Smog
die entdeckung der langsamkeit
22.11.1994, 19:54, Text: Autor unbekannt
Viel war geredet worden von Begriffen wie \"Lo-fi\" und Home-recording, musikalische Wahlverwandtschaften zu LOU BARLOW, JAD FAIR sowie MECCA NORMAL wurden ausgemacht und nicht zuletzt die Looser-Attitüde sogenannter weißer amerikanischer Middle-Class-Kids à la BECK und PAVEMENT beschworen, um das Phänomen Bill Callahan und damit SMOG pressekompatibel aufzubereiten und stilistisch abzuheften.
Und doch sind dies alles nur Halbwahrheiten, denn bereits beim ersten Hören sind die auf der Suche nach dem wahren Pop-Song vermittelten Stimmungen derart zart verhalten und doch gleichzeitig bombastisch reduziert intensiv, daß man umweigerlich genötigt ist, die Seele dieser Platte immer tiefer aufzusaugen, um letztendlich ein Partikel dieser eigentümlichen Stimmungslieder zu werden.
Was mir sofort auffiel, war die wohltuende Abstinenz einer dandyhaft kultivierten Melancholie wie auch jeglicher sich in Heulsusenpop ergehender Larmoyanz.
Bill war mir dabei von der deutschen Plattenfirma als introvertiert und scheu geschildert worden, um - wie es mir nach der Lektüre einiger Presseartikel erschien - die nötige Geduld mitzubringen und um eine euphemistische Umschreibung des Attributs \"seltsam\" zu liefern. Umso mehr bin ich erstaunt, daß ich von Bill und Cindy Dall (Gitarristin und Gelegenheitssängerin) überaus freundlich empfangen werde. Cindy bietet mir Rotwein und Bier an und läßt mich danach mit Bill allein. Mir gegenüber sitzt ein unscheinbarer schlaksiger 28jähriger, ein wenig linkisch in seinen Bewegungen, ein \"Twentysomethings\" als Schnittmenge aus Kind und Mann, der sich dem Erwachsenwerden (erfolgreich) verweigert hat. Eine seltsame, wenngleich gelassene Spannung liegt zwischen uns, und es kostet mich eine auch physisch wahrnehmbare Überwindung, die erste Frage zu formulieren, um nicht diesen angenehm entrückten sakralen Rauschzustand eines völligen Nicht-Seins zu zerstören. Auf meine Frage, inwieweit Bill SMOG als Projekt eines Songwriters oder aber als vollständige Band sieht, antwortet er konzentriert und kaum hörbar: \"Eigentlich beides, wobei beispielsweise auch Cindy Songs schreibt. Ein Einfluß der beiden ist jederzeit möglich; aber wenn ich es mir genau überlege, bin eigentlich ich in erster Linie SMOG.\" Beim Konzert fällt jedoch auf, daß Bill immer wieder eine unarrogante Distanz zum Publikum sucht, indem er selbigem halbabgewendet gegnübersteht und dabei doch gleichzeitig die nicht nur körperliche Nähe von Cindy sucht, die den Part der Front-Frau übernimmt. Es scheint, als wolle Bill sich geradezu in der Musik verstecken, um mit ihr zu verschmelzen. Wie alle wirklichen Ausnahme-Künstler ist auch Bill Callahan ein Kind von Traurigkeit im Sinne einer notwendigen existentiellen Erkenntnis. Es verwundert daher nicht, daß er als musikalische Einflüsse sowie Bands, die er mag, LOU REED, IAN CURTIS, STEREOLAB sowie THE SMITHS nennt.
Geradezu energisch verkündet er: \"Ich bin kein Teil der sogenannten Generation X; ich habe mit dem kommerzialisierten 'Slacker-Image' eines BECK wie auch den ganzen 'Hometapern', die werbeträchtig als Innovatoren abgefeiert werden, nichts gemeinsam. ... Ich sehe mich vielmehr als (Gesamt-)Künstler, der neben dem Musikmachen gleichberechtigt schreibt und malt\", wovon Bills zuweilen brennende Stühle in ihrer räumlichen Isolation einen plastischen Eindruck vermitteln.
Live wird man immer wieder eingefangen von den unberechenbaren Spannungsbögen einer in ihrer Authentizität und zeitlosen Geschmackssicherheit geradezu perfekt paralysierten Band als Ausdruck einer dynamischen Leere im Sinne der metaphysischen Entdeckung der Langsamkeit. Zu diesem Modell einer möglichen Weltsicht als Verschmelzung von Mikro- und Makrokosmos im Sinne einer Endgültigkeit würde eine explizite politische Ambitioniertheit, wie sie von einigen neuen deutschen Bands wie BLUMFELD und SVEVO erarbeitet worden ist, so gar nicht passen. \"Ich weiß nicht genug, um politische Songs zu machen, ich lese nicht einmal regelmäßig Zeitung\", erklärt Bill lapidar. \"Meine Songs behandeln primär die Probleme des Erwachsenwerdens; eigentlich kann alles das Thema eines Songs sein, alles hat eine Bedeutung, alles ist gleichermaßen wichtig\", womit er unbewußt eine Nähe zu Jochen Distelme1yer herstellt, ohne es zu wissen. - Alles hängt mit allem zusammen. -
Ob solcher reduzierten Wahrheiten beende ich mein Gespräch mit einem zaghaften \"Thank you\". Minutenlang sitzen wir uns noch schweigend in einer stillen Übereinkunft - biertrinkend - gegenüber, bis die meditative Stille durch die Aufdringlichkeit eines ignoranten Selbstdarstellers der Vorband jäh unterbrochen wird. Bill Callahan erhebt sich, fordert mich auf mitzukommen und verschwindet dann in der Menge. Danach trennen sich unsere Wege, und zurück bleibt der Eindruck einer ausgefüllten Leere.
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