Babe

What's that noise, babe? Babe?

19.11.1994, 21:11, Text: Autor unbekannt

BABE sind anders. Dieser Satz, vor dem ich beim Schreiben immer zurückschrecke, hat hier endlich mal Sinn und soll anläßlich der Europa-Tour, die sie gerade nach Deutschland führt, erklärt werden. Die Tatsache, daß BTBO in den Hörer hineinkriechen und mit Unterschwelligkeit hausieren gehen, fast schon berechnend Melodien verstecken, machte eine intensive Vorbereitung auf das Interview notwendig, Auseinandersetzung mit der lyrischen Dimension und dem musikalischen Kontext sozusagen, bla bla. Man will ja auch zeigen, daß man sich etwas bei seinen Fragen denkt, gerade wenn Gitarrist und Sänger Tim sehr introvertiert und erhaben vor einem steht - quasi als ein Michael Stipe für Untersetzte.

Leichte Panik brach daher in mir aus, als mein Manuskript unauffindbar war, mit all den wichtigen Fragen, z.B. nach ihrem einzigen Europa-Auftritt bis dato in Marseille, nach dem sich die \"Spex\" auf zwei Seiten nicht mehr halten konnte vor Begeisterung.... Und dann gab mir Rose die Hand und kroch in mich hinein: \"Hi, I'm Rose, I play bass. What's your name?\" Ich? Kriech, kriech. Du Bass? Schluck. In welcher Band? Wo bin ich, wenn nicht im Himmel? Fangen wir also da an, wo ich mich aus dem Stadium spontaner Verliebtheit gelöst hatte.

\"Where the fuck are we?\" Ein wenig übernächtigt schaut Tim aus dem Fenster in die Vormittagssonne. \"In Amerika sind wir auf 'Homestead-Records', die in sehr losem Kontakt mit 'Rough Trade' stehen. Manchmal erreicht uns also ein Fax aus Europa, auf dem steht 'Wir wollen, daß BABE Interviews gibt!' Okay, dann höre ich wieder drei Wochen lang gar nichts, und mit einem Mal sind wir mitten in Deutschland. Wir hatten einen 3-Platten-Vertrag mit 'Homestead' und werden sehen, was jetzt passiert.\" \"Color Me Babe\" wird als ausgereiftes Album umrissen, als Platte, die die Entwicklung der Band zeigt. In meinen Ohren bewegen sich BTBO allerdings kontinuierlich in neue musikalische Sphären. Tim sieht es wiederum ganz anders: \"Man kann die Platte 'reif' nennen, aber das verfehlt die eigentliche Bezeichnung. Ich glaube, wenn Leute eine Platte als konventionell bezeichnen, meinen sie vor allem die Refrains, die man mitträllert. Das müssen aber nicht die guten Songs sein. Sagen wir, wir werden von Mal zu Mal besser?\" Wenigstens konnten wir uns darauf einigen, daß ziemlich experimentelle Passagen aus dem Album herausstechen, so z. B. die Bläserparts, die Tim selbst einspielte. \"Eigentlich wollten wir auch live realisieren, daß mir jemand aus dem Publikum die Posaune zuwirft, aber das kann schnell konstruiert und gekünstelt aussehen.\"
Betrachte ich die drei Alben, stellt sich mir die Frage, ob sich die Herangehensweise an jeden neuen Output von \"Spaß\" zu \"Routine\" oder \"Druck\" geändert hat. Rose erklärt mir die Entwicklung: \"Das erste Album war unser Demo, das wir einfach auf CD gepreßt haben. Als wir mit unseren Bändern bei 'Homestead' den Deal bekamen, gaben sie uns 2.000 Dollar für die Produktion. Wir hatten aber zu dem Zeitpunkt schon wesentlich mehr bezahlt, also benutzten wir unsere Bänder für 'Box'. Um die neuen Songs zu veröffentlichen, nahmen wir dann die EP auf - banging it out on the weekend. Danach hatten wir viel Zeit für dieses Album. Natürlich hatten wir immer Spaß am Aufnehmen. Wir konnten mit Freunden in Brooklyn zusammenarbeiten, außerdem haben wir immer darauf geachtet, alles live einzuspielen.\"
Das Stichwort Brooklyn lenkte mein Interesse in Richtung der oft angeprangerten Szene-Verbundenheit, in deren Idiotie eine Band das Publikum der anderen ist und sich doch keiner so recht riechen kann. Ein derart vielschichtiger Melting Pot wie Brooklyn sollte doch eine Unmege an verschiedenen Szenen in sich bergen, man bedenke den weiten Weg vom \"Giant Stap\" zu den \"Hood-Boys\" mit gepiercten Dickdarmenden. BTBO leben in Brooklyn, Tims Schlüsselwort dazu ist \"Space\", also Platz: \"Ich habe mal von jemandem gehört, der Sound von New York sei der Sound von Leute, die nach billigen Apartments suchen. Und tatsächlich gibt es Verbindungen zwischen dieser Behauptung und den Verhältnissen in Brooklyn. Viele Bands wohnen dort, weil es billig ist. Ich weiß, daß HELMET sich mit COP SHOOT COP einen Proberaum teilen und irgendwie auch mit BARKMARKET zusammenhängen. Das ist witzig, weil diese Bands sich gewissermaßen immer übertreffen wollen in Lautstärke und Härte. Und dabei ist eben auch der Raum wichtig. Wenn du in einen Lagerraum kommst, in dem ein himmelhoher 'Marshall'-Turm steht, du stöpselst dich ein und drehst auf bis 10, dann wird sich das auf den Sound deiner Musik auswirken. Wir proben im Keller meines Hauses....\" Rose findet sich gar nicht mehr so sehr in Brooklyn: \"Was New York angeht, spielen wir inzwischen fast exklusiv in Manhattan und klingen wohl eher wie einige 'Knitting Factory'-Bands, aber ich sehe uns nicht als Bestandteil einer Szene.\" Tim erwidert: \"Finde ich wohl. Es gibt schon drei oder vier Bands, die gegenseitig ihr Schaffen verfolgen. NO SAFETY sind ein gutes Beispiel, wir spielten oft mit ihnen und sind befreundet, dann spielten wir mit ELLIOT SHARP. Eine Band, von der man hier in der nächsten Zeit hören wird, heißt VERY PLEASANT NEIGHBOR. Sie machen experimentellen Rock, sehr herausfordernde Musik, vor allem für amerikanische Ohren, die eher den 'packaged rocksong' gewohnt sind.\"
Rose legt mir bei dieser Gelegenheit eine Band namens UI ans Herz und im gleichen Atemzug so etwas wie SOUL COFFEE, man möge mich erschlagen, wenn's nicht stimmt (hier möchte ich erwähnen, wie erstaunt ich war, daß Tim und Rose NOMEANSNO kaum kannten!). Riesenoutput aus Brooklyn also, allerdings eher aus der Avantgarde-Riege sich gegenseitig beerbender intellektueller Beinahe-Jazzer, direkt nachgefragt: Wie berechtigt ist der MINUTEMEN- und BEEFHEART-Vergleich? \"Na ja, es gibt mehr als eine MINUTEMEN-Platte.\" Mehr wollte Tim dazu nicht sagen, auch Rose hielt sich zurück, ganz offensichtlich nervt sie dieses Presse-Stigma, ganz ähnlich wie die Frage 'Wie ist es denn, in Brooklyn Musik zu machen?', die ich zum Glück nicht stellte. \"Wie sollte ich so eine Frage auch beantworten? Ich habe keine Vergleiche mit anderen Städten. New York hat sicherlich einen intellektuellen Drive, was nicht immer gut ist, wenn man sich die Neurosen dieser Stadt anschaut. Viele Songs sind daher in Frustration geschrieben. Aber das hat ja schon nichts mehr mit der Stadt zu tun. Das einzige, was New York besonders macht, sind die Leute. Wenn du jemanden in einer Bar triffst, redest du nicht darüber, vieviel Pot du letzte Nacht geraucht hast - zumindest nicht in meinem Bekanntenkreis -, sondern darüber, was du machst und wo du damit hinwillst.\" Hat er da nicht doch die Frage beantwortet? Rose verbindet New York mit Bewegung: \"Wenn ich in New York bin, muß ich automatisch etwas tun. Die wenige Zeit, die ich heute habe, nutze ich dazu, dorthin zu gehen, wo meine Freunde Musik machen. Vielen, auch sehr großen Musikern sind sowieso die meisten Clubs zu teuer, so daß man New York auf keinen Fall so fokussieren kann wie Seattle, wo es drei angesagte Clubs gibt, in die jeder geht, egal wer spielt.\" Tim: \"Ich weiß noch, wie DAVID BYRNE zu unserer Show kam, nachher eine CD kaufte und mich fragte, welche er nehmen solle. 'Na ja, die erste ist wohl besser, weil du mehr Songs pro Dollar bekommst.' Er kaufte sie also und ich fragte ihn nach seinem Namen. 'Oh, ich heiße David.' 'Okay, David, nice to meet you!' Meine Freunde lachten sich kaputt. 'Warum hast du ihn nach seinem Namen gefragt? Weißt du nicht, wer das war?' Ich hatte ihn ehrlich noch nie gesehen....\" Rose: \"Und als du jung warst, war der dein Vorbild!\" Tim: \"Genau! TALKING HEADS war die erste interessante Musik, die ich überhaupt hörte - mal abgesehen von der LED ZEPPELIN-Phase, durch die jeder amerikanische Teenager geht. Aber da bist du in New York, und überall laufen Stars herum, es gibt sehr viel R'n'B-Musiker und Tonnen von Rappern, du kannst jederzeit irgendeiner Band auf der Straße am Gang ansehen, daß sie gerade einen Plattenvertrag bekommen hat.\" Bewegung also. Das letzte Jahr hat der Band definitiv mehr Bewegung gebracht, alle Drei mußten ihre Jobs an den Nagel hängen und tourten quer durch die Staaten, mit wachsender Akzeptanz, wie Tim sagt: \"Natürlich ist es schwierig, mit unserer eckigen Musik in Amerika einen Stamm von Leuten zu finden, die so was mögen, aber touren zahlt sich aus. Und das Erscheinen des Albums bringt teilweise hundert Leute mehr zu den Konzerten.\"
Was haben sie also für ein Gefühl, in Europa zu spielen? Wie war das damals in Marseille? \"Es war magisch. Ein Riesenpublikum, das bedeutet bei uns ein paar hundert Leute, drei Zugaben und tolle Stimmung. Wir sind zwar nur für das Wochenende in Frankreich geblieben, aber haben es unglaublich genossen\", Tim schwelgt in den Erinnerungen, Rose bekommt glitzernde Augen und doch hat keiner von beiden eine Ahnung, wie ihre erste Europa-Tour angenommen werden wird. Rose: \"Ich weiß überhaupt nicht, welches Gewicht die Presse hier in Deutschland hat, wieviele Leute also aufgrund irgendwelcher Artikel auf Konzerte gehen. Das ist wieder so eine Sache des Kontaktes. Irgendwann bekamen wir einen Pressespiegel, und ich war überrascht, wieviel nach Marseille über uns geschrieben wurde.\"

Bleibt neben unzähligen Ausflügen zu anderen Gesprächsthemen, die hier keine Beachtung finden konnten (Tim findet Lo-fi vom Konzept her interessant, aber in seiner Ausführung merkwürdig und steht PC kritisch gegenüber, aber das führt hier verdammt nochmal zu weit!), die Frage nach den skurrilen Albumtiteln. Ich vermutete bei \"Color Me Babe\" eine Anlehnung an die Spar-New-Kids COLOR ME BAD, aber nein: \"Es hat diese Doppelbödigkeit, aber die Idee zu unseren Albumtiteln hatte BARBARA STREISAND\", klärt mich Tim auf. \"Oh ja, sie hatte so clevere Ideen wie 'Je M'Apelle Barbara' oder 'Color Me Barbara' oder auch 'Simply Barbara' (folglich heißt das nächste Album 'Simply Babe'? - der Verf.). Ich kann außerdem nicht genug betonen, welchen großen Einfluß sie auf unsere Musik hatte.\" \"Aber auch COLOR ME BAD waren sehr wichtig\", schließt Rose endgültig den ernsthaften Teil des Gesprächs ab.
Mir blieb der Eindruck, daß die Unternehmung \"Tournee durch Deutschland\" auf relativ wackeligen Beinen steht, z. B. die Erwartungen an das Publikum betreffend, entsprechend also der BABEschen Musik: voller Improvisationsbedürfnis, immer verschroben und nah am Chaos, aber am Ende wird doch alles schön und gut.
Und was aus meiner Verschossenheit geworden ist? Sagen wir, es war ein Köder, damit Ihr bis hierhin lest! Nein, nein, Rose ist niedlich, und das kann ich auch ganz objektiv so stehenlassen..., was heißt hier, ich werde rot...?



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aus Intro #20 (Dezember 1994 / Januar 1995)
 
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