Grifters

von großzügiger unexaktheit

19.11.1994, 14:57, Text: Autor unbekannt

So war denn die einzig erwähnenswerte Aussage seitens der Band die, daß keine Absicht dahinterstecke, die Texte nicht abzudrucken, man es aber ohnehin bevorzuge, wenn der Hörer das interpretiere, was er glaubt, akustisch zu vernehmen - selbst wenn das gar nicht mal dem entspräche, was auch tatsächlich gesungen wird. Und so ähnlich, beschloß ich, inzwischen endgültig geläutert, würde ich das dann auch mit der musikalischen Seite des Quartetts aus Memphis, Tennessee, handhaben.
Während ihre Alben den Eindruck erwecken, man habe es hier mit zu 4-Spur-Low-Fi und anderem Schnickschnack neigenden Indie-Fossilien zu tun, die sich zielstrebiges Songwriting auf die Fahnen geschrieben haben und sowohl beim Stimmen der Instrumente als auch bei der Produktion an sich eine gewisse Schlampigkeit an den Tag legen, kann man sich live ein völlig anderes Bild machen: Die Vorstellung grenzt fast schon an eine Rock'n'Roll-Comedy-Show.

Da werden Stücke mit geradezu hymnenhaftem Charakter gespielt, und der Schlagwerker geht mitten im Stück seelenruhig von der Bühne, um sich an der Theke mit flüssigen Köstlichkeiten zu versorgen. Wird eine Ballade intoniert, kommentiert dies der pausierende Rest der Band mit Feixen, Gelächter, manchmal sogar störenden Zwischenrufen. Oder Songwriter #1 (die haben ja alle falsche Namen) hantiert am Mikroständer rum, ehe er zum Refrain ansetzt und sich prompt mindestens einer der Rhythmus- oder Melodiefraktion hörbar verhaspelt. Solcherlei Ungenauigkeit ist aber weniger PAVEMENTscher Natur denn Resultat eines großzügigen Ausholens, eines Gestus, der, um der Rettung des Gesamten (vor den glitschig-ekeligen R'n'R-Klischees) willen, die spröde Ästhetik (wie eben auf den Alben) opfert. So lullen die GRIFTERS ein und wollen doch nicht in Sicherheit wiegen, denn die unerwarteten thematischen Wechsel sind zugleich immer auch unexakter Natur.
Diese Ausdrucksform ist mit \"unprätentiös\" zu schwach, eher schon mit \"Understatement\" treffend umschrieben und rückt sie ganz in die Nähe von Bands wie GUIDED BY VOICES (in der nach alphabetischem Muster genau geordneten Plattensammlung befinden sie sich ohnehin direkt nebeneinander und vertragen sich, glaube ich, auch ganz gut), mit denen sie, siehe da, vor kurzem eine Split-Single veröffentlicht haben, die mit einer gemeinsamen Diskussion über Konzepte möglicher Entfremdung von der westlichen Industrienation beginnt. Und im Inlet findet man dann als Position der GRIFTERS in etwa das, was mir bereits bezüglich der textlichen Komponente mitgeteilt wurde. Vielleicht war also mein Vorgehen doch nicht so falsch? Oder habe ich den Satz nur völlig mißgedeutet?



Artikel kommentieren
aus Intro #20 (Dezember 1994 / Januar 1995)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten vor Gericht: Highlights

Platten vor Gericht: Highlights

Die wichtigsten Alben des Monats - und die härteste Jury der Welt. Jetzt mitmachen! [...mehr].

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]