Portishead
sind da - und damit die neue Hoffnung auf neue Popmusik-Hoffnungen
09.11.1994, 17:32, Text:
Jochen Bonz
Man darf aus Musikgeschmack oft, aber nicht immer Weltanschauungsfragen machen. Aus PORTISHEAD besser nicht oder nur in einem ganz bestimmten Zusammenhang: Sie können als ein schönes Beispiel für ein bestimmtes Lebensgefühl junger Erwachsener gesehen werden. Haben, im Sinne von beispielsweise der neuen BLUMFELD (und sei es auch "nur wegen der Texte von Jochen Distelmeyer"), muß man sie nicht, um sich als "Teil einer Jugendbewegung" situieren zu können. So direkt lassen sich PORTISHEAD nicht an gegenkulturelle Strömungen anschließen. Und PORTISHEAD eignet sich auch nicht als Weihnachtsgeschenk für die jüngeren Geschwister.
PORTISHEAD für Rockmusikhörer
PORTISHEAD ist, ganz anders als BJÖRK beispielsweise, nicht eine Art gelungene Mainstream-isierung von Dancefloor-Musik für Rockmusikhörer. PORTISHEAD hat, einmal abgesehen von der beschriebenen Arbeitsweise, mit House Music so gut wie nichts zu tun. Sie arbeiten häufig mit Beats, die in ihrem Klang an manche Bassdrum auf so mancher House-Maxi erinnern mögen. Aber House Music ist etwas anderes. PORTISHEAD macht diese Beats pochen wie Herzschlag. Und selbst wenn wohlig tiefe Synthesizerlandschaften einen glauben machen wollen, PORTISHEAD, wenn sie denn schon House Music im allgemeinen weder machen noch mögen, was sie ausdrücklich sagen, müßte zumindest eine Perle wie "Analog Heaven" von BORN UNDER A RHYMING PLANET, also das Detroiter House-Label "Plus8", bekannt sein, auch dann liegt man noch fehl. Denn nicht mal das kennen sie. Und wo wir gerade dabei sind, auch der Name GIORGIO MORODER scheint für Geoff, der als der Soundtüftler bei PORTISHEAD gilt, ein Unbekannter zu sein. Zumindest in unserer Aussprache und als Produzent von DONNA SUMMER. Das ist schon beinahe seltsam. PORTISHEADs Sound soll von der Rockmusikhörer-Sichtweise deshalb gerne erfolgreich sein, weil hier über einer cool zusammengebrauten coolen Melange, die etwas von so etwas wie einer coolen Schwermut hat, das deutlicher ausgesprochene Gefühl nicht zu kurz kommt. Beth Gibbons Gesang ist ausgesprochen ein Haufen Emotionalität. Die scheint auch nicht nur Inszenierung zu sein. Man glaubt es Beth und Geoff aufs Wort, wenn sie erzählen, sie würden nicht nur deshalb in einem Monat bereits wieder mit neuen Aufnahmen beginnen, weil sie vorhätten, in zehn Jahren elf Platten zu veröffentlichen, sondern auch, weil Beth unbedingt und sofort wieder singen wolle. PORTISHEAD macht (andere) Songs. Das wollen sie auch. Nur im Song lassen sich solche Dinge sagen wie "You don't get sorrow for nothing" oder "It could be sweet like a long forgotten dream".
Für HipHop-Hörer
Viel eher als ein Dancefloor-Produkt, das irgendwie in die Alternative Rock-Sparte gerutscht ist, kann PORTISHEAD als eine Möglichkeit einer "europäischen" Adaption von HipHop verstanden werden. Nicht nur wegen der klasse Scratch-Geräusche, obwohl die es sind, die zunächst daran denken lassen. Sondern gerade auch wegen ihres Umgangs mit Beats, mit Stimme, wie sie Loops bauen, wie sie mit Sampling als schierer Technik umgehen und die darin enthaltene Möglichkeit auskosten, auf alte wichtige Geräusche, eventuell der eigenen Vergangenheit, zu- und zurückzugreifen. Tatsächlich ist Geoff auch ein ausgesprochener Freund von HipHop, einer mit dem man sich über Samples auf PEET ROCK & C.L. SMOOTH-Platten und die "Low End Theory"-Glanzzeit von A TRIBE CALLED QUEST unterhalten kann. Hätten ihn nicht nach seinem Empfinden blöde Rap-Inhalte von der britischen Rap-Szene, mit der er zu tun hatte, zurückgehalten, womöglich wäre ein englischer BOBBY KONDERS aus ihm geworden. Alles unter der Voraussetzung, er hätte Beth nicht vor drei Jahren kennengelernt und sofort mit ihr eine Zusammenarbeit verabredet, woraus dann schließlich eben diese anderen Songs entstanden sind. Aber das hat er ja, zum Glück. Und vielleicht ist er gerade auf diese Weise zum BOBBY KONDERS eines möglichen Verständnisses von "europäischem" HipHop geworden.
Für Liebhaber bestimmter Klangqualitäten
Eigentlich wichtig an PORTISHEAD sind eine bestimmte und sehr gelungene Form, Emotionalität zu präsentieren, und die gewisse Qualität der Klänge. Was beim Gemeinschaftswerk SHUT UP AND DANCE/NICOLETTE fein säuberlich und klar nebeneinander steht, die Emotionalität und die in diesem Fall wirklich vom sehr progressiven Dancefloor kommende musikalische Untermauerung, ist bei PORTISHEAD im Verschwimmen inbegriffen. Was dort klar war, findet sich bei PORTISHEAD diffus. Dem Diffusen soll hier jedoch gar nicht Qualität abgesprochen werden. Das Diffuse ist vielmehr das, was an PORTISHEAD geschätzt werden kann - wozu wahrscheinlich, das ist eine Vermutung, der Rockhörer-Standpunkt mittels des vorläufigen Verständnisses von PORTISHEAD als "europäischem" HipHop überwunden werden muß. Wo man dann noch angelangen kann? Bei Diffusem eben. Bei einem diffusen Klang von Schwermut, der schön gemacht ist, der cool gefühlsbetont ist, weil er vor allem eines hat: Easy Listening Sounds. Diese Klänge aus einer anderen Zeit, die als so oberflächlich galten wie sonst nichts, wenn wir sie bei DALLI DALLI oder als Jingle vor den Nachrichten (in Südfunk 1) gehört haben, die mittlerweile jedoch entlarvt sind. Eben auch als coole Träger von Emotionalität. JAMES LAST, HORST JANKOWSKI, einerseits Trash, andererseits ein Etwas an Klang, das es ansonsten nirgends gab. Jetzt wieder, verschlüsselt und in Filmmusikerfahrung verkleidet, bei PORTISHEAD. (Oder mehr in Form eines deutlichen und deshalb recht obskuren Revivals von Easy Listening bei COMBUSTIBLE EDISON etwa.) Geoff nennt diese Klänge des seichten Pathos' von Big Bands, Fender Rhodes Pianos, Hammond Orgeln und Vibraphonen "cheesy". Eben diese Klänge würden ihn interessieren. Klänge, die dazu da sind, erstmal überhört zu werden. Die Klänge der angenehmen Atmosphäre. Und damit sind wir angekommen bei:
Ein kleiner Beitrag von PORTISHEAD zu einer kleinen Theorie vom Club
Beth und Geoff gehen nicht viel aus, obwohl auch Geoff mittlerweile in Bristol wohnt und sie von der dortigen Clubszene einhellig schwärmen. Davon, wie dort alles vorhanden sei, aber viel unhektischer als in London wäre. Sie kennen sich trotzdem sehr gut aus. Wissen zu berichten, daß es vor einiger Zeit in Bristol eine Art Overkill in der Clubszene gegeben habe, verursacht durch zu teure DJs, die aus London gebucht wurden, und zu hohe Eintrittspreise. Wenn die Disco zwölf Pfund Eintritt koste, dann mache sie doch keinen Spaß mehr, schon beim Reingehen. Im Moment gäbe es zwar großartige JUNGLE-Parties, zu denen meilenweit Kids aus Wales nach Bristol kämen, andererseits aber auch viele kleine Clubs, in den DJs ohne große Namen gute Musik auflegen würden und häufig eben auf so eine "cheesy"-Weise. So, daß es noch möglich ist, angenehm zu plaudern. Da ist sie also wieder, die gute Musik, die deshalb gut ist, weil sie nicht nach Beachtung heischt und gut ist.
Generation X? Dag, Claire, Andy, Beth, Geoff, ...
Man mag an DOUGLAS COUPLANDs "Generation X" auszusetzen haben, diese Generation gäbe es so ja doch nicht; es mag dagegen der Einwand vorgebracht werden, er habe womöglich ja gar nicht das Portrait einer Generation schreiben wollen, sondern vielmehr einfach ein Buch voll guter Geschichten - Lebenseinstellungen von Xers findet man immer wieder. Daß Beth und Geoff zwar nicht ausgehen, aber Bescheid darüber wissen, was angeboten wird und welche Veränderungen es im Mikrokosmos der jungen Erwachsenen von Bristol so gibt, gehört auch zu diesem Fall. Wie die Zurückgezogenheit ihres Lebens überhaupt. Als wir sie nach ihren Interessen gefragt haben, antworteten sie mit "Fernsehen". Und: ihre Katzen füttern. Sie entpuppen sich als ausgesprochen sympathische Langeweiler. Als sie vor zwei Monaten schon einmal in Hamburg waren, um Promo für "Dummy" zu machen, da hätten ihm die vielen kleinen Musikclubs auf St.Pauli gefallen, erzählt Geoff. Bei einem Fußballspiel sei er auch gewesen. Und beim Konzert von PETE ROCK & C.L. SMOOTH. PORTISHEAD, die ganz normale Xer-Jugend ist es, die Musik mit dem Charme großartiger Nachlässigkeit macht. Sie werden auf Tour gehen, Anfang des nächsten Jahres, ohne Sampler, als Live-Band. Wahrscheinlich kommen sie dabei in viel zu wenige Städte, in viel zu wenige kleine Clubs, und dabei wäre es ein besonderes Vergnügen, sie mal zuhause in der eigenen Stadt beim Ausgehen wiederzutreffen.
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