Melvins

großmeister der brachialen verlangsamung oder 10 jahre zwischen genialität und wahnsinn

22.11.1994, 14:37, Text: unbekannt


Historie

Vor annähernd zehn Jahren betraten sie mit einem Track auf der K-Kompilation fast unbemerkt unsere Realität, danach folgte eine 7\"-EP auf \"C/Z\". In Longplayer-Form tauchten sie erstmalig 1987 mit \"Gluey Porch Treatment\" auf. Doch endgültig erschüttern sollten sie uns dann mit \"Ozma\", dem Werk, welches reichlich bleibende Schäden in der völlig verunsicherten Musik- und Presse-Welt hinterließ. Darauf folgten \"Bullhead\", die \"Eggnog\"-EP, die MELVINS-Soloalben und ihr bisher extremstes Werk, \"Lysol\", das ohne Titel in den Läden erschien, da sich ein gleichnamiger Desinfektionsmittelhersteller genötigt sah, die Band auf Schadensersatz zu verklagen, falls das Album unter diesem Titel veröffentlicht werden würde.

Bis heute stellt \"Lysol\" ihren Höhepunkt an Kompromißlosigkeit dar, in Sachen Unkommerzialität sollte später noch einer draufgesetzt werden (aber das an anderer Stelle). Bis zu dem Zeitpunkt waren alle Platten auf \"Boner\" und \"C/Z Records\" erschienen, und man schien glücklich und zufrieden im sumpfigen Underground zu dümpeln. Aber es sollte alles ganz anders kommen...

Nach einer schon fast hysterischen Signing-Orgie seitens größerer Plattenfirmen im amerikanischen Indie-Bereich folgte der Wechsel vom Indie- ins Majorlager, und man unterschrieb einen mehrere Alben umfassenden Vertrag bei \"Atlantic\". Nur war unklar, ob das einen Absturz oder aber einen ganz normalen Fortschritt zur Folge haben würde. Es sollte nicht, wie von vielen erwartet, ihr Ende sein. Ganz im Gegenteil, sie sprengten die engen Grenzen des Major-Daseins und transformierten es in die Weiten des Undergrounds. Das Trio bewies, daß es auch dort in der Lage war, sich Raum zu schaffen. Zwar wirkte das Major-Debüt \"Houdini\" durchdachter und disziplinierter als alles bis dahin Dagegwesene, jedoch ohne sich dem Diktat des Mainstream zu beugen. Sogar die Metal-Presse, die vorher nicht wagte, die Band mit der Kneifzange anzufassen, umschwärmte sie. Auf einmal wußte jeder Headbanger aus MTV's Balls, wer die MELVINS sind. Darauf folgte ihr bis dato unkommerziellstes Album. \"Prick\", bestehend aus lauter Geräuschcollagen und jeder Menge Samples, kann man beruhigt in die Sparte \"Geräusche-Platten von Outer Space\" einordnen. Auf den Markt brachte das Album allerdings nicht \"Atlantic\", sondern \"Amphetamine Reptile\". Das Label hatte sich vorher schon die Vinyl-Rechte an \"Houdini\" gesichert, da \"Boner\" an einer Zusammenarbeit mit \"Atlantic\" nicht interessiert gewesen war.



Völlig losgelöst im Hier und Jetzt

Nun sind sie mit ihrem neuen Werk \"Stoner Witch\" angetreten, um da weiterzumachen, wo sie mit \"Houdini\" aufgehört haben. Konsequent ihrem Weg folgend, Regeln und Regulationen zu brechen, nicht kalkulierbar zu sein. \"Stoner Witch\" scheint mehr denn je ein Experiment aus noisigen Parts, jeder Menge Amplifire und absolut ruhigen Passagen zu sein. Songs wie \"Lividity\" driften fast ins Meditative ab. \"Es scheint unsere neue Richtung zu sein. Wir versuchen Lautstärke, Schnelligkeit und langsame Parts gleichzeitig miteinander zu verbinden. Besonders live, wenn wir erst einen schnellen und danach einen ruhigen, langsameren Song spielen, kannst du die Verwirrung im Publikum sehen. Die Leute scheinen nicht zu wissen, wie sie darauf reagieren sollen.\" Ob die auf dem neuen Album eingeschlagene Richtung für die MELVINS die weitere Entwicklung bedeutet? \"Es ist schwer zu sagen; wir haben bereits angefangen, neue Songs zu schreiben. Ein paar klingen richtig melodisch, andere sind sehr langsam, und dann gehen wir wieder in eine völlig andere Richtung. Auf jeden Fall werden wieder sehr abgefahrene Sachen dabei sein, Songs wie z. B. 'Shevil' oder 'Goose Freight Train'.\"

Die MELVINS sind mehr denn je keine gewöhnliche Band, sie sind eine Philosophie. Ständig bewegen sie sich zwischen Genialität und Wahnsinn, sie spielen mit dem Unerwarteten und lassen es dann ins Leere laufen (wie auf \"Lysol\", wo sich ein dreizehnminütiges Intro langsam aufbaut, die Spannung steigen läßt, um dann kurzerhand einfach zu enden). Ist \"Prick\" für \"Atlantic\" zu extrem gewesen, so daß sie es nicht veröffentlichten haben? \"Nein, 'Prick' ist willentlich so ausgefallen. Wir wollten etwas richtig Abgefahrenes herausbringen, irgendwas zwischen 'Houdini' und 'Stoner Witch', einen richtigen 'Fans Only'-Release. Deshalb wollten wir nicht, daß 'Atlantic' da so viel Geld reinsteckt. Es ist eine Art unseres Humors.\"



Grunge-Hyperantrieb

Während eine Springflut, direkt aus dem Nirvana kommend, die Welt mit Grunge überrollte, wurden die MELVINS zusammen mit wenig vergleichbaren Bands wie den STONE TEMPLE PILOTS, PEARL JAM, ALICE IN CHAINS etc. angespült und seitdem von jedem als die Ur-Väter des Grunge bezeichnet. Ein Etikett, das nicht so richtig paßt, denn sie sind größer als Grunge mit seinem Modediktat aus Musik, Kleidung und Lifestyle und es außerdem auch nie gewesen. \"Das entstand wahrscheinlich dadurch, daß wir all diese Leute bereits kannten, bevor sie in irgendwelchen Bands spielten, und sie uns vielleicht öfters als ihre Quelle der Inspiration nannten. Vielleicht auch, weil einige frühe NIRVANA-Songs ähnlich klingen.\" Was ja auch kein Wunder ist, da Dale auf \"Bleach\", dem ersten NIRVANA-Album, die Drums eingespielt hatte. \"(Lacht) Ja, das dürfte der Grund gewesen sein. Ebenfalls ziemlich lustig in diesem Zusammenhang ist, daß NEIL YOUNG inzwischen immer öfter 'The Grandfather Of Grunge' genannt wird, just seit der Veröffentlichung von 'Harvest Moon'. Da ist nicht der kleinste Teil Grunge (whatever that is) drauf. Es ist ein Akustik-Album.\" Ihre Einflüsse beziehen sie aus allem, aus Metal-, Hard- und Punkrock. Ihre Musik ist ein Melting Pot, in den ein bißchen von jedem geworfen wird, alles zusammen zu einem harten, schweren, rotglühenden Klumpen zerschmolzen wird, der irre heiß ist und der ihre Essenz bildet.



Raumschiff Bass-Men - The Next Generation

Nun zum Thema \"verlorengegangene Bassisten durch intergalaktische schwarze Löcher\": Ursprünglich bewegte bei ihnen Matt Lukin die Bass-Saiten. Das war damals in Aberdeen. Nachdem es sie Richtung San Francisco zog, blieb Matt zurück, um erst bei GREEN RIVER einzusteigen, aus denen später ein Teil von PEARL JAM hervorging, und um dann letztendlich MUDHONEY zu gründen. Dale und Buzz brauchten nicht lange, um einen Ersatz in Friscos Szene zu finden, die Bands an laufendem Band produzierte. Lori oder auch Lorax, die bei der dort ansässigen Underground-Größe CLOWN ALLEY spielte und nebenbei noch die Tochter der Kinderstar-Legende Shirley Temple ist, stieg kurzerhand ein. Lori und Buzz teilten von da an nicht nur die Band miteinander. Nach der \"Eggnog\"-EP verließ sie die Band. In dem EARTH-Bassisten Joe Preston wurde Ersatz gefunden, der seinen Teil zu den Solo-EPs und \"Lysol\" beisteuerte, danach aber schnellstens wieder \"gekickt\" wurde, weil er sich blöd benahm und nicht zur Band paßte. Plötzlich, mit \"Houdini\", tauchte Lori wieder ganz unverhofft auf, ging mit ihnen auf Europa-Tour und verschwand danach erneut von der Bildfläche. Daraufhin wurde der alte MELVINS-Freund und Soundman Mark Deutrom für den Job engagiert. Ist damit nun das Basser-Problem endgültig aus der Welt? \"Ich kann es nicht sagen, aber ich hoffe schon, da Mark sehr gut in die Band paßt. Es ist sehr einfach, mit ihm zu arbeiten. Er ist der erste Bassmann, dem wir nicht zu zeigen brauchen, was er spielen soll. Es macht sehr viel Spaß, ihn in der Band zu haben.\"



Verbindung zu anderen großen Geistern

Aus ihrer Vorliebe für die lebendig gewordene Comic-Strip-Band und, wenn wir ehrlich sind, unser aller Jugend-Liebe - KISS - haben die MELVINS nie einen Hehl gemacht. Ganz im Gegenteil, ihre Huldigung brachten sie auf der bei \"C/Z\" erschienenen \"Hard To Believe - A Kiss Covers Compilation\", wo sie den KISS-Klassiker \"God Of Thunder\" coverten, auf ihren Solo-Alben sowie mit dem auf \"Houdini\" enthaltenen \"Going Blind\" dar. Wieso war auf der kürzlich erschienen \"Kiss My Ass\"-Compilation, von Ober-KISS Gene Simmons selbst zusammengestellt, an ihrer Stelle DINOSAUR JR. mit diesem Song vertreten? \"Gene Simmons mag unsere Band, aber ich denke, er ist auch Businessman und er versuchte, eine Compilation zusammenzustellen, die sich gut verkauft. Wahrscheinlich hat er sich von DINOSAUR JR. mehr Verkäufe versprochen, die waren zu diesem Zeitpunkt auch schon confirmed, und es sind bereits mehrere 'Atlantic'-Bands für den Sampler vorgesehen gewesen. Das mag der Grund gewesen sein. Außerdem mag ich 'Going Blind' und bin froh, daß es auf unserem Album ist. Aber es ist schon lustig, in jedem Interview, das ich hinterher von KISS gelesen habe, wurden sie darauf angesprochen, warum wir nicht auf diesem Sampler vertreten sind. Trotzdem sind sie nett zu uns und supporten unsere Band. Kürzlich bei einer Show kam Gene Simmons sogar auf die Bühne, um zusammen mit uns 'Going Blind' zu spielen.\"



Andere Sphären

Kürzlich hat sich ein Freund und Mentor, Kurt Cobain, mal eben dank eines glatten Kopfschusses in die gleichen Sphären hinübergebeamt, in denen schon ein Jim Morrison, Jimi Hendrix oder eine Janis Joplin weilen. Kurt Cobain wurde nie müde zu erwähnen, daß es ohne die MELVINS NIRVANA nicht gegeben hätte, ohne ihn wären wiederum die MELVINS aber wahrscheinlich auch nie so bekannt geworden. Cobain produzierte (wahrscheinlich wegen des Name-droppings) einige Songs auf \"Houdini\" und nahm auf einem sogar die Gitarre zur Hand. Hat sein Tod einen Effekt auf die MELVINS gehabt? \"Nicht auf uns als Band, aber persönlich, da er ein enger Freund war. Es war ziemlich verrückt, als das passierte. Wir waren gerade auf Tour, und dadurch war es schwer für uns zu verstehen, was da vor sich ging. Wenn du auf Tour bist, ist das wie in einem Zeitloch isoliert zu sein. Du siehst kaum fern, liest kaum Zeitungen und bekommst einfach nichts mit. Es war verrückt, denn wir waren gerade mit NIRVANA auf Tour in Deutschland, als er das erste Mal versuchte, sich das Leben zu nehmen. Schon das hat uns ziemlich fertig gemacht, und als er sich dann tatsächlich umbrachte, fragten wir uns, wie es dazu kommen konnte, wie die Leute um ihn herum das geschehen lassen konnten. Wir haben es kommen sehen. Ich denke nicht, daß man jemandem dafür die Schuld zuweisen kann, eine Menge trug dazu bei. Aber er hätte zu dem Zeitpunkt nicht einfach ohne Beobachtung bleiben dürfen.\"



Die nahe Zukunft

Ab November werden die MELVINS wieder über die deutschen Bühnen walzen, und man darf bereits gespannt sein, was sie sich diesmal alles einfallen lassen, denn live sind sie eine Macht. An Intensität kaum zu überbieten! \"Wir geben keine Zugaben, spielen alle Songs hintereinander, weil wir es für bescheuert halten, irgendwann von der Bühne zu gehen, wiederzukommen und noch zwei Songs zu spielen. Die Leute in Europa scheinen damit nicht so gut klarzukommen. Wir wollen niemanden damit verärgern oder abziehen. Wir spielen halt nur alle Stücke auf einmal. Letztes Mal, als wir in Deutschland spielten, kamen wir wie bei einem Curtain Call im Theater auf die Bühne, verneigten uns und gingen einfach wieder. Vielleicht machen wir das dieses Mal erneut. Schreib das am besten in deinen Artikel, damit die Leute Bescheid wissen (lacht wieder).



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aus Intro #20 (Dezember 1994 / Januar 1995)
 
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