The Wedding Present

wollen unverwechselbar sein

18.11.1994, 22:47, Text: Autor unbekannt

Erst jetzt, Ende 1994, melden sich Gedge und Co. mit einem neuen Album zurück, \"Watusi\" betitelt. Einem ganz normalen Album also, ohne irgendwelchen Promotion-Schnickschnack drumherum. Prompt fiel das Werk in England durchs Sieb, bzw. dem Trubel, der im September, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, um OASIS veranstaltet wurde, zum Opfer. \"So funktioniert das ganze britische Musikwesen und insbesondere die Presse nun mal. Die Presse ist ziemlich blöd. Uns mögen sie im allgemeinen nicht, weil wir in deren Augen schon zu lange zusammen sind, nämlich neun Jahre. Aber auf der anderen Seite haben wir für 'Watusi' die besten Kritiken seit Jahren bekommen.\"
Das neue Album von THE WEDDING PRESENT tendiert insgesamt stärker zum Pop.

Das typische Gitarren-Schrammel ist zwar nach wie vor allgegenwärtig, aber das Augenmerk lag diesmal verstärkt auf einer transparenteren Melodienführung. Eingängig arrangierte Gitarren-Popsongs wie \"Click, Click\" oder \"Gazebo\" belegen das. Gedge: \"Es ist weniger rockorientiert, nicht so heavy und dunkel wie unser letztes reguläres Album. 'Hitparade' sehe ich eher als eine Folge von Singles denn als eigenständiges Album.\" Natürlich lassen es sich Gedge und Co. nicht völlig nehmen, ihre Fans zu überraschen. \"So Long, Baby\" zum Beispiel ist ein Stück, das so viele Wendungen nimmt, daß andere mit diesen Einfällen locker ein halbes Album gefüllt hätten. Auf \"Spangle\", dem melancholischsten Lied des ganzen Albums, läuten die Kirchenglocken.
Das Thema bei WEDDING PRESENT ist jedoch stets das Gleiche. \"Ich schreibe grundsätzlich über das interessanteste und offensichtlichste Thema, über das man in der Musik überhaupt schreiben kann\", so David Gedge, es geht eben immer um Beziehungen. Ich probiere zwar ab und an, auch mal andere Themen aufzugreifen, aber das funktionierte bisher nie.\" Hat er mal versucht, politische Inhalte in Songs zu formulieren? \"Weißt du, ich bin ja schon froh, daß ich ganz gute Beziehungs-Songs schreiben kann. Das ist wirklich ein großes und dankbares Feld. Am Anfang habe ich nur meine eigenen Erfahrungen eingebracht, aber inzwischen erfinde ich auch viel oder stelle mir vor, wie ich mich in dieser oder jener Situation verhalten würde.\" Seine Lyrics sucht man im Booklet jedoch vergeblich, neben den Songtiteln finden sich nur Bilder darin. \"Wenn du die Texte abdruckst, sieht das immer so ein bißchen anmaßend aus, von wegen, die Texte sind so gut, die mußt du jetzt unbedingt lesen. Wenn die Leute die Texte wollen, sollen sie mir schreiben, und ich werden sie ihnen gerne schicken.\" David Gedge glaubt, daß THE WEDDING PRESENT so klingen wie keine andere Band außer eben THE WEDDING PRESENT. Nun dürfte das jede Band von sich behaupten, die halbwegs etwas auf sich hält, doch David Gedge und seine Mitstreiter arbeiten hart an ihrer Eigenständigkeit. Um den Sound seiner Band stets so unverwechselbar wie möglich zu erhalten, hat Gedge ein ungewöhnlichens Rezept. \"Ich denke, keiner kann uns so genau einordnen. Wenn wir einen Song schreiben und stellen fest 'Warte mal, das klingt ja ein bißchen wie die PIXIES', dann verändern wir das Stück so lange, bis es sich nicht mehr nach PIXIES anhört. Ich bin wirklich besorgt, daß Leute uns mit Recht mit anderen Bands vergleichen könnten.\"
Aufgenommen wurde \"Watusi\" an einem für britische Bands durchaus ungewöhnlichen Ort. Im Grunge-Mekka Seattle verschanzte man sich drei Wochen lang im Studio. \"Ja, wir haben auch gehört, daß dort eine coole Szene herrschen soll\", grinst Gedge. Aber der eigentliche Grund für den Ortswechsel sei Produzent Steve Fisk gewesen, der in Seattle lebt. \"Uns gibt es jetzt seit neun Jahren. Da tut es gut, wenn man auch mal mit neuen Leuten zusammenarbeitet. Ob du's glaubst oder nicht, mir macht es heute mehr Spaß denn je. Wie sind besser geworden und haben uns weiterentwickelt. Es klingt vielleicht kindisch, aber ich habe es unheimlich gerne, wenn ich auf die Bühne gehe und den Fans meine Songs vorspiele.\" Auch wenn es in Deutschland mit dem Erfolg nie so recht geklappt hat. \"Wir spielen hier seit Jahren in immer den gleichen Clubs vor immer den gleichen Leuten. Die meisten Deutschen müssen wirklich einen komischen Musikgeschmack haben, aber wir kommen trotzdem wieder.\"



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aus Intro #20 (Dezember 1994 / Januar 1995)
 
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