Das Ich
29.11.1994, 12:29, Text: Autor unbekannt
Inmitten meiner Träume - eine Wand aus Stein
Hätte man vor der Gründung von DAS ICH eine Umfrage im deutschen Alltag gestartet, von wegen: \"Was glauben Sie, wie der Tod wohl aussehen mag?\", der Sensenmann wäre mit Sicherheit anders beschrieben worden als \"klein, energiegeladen und mit der richtigen Nase für die Bedürfnisse seines Publikums\".
Der Tod aber, er lebt. Nein, nicht der Tod, der zwischen den Jahren 1348 und 1352 die Pest übers Volk gebracht hat (damals starben ungefähr 25 Millionen Menschen), sondern der, der in der Darstellung von Gevatter Hein die Paraderolle seines Lebens gefunden hat. Die Rede ist von Stefan Ackermann, seines Zeichens Sänger und Texter des deutschen \"Untergrund-Duos\" DAS ICH.
Während er im alltäglichen Leben eher unauffällig wirkt, verwandelt Stefan die Bühne derart in ein Gebilde perfekter Inszenierung, daß man den Eindruck erhält, das Theater sei seine ureigene Erfindung.
Musikalisch mag das etwas anders aussehen. Als das Musikmagazin \"Zillo\" sich auf den Weg zu Ruhm und Ehre machte, da saßen Bands wie DAS ICH und GOETHES ERBEN in den Startlöchern und warteten auf ihre Chance. Beide Gruppen haben selbige unterschiedlich genutzt. In der Folgezeit gesellte sich eine stetig steigende Gefolgschaft aus Fans und Musikern hinzu, die den Wortschatz des deutschen Sprachguts entdeckten und dem nacheiferten, was die ERBEN und DAS ICH vorgelegt hatten. Das Identifikationsproblem deutscher Musiker aus der Wave-Szene erhielt eine neue Dimension. Waren es zuvor THE CURE und THE SISTERS OF MERCY gewesen, die eifrige Kopisten gefunden hatten, so klangen plötzlich \"alle\" wie DAS ICH oder versuchten es zumindest. Nicht gerade beeindruckend. Es kommt noch besser: In der Welle der Begeisterung gerieten die eigentlichen Verursacher der Euphorie in Gefahr, selbst überflutet zu werden. Bruno Kramm und Stefan Ackermann gründeten neben DAS ICH das \"Danse Macabre\"-Label und konzentrierten sich derart intensiv auf die Musik ihrer \"Zöglinge\", daß für das eigene Projekt nur wenig Zeit übrig blieb. Die Veröffentlichung des Debüt-Albums \"Die Propheten\" verzögerte sich, und dem Longplayer drohte eine unbefriedigende Ernteeinfuhr. Denkste! Irgendwie hat sich die Qualität letztendlich doch durchgesetzt, und DAS ICH verkaufte 30.000 Exemplare. Eine Zahl, von der man als deutscher Indie-Musiker erst gar nicht träumen sollte.
\"Staub\" ist der Titel des zweiten Spielballs deutscher Lyrik, den DAS ICH auf die Tartanbahn schickt. Während einer ausgedehnten Deutschland-Tour im Herbst vorgestellt, bieten die acht Stücke vieles von dem, was man zu den typischen Elementen von DAS ICH zählen kann. Ein Song wie \"Von Der Armut\" hätte von seiner musikalischen Seite her problemlos zu den \"Propheten\" gepaßt, ebenso \"Aura\". \"Staub\" als eindeutige Fortsetzung von \"Die Propheten\" zu betrachten, wird dem Album allerdings nicht gerecht. DAS ICH hat sein Wurzelwerk zwar nicht vollkommen herausgerissen, klingt 1994 aber experimenteller und erfahrener als in den \"early years\". Dies hat nicht ausschließlich Vorteile. Ein 60minütiges Werk des Duos könnte ich mir in der vorliegenden Form nicht reinziehen, da \"Staub\" in sich viel zu gleichmäßig ist. Die bombastischen Elemente stehen zu sehr im Mittelpunkt, und es mangelt an ruhigen Songs.
Besonders gelungen ist dagegen die Spannung, die Stefan Ackermann und Bruno Kramm heraufbeschwören können. Bestes Beispiel: \"Im Ich\"! Stefan tobt sich aus und glänzt bei der Wahl des Themas \"Gesellschaft\". Das Zusammenspiel zwischen Musik und Gesang funktioniert dabei auffallend gut. Selbst im bombastischsten Moment steht Stefans Stimme eindeutig im Vordergrund und setzt sich eindrucksvoll in Szene. Die Bühnenpräsentation steht der Studio-Arbeit in nichts nach. Als Stefan Ackermann im Rampenlicht erscheint und seine aufgerissenen Augen durchs Publikum schweifen läßt, da steht er von Beginn an im Zentrum des Schaffens von DAS ICH, und man glaubt, es tatsächlich mit dem leibhaftigen Tod zu tun zu haben. Der Mensch zerfällt zu \"Staub\". Das Image mag ihm nicht gefallen, und doch spielt er es so überzeugend. Andererseits aber kann er den Sternen auch schon mal eine Nase drehen, und das würde der Tod wohl nicht tun. Aber um das zu verstehen, muß man DAS ICH vermutlich live gesehen haben...
Ach ja, etwas gibt es noch in eigener Sache zu sagen: Schönen Gruß an den arroganten und unfreundlichen Gast-Keyboarder. So möchte ich auch mal sein!
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