Transglobal Underground
nenn es, wie du willst, nur nicht ethno-supermarkt-musik
29.11.1994, 18:06, Text: Autor unbekannt
Soundcheck-Zeit: Da ist alles ganz normal. Nur TRANSGLOBAL UNDERGROUND ist keine normale Band. Weder in ihrer Musik noch in ihrer Arbeitsweise. Sie ist eine außerordentliche Band. Manchmal gibt es Momente auf Platten (wie Lieblingsszenen aus Kinofilmen), die man ins Herz schließt. Beim zweiten Album von TRANSGLOBAL UNDERGROUND kommt nach ungefähr 8 Minuten und 34 Sekunden eine Passage, die das vollbringt. Die große Leinwandstimme von Natacha Atlas begleitet den Groove schon auf himmlische Weise, aber dann kommt die Geige von Essam Rashad, und das Stück \"Taal Zaman\" nähert sich Richtung Perfektion. Die Frage ist nicht \"Was machen wir hier?\", sondern \"Wie ist es dazu gekommen, daß ihr hier seid? Paßt TGU in den Rock'n'Roll-Zirkus?\"
Nick wirft die Frage zurück.
\"Es ist alles ziemlich merkwürdig\", sagt Nick (a.k.a. A.A.), Bassist usw. der Combo. \"Wir haben die Gruppe damals (1991) aus Langeweile gegründet. Die meisten von uns spielten in irgendwelchen Bands, aber keiner hat so richtig Musik gemacht, die wir selber gerne hören mochten. Das ist es. Die erste LP haben wir aufgenommen, weil niemand anders die Musik spielte, die wir haben wollten. Es war trotzdem alles ohne Konzept, we made it up as we went along. Und die Leute fanden es gut!\" Warum auch nicht, vor drei Jahren hat wirklich niemand solche Elemente in der \"Transglobal\"-Form verbunden. Die Folge: eine Nr.1-Independent-LP, deren Urheber eine Zeitlang als \"The Next Little Big Thing\" in der Musikpresse gehandelt wurden.
TRANSGLOBAL spielen mit endlosen Varianten von musikalischen Stilen und Einflüssen, wofür man ihnen diverse nicht ganz zutreffende Namen gab (wie wär's mit \"Mutant Future World Music\" oder \"Global House\"?). Ihr Sound fließt zwischen Dub, HipHop, World Music, Dance - schon früher fanden in dieser Musiksparte gezielte Versuche, sogenannte \"World Music\" durch Remixes (z.B. NUSRAT FATEH ALI KHAN) oder durch westliche Produzenten (z.B. KHALED mit Don Was und Michael Brook) zu verkaufen oder auch Musiker aus den unterschiedlichsten Bereichen einander näherzubringen, statt (z.B. SONGHAI oder einige Projekte von MICKEY HART und PETER GABRIEL). TRANSGLOBALs Sound entwickelt sich aber eher organisch, d.h. von innen, nicht von außen. \"Wenn man in so einer City-Situation (London) wohnt, ist es ganz normal, daß man das Riesenpotential der kulturellen Quellen und Möglichkeiten wahrnimmt. Unser Environment ist eben multikulturell - Dialog oder Austausch ist der einzige Weg nach vorne.\"
Immer noch stehen sie mit dem, was sie machen, relativ allein. - \"Nicht so extrem wie vor drei Jahren. Es gibt schon ein paar Bands, die uns naheliegen, auch wenn sie nicht direkt vergleichbar sind: LOOP GURU z.B., viele Sachen auf dem \"Nation\"-Label, FUN-DA-MENTAL, SOUND CLASH REPUBLIC, ASIAN DUB FOUNDATION, Leute wie FABIO PARAS. Dann gibt es JAH WOBBLE, Natacha hat schon Sachen mit ihm gemacht, BILL LASWELL..., da kommt einiges zusammen. Als persönlichen Einfluß würde ich noch CAN hinzufügen.\" Für Harry, solltet Ihr wissen, ist Musik immer am aufregendsten, wenn er sich nicht richtig vorstellen kann, wo eine Musik herkommt, wie sie entsteht. THIS HEAT wäre da ein Beispiel. \"Ah, Charles Hayward (Percussion bei THIS HEAT)\", wirft A.A. ein, \"genial.\" Das notieren wir. Ich habe schon gemerkt, daß Gitarren-Surrealist BILLY JENKINS auf dem zweiten Album auftaucht. Auch sonst finden hier mehr Kreuzbefruchtungen statt, als man auf den ersten Blick meinen könnte. - Wie kriegt ihr die Sounds zusammen? Hängt ihr im \"National Sound Archive\" herum, um Material zu sammeln?
\"Nein, aber ich habe nur Gutes von dem Laden gehört, da gehe ich bestimmt noch hin. Wir benutzen erstmal relativ wenig Samples. Jeder bringt halt seine Ideen mit. Am Anfang war die Voraussetzung, daß wir die Leute verwirren wollten. Jetzt hat das Ganze mehr Struktur. Für uns ist die Vielfältigkeit sehr natürlich. Nimm zum Beispiel Natacha, Palästinenserin, Jüdin, im marokkanischen Viertel von Brüssel aufgewachsen. Der Bauchtanz ist für sie eine everyday Sache. Oder bei mir: Griechische Mutter, in Deutschland geboren, in Schweden aufgewachsen. Das letzte Mal in Norwegen saßen wir alle im Restaurant, da sind Kinder aus Angst weggerannt, weil sie noch nie einen zwei Meter großen Schwarzen gesehen hatten! Also wollen wir stereotypes Denken durchbrechen und als kreative Künstler immer etwas Neues machen. Du weißt ja, was ich meine: Inder in England müssen nur in Banghra-Bands spielen. Warum?\"
Spätestens, wenn man TGU live sieht (beim britischen Festival-Sommer haben sie kräftig abgeräumt), schnallt man, wie elektrisch diese Alchemie sein kann - aber wie ist es, in so einer diffusen Band zu leben? \"Wir streiten uns manchmal ganz schön heftig\", erklärt Nick entschuldigend. \"Wir vertreten so viele verschiedene Standpunkte, was Musik, Politik, Religion und spirituelle Dinge betrifft. Nur so können wir als Band funktionieren. Wir sind eine total solide Einheit. Du kannst die Entwicklung eines globalen Bewußtseins nicht ignorieren. Es geht um Gedanken und Religionsfreiheit, dabei meine ich nicht organisierte Religion, die von Natur aus korrupt ist. Zum Beispiel Greek Orthodox, womit ich aufgewachsen bin, - total korrupt -. Angst steuert Religion, fuck them all. Das Thema Salman Rushdie beispielsweise fängt mit ihm an und endet mit uns. Multikulturalismus hat einfach so viel anzubieten, das ist der Weg - oder aussterben\".
Wenn das wie ein Manifest klingt, liegt es an dem starken Kaffee und den Special Effects, the music is the message. Und die Musik groovt. Wenn House ein durchgehendes Thema beim ersten Album \"Dream Of 100 Nations\" war, eröffnet \"Internatinal Times\" nun weitere Türen zu HipHop und Dub, mit verstärktem arabischen Timbre. Das Revolutionäre an der TGU-Geschichte ist die Tatsache, daß sie durch die Dance-Szene groß geworden sind, dabei aber keine trockene Weltmusik aus Kulturzentren (nichts gegen Kulturzentren, da würde die Musik auch gut reinpassen), sondern eine knallharte Dance-Celebration der unbegrenzten Möglichkeiten kreieren.
Manchmal merkst Du, welche Bands es - trotz On-Tour-Trauma - durchhalten werden, wenn sie sich, Stunden nach dem Auftritt, immer noch für alles interessieren, was um sie herum passiert. TGU waren schon an vielen interessanten Ecken der Erde, sie haben sogar an der israelisch-ägyptischen Grenze gespielt. Anyway, im \"Goldenen Pudel Club\", wo kluge Menschen sich während der Woche betrinken (am Wochenende gehen kluge Menschen lieber woandershin), schießt TGUs Neil Sparkes, ein Bier in der Hand, eine Frage nach der anderen ab. Er will alles wissen. Und das ist gut so. TGU sind besessene Sammler. Globales Denken ist leicht gesagt, aber nicht so leicht zu konkretisieren. Den Soundtrack dafür zu schreiben, wird verdammt schwer sein. Er fängt hier an.
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