Beck

songs wie rohes metall

22.11.1994, 10:02, Text: Autor unbekannt

Das ist also Beck Hansen, den seine Eltern angeblich nach der deutschen Biersorte aus Bremen getauft haben. Der Indie-Gewinner des Jahres 1994, dessen \"Loser\" als ungeschlagener Sommerhit schon im Frühjahr durch sämtliche Medien, Radiostationen und Ohren ging. Das Album \"Mellow Gold\" wurde zum Superseller wider BECKS Willen, weil MTV kräftig nachgeholfen hatte - oder mal wieder ein neues Gesicht, ein neues Image, einen neuen Loser brauchte. Was den Video-Kids auf breiter Front allerdings verborgen blieb, war BECKs Vorliebe für alles, was nicht von einem erwartet wird, der angeblich ein Star ist.
\"One Foot In The Grave\", seine Indie-Veröffentlichung im Sommer, rückte Dinge ins Lot, die \"Mellow Gold\" bei näherem Hinhören schon angedeutet hatte.

BECK ist Musiker im eigentlichen Sinne. \"Früher klang ich schon immer wie 'One Foot In The Grave'\", sagt er, \"ich höre zu, was die Songs mir zu sagen haben.\" Für ihn ist die Musik eine Sache, die sein Leben bestimmt, wo er sich keine Sorgen oder Gedanken machen muß. Er nahm es noch vor zwei Jahren in Kauf, in Los Angeles keinen verdammten Gig zu bekommen und sich ungefragt mit seiner akustischen Klampfe in die Umbaupause zwischen zwei Acts schieben zu müssen - und genauso ungerührt registriert er heute seinen Erfolg, mit dem er im Prinzip überhaupt nichts anzufangen weiß. \"Natürlich genieße ich es irgendwie\", versucht BECK das zu rechtfertigen, weswegen er bei Journalisten und Fans gleichermaßen begehrt ist. Allein, es gelingt ihm nicht, irgendwie hat man immer das Gefühl, er möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Oh nein, es ist keineswegs Zickigkeit, die hier durchschlägt; BECK ist Musiker, wie gesagt, und das bedeutet für ihn, daß seine Musik für sich selbst spricht: \"Ich bin niemand, der der eigenen Musik eine so hohe Wertschätzung entgegenbringt. Ich denke eher, ich bin ein musikalischer Arbeiter, der die Songs wie rohes Metall bearbeitet, auf das man schlägt.\" Seine Worte kommen leise, verhalten und mit unendlicher Langsamkeit. Wir hatten vorher vereinbart, daß er mir offen zu verstehen gibt, wenn er eine Frage für absolut daneben hält, doch mit zunehmender Interviewdauer scheint BECK aufzuwärmen, ja, er antwortet sogar auf Fragen, die man ihm stellt, mit einer gewissen Ernsthaftigkeit.
Glaubt er, seinen Fans etwas schuldig zu sein, nachdem sie ihn aufgrund von \"Loser\" so angehimmelt haben? \"Dieser Song wurde schon immer falsch verstanden\", sagt BECK, \"jedermann glaubte, es sei eine gewollte Anspielung auf diese 'Generation X'-Scheiße und all diese wirklichen Versager, die sich 'Slacker' nennen. Dabei war es nur eine Zeit, in der ein paar Freunde und ich uns spaßeshalber im Slang eben 'Loser' nannten.\" Heute singt er den berühmten Refrain nicht mehr wie im Original, sondern wandelt ihn ab - natürlich mit doppeltem ironischen Boden: \"I'm a nickel, baby, so why don't you shine me\", heißt es jetzt. Wobei man wissen sollte, daß \"to shine\" sowohl das übliche \"polieren\" heißen kann, wie auch im Slang \"links liegen lassen\".
Was will BECK eigentlich mit seiner Musik erreichen? \"Was soll ich schon erreichen wollen? Es macht mir Spaß, daß ich jetzt so viele Möglichkeiten habe\", sagt er und meint damit sicherlich nicht, daß er sich die teuersten Studios mieten kann oder ein sündhaftes Catering verlangt. In Prag haben sie ihm kalte Pizza gebracht, und in München nimmt er es als unabänderlich hin, daß er seine Socken im Waschbecken des Hotelzimmers selbst waschen muß. \"Weißt du, ich sehe Musiker und Bands in ihrem Gesamtbild. Da interessiert mich nicht ein einzelner Song, auch wenn es ein Hit war. Ich möchte all ihre Songs kennen, möchte wissen, wie sie als Menschen sind, wie sie leben, warum sie Musik machen.\" Ein Journalist hätte es nicht besser formulieren können.
Aber ist BECK nicht doch das Produkt von MTV, verdankt er diesem Modesender nicht seine ganze Karriere (Man traut sich kaum, das Wort in seiner Gegenwart auszusprechen)? \"'Loser' hatte ich schon lange vorher geschrieben, und es lief auch nicht schlecht. Mit dem Video wollten wir eigentlich MTV von innen heraus ad absurdum führen, wollten dieses System des Imageaufbaus pervertieren. Die von MTV haben das nie kapiert.\" BECK also ein tragischer, glücklicher, lucky Hero? \"Ich habe die Dinge immer noch selbst in der Hand\", ist er sich sicher, obwohl er die notwendigen Jobs an ein Management, eine Booking-Agency und was weiß ich noch an wen abgegeben hat. \"Ich könnte morgen davonlaufen und mich gut fühlen dabei. Niemand schuldet mir was, und ich schulde niemandem was. Ich habe eine schöne Zeit, und ich bin leicht zufriedenzustellen.\"
Nach dem Interview ist Fotosession mit den Leuten von \"Vision Street Wear\", bei denen er eine Woche darauf im französischen Les Alpes das große Indie- und Dance-Festival spielt. \"Cool\", findet er, \"da gibt's ja saubere Klamotten. Kann ich die behalten?\"



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aus Intro #20 (Dezember 1994 / Januar 1995)
 
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