-Bewegung?

Chuck D: Eine gleichberechtigte, obwohl Rap eigentlich eine Männerdomäne ist. Wenn Frauen das Gefühl haben, mehr sagen zu müssen, können sie das tun. Rap ist immer noch ein Wettbewerb, doch Frauen müssen aggressiver sein, um ins Rampenlicht zu kommen. LADY OF RAGE, QUEEN LATIFAH, YOYO, SISTER SOULJAH, MC LYTE ... they all make good noise.

INTRO: Wenn sie aber doch aggressiver sein müssen, haben sie nicht die gleichen Möglichkeiten. Dann müssen sie doch mehr machen!

Chuck D: Erstens: Sie müssen aggressiver sein. Zweitens: Sie müssen mit den Waffen einer Frau kämpfen(!!). Es gibt weniger weibliche Rapper, weil sie nicht so aggressiv sind. Männer sind aggressiv, weil für sie Aggression eine der wenigen Möglichkeiten ist, sich zu finden und zu artikulieren. Frauen hingegen nehmen ihre Sicherheit aus ihrer Mutterrolle, mit der sie immer irgendwie verbunden sind.

INTRO: Haben schwarze Frauen die gleichen politischen Interessen und Ziele wie die Männer?

Chuck D: Ja, haben sie und sollten sie haben!

INTRO: Was würdest oder wirst du machen, wenn es P.E. irgendwann mal nicht mehr gibt?

Chuck D: Ich möchte mehr positive Dinge tun: Junge Künstler aufbauen, verschiedene Bereiche im Musikgeschäft weiterentwickeln, wie z. B. Agenturen, Management und die Förderung publikumsnaher Künstler im Gegensatz zu den Künstlern, die nur im Radio und Fernsehen erscheinen, also die Förderung von mehr Interaktion. Außerdem würde ich gerne eine Fernsehshow machen. Ich mag es, wenn Larry King lacht.

INTRO: Hast du schon mal über gemeinsame Projekte mit anderen Künstlern nachgedacht? Beispielsweise JELLO BIAFRA?

Chuck D: Oh nein! ISAAC HAYES ist viel wichtiger.

INTRO: Welche Bands anderer Musikrichtungen magst du?

Chuck D: Hm, ... ANTHRAX, BODYCOUNT ... Aus der Zeit, in der ich aufwuchs, mag ich CHICAGO wegen ihrer Lyrics. Ich mag Musik aus vielen verschiedenen Richtungen. Von den jetzigen Gruppen bewundere ich vor allem noch die HENRY ROLLINS BAND, wegen ihrer Energie.

INTRO: Letzte und obligatorische Frage: Das beste Rap-Album aller Zeiten?

Chuck D: RUN DMCs \"Raising Hell\".

Ob man nun alle Einstellungen PUBLIC ENEMYs teilt oder nicht, so sollte einem jedoch klar sein, daß man an ihnen nicht vorbeikommt. Die Suche nach der Wahrheit führt in jedem Fall über sie. Abends auf dem Konzert begegnen wir Chuck D noch einmal mitten unter den Zuschauern, doch selbst da nahmen wir ihn erst so richtig wahr, als er schon an uns vorbei war. Später dachte ich in diesem Zusammenhang an eine Bemerkung aus einem anderen Interview mit ihm: \"Ich werde ab jetzt leiser arbeiten. Ungefähr so wie James Bond.\" Bond jedenfalls hat bis heute noch immer gewonnen.



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aus Intro #21 (Februar 1995)
 
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