Big Chief

groove aus dreißig jahren

04.11.1994, 12:02, Text: Autor unbekannt

Angefangen hatte alles vor gut fünf Jahren, als die Band aus Teilen einer belanglosen Hardcore-Combo hervorging. Zunächst war der Einfluß der lärmenden Fließbandarbeit in den Fabriken noch ausschlaggebend für den BIG CHIEF-Sound. Ihr \"SubPop\"-Debüt klinkte sich in die krachigen Melodien der frühen Neunziger ein. Erst allmählich kam zur Energie auch der Groove. Nach einem musikalischen Reifungsprozeß offenbarten sich auf dem 6-Track-Album \"Big Chief Brand Product\" (1992) erstmals schwarze Einflüsse im brutalen Distortion-Gebrülle der Weißen. Der darauf enthaltene Song \"Lot Lizard\" wurde für das neue Album nochmals eingespielt, was wiederum den richtungsweisenden Charakter des '92er Albums verdeutlicht.


Kurz darauf folgte der gefakete Soundtrack \"Mack Avenue Skull Game\", dem die Kritik dann auch das Prädikat \"neuartig\" verlieh und als Sensation feierte. Die Band konnte endlich neue Käuferschichten erschließen. Mit einem Mal trafen sich Fans von Dance-Rhythmen und Punkrocker gemeinsam im Konzertsaal. Hinter \"Mack Avenue\" verbarg sich das Konzept, eine Drehbuchvorlage in eine klangliche Form umzusetzen, sozusagen als Reminiszenz an die 70er Filmmusikklassiker \"Superfly\" oder \"Shaft\". \"Wir haben dabei versucht, die Brutalität und Tragödie der eigentlichen Geschichte in leicht ironischer Form umzusetzen. Also weniger, die Musik zu einem Scorsese-Film zu schreiben, als eher das trashige Element der Gewalt in Filmen, wie z. B. in 'Natural Born Killers', herauszustellen\", sagt Gitarrist Phil Durr zum ersten internationalen Erfolg seiner Band.
Mit dem neuen Album wechselten BIG CHIEF von \"SubPop\" zur \"EMI\". Nicht ganz ohne Probleme, denn gewissermaßen als Abschiedsgeschenk für das Label aus Seattle veröffentlichten sie mit der Soulsängerin Thornetta Davis die EP \"Shout Out (To The Dusthuffer)\". Was wiederum der Rechtsabteilung des Majorlabels zu Arbeit verhalf. Nichtsdestotrotz kommt jetzt \"Platinum Jive\" auf den Markt, das den Untertitel \"Greatest Hits 1969-1999\" trägt, denn BIG CHIEF haben sich wieder Gedanken gemacht. \"Wir haben versucht, die 16 Songs den verschiedenen Rockmusik-Epochen der letzten 30 Jahre zuzuordnen. Das heißt, wir haben uns vorgestellt, in welchem Jahr das jeweilige Stück auch hätte erscheinen können, wenn nicht 1994\", erläutert Phil Durr. \"Daß wir noch nie einen 'Greatest Hit' hatten, berührt uns dabei natürlich nicht im geringsten\", fügt Sänger Barry Henssler hinzu. Der beleibte Frontmann der Combo nennt an der Spitze seiner All-Time-Favourites zwei Platten, deren Symbiose den Sound der aktuellen Veröffentlichung nicht besser beschreiben könnte - SLY & THE FAMILY STONE: \"There's A Riot Goin' On\" und THE STOOGES: \"Funhouse\". BIG CHIEF geben ihre Einflüsse offen zu, und dabei ist die Band gerade deshalb so gut, weil die Geschmäcker der Musiker überlappen. \"Ich höre momentan ausschließlich Acid Jazz, denn zuhause muß ich andere Musik als im Übungskeller haben\", sagt Phil Durr, \"und da es uns Fünfen ähnlich geht, war es unser Ziel, dem Groove in unserer Musik immer mehr Platz einzuräumen.\"
Die 16 Stücke von \"Platinum Jive\" wurden in der Mehrzahl im Studio geschrieben, wobei die Band experimenteller als bisher an die Aufnahmen herangegangen ist, und das merkt man. Auch wenn der zweite Teil unter dem direkten Einfluß der aktuellen Strömungen im Jazzbereich steht, und die Songs somit sanfter als der erste Teil produziert wurden, hat das Album trotzdem von Anfang bis Ende einen stringenten Spannungsbogen. BIG CHIEF können eben beides: den Soul-Hardcore mit Wah-Wah, verzerrtem Gesang und percussivem Scherpunkt wie bei \"Lion's Mouth\", das nach ihrer Meinung im Jahre 1999 auf ihrem Album \"Bright Future Behind You\" erscheinen könnte, genauso wie das phillysoundeske \"Simply Barry\" aus dem Jahre 1983 von der Veröffentlichung \"Sexual Intellectual\" oder auch \"Map Of Your Failure\" vom '73er Album \"We Gotta Impeach Nixon\", das wie eine Session von FUNKADELIC und RITCHIE BLACKMORE klingt. Phill Durr zur Verfahrensweise im Studio: \"Viele Songs, die auf Tour oder beim Proben entstanden waren, verwarfen wir im Studio wieder, weil uns die spontanen Einfälle und Ausarbeitungen mehr Spaß machten, als einfach fertige Lieder einzuspielen.\" In der Tat merkt man dem fertigen Produkt die kreative Studioarbeit an. Zusätzlich hat auch der Tapetenwechsel in ein Studio nach Philadelphia zur intensiven Konzeptarbeit der gesamten Band beigetragen. Jeder brachte seine Ideen in die Veröffentlichung mit ein, da es bei BIG CHIEF in dem Sinne kein Mastermind gibt.
Für das Coverdesign war wieder Gitarrist Mark Dancey verantwortlich, der seine Meisterleistung von \"Mack Avenue Skull Game\" wiederholte, wenn nicht sogar mit \"Platinum Jive\" in den Schatten stellte. Seine Mischung aus fernöstlichen Emblemen, statischen Formen umd Hippiefarben repräsentiert wie kaum eine andere derzeitige Plattenhüllenkunst das computerisierte Zeitalter unter einschneidender Beeinflussung von Kunstströmungen der 70er. Mit seinem Fanzine \"Motorbooty\" versucht Dancey im Zuge des Erfolges von BIG CHIEF, auch im Bereich der Malerei wieder aktiv zu werden. (INTRO wird zum Erscheinen der nächsten \"Motorbooty\"-Ausgabe über das Heft berichten.) Wann die Band aus Detroit allerdings über den großen Teich auf Tour kommen wird, ist fraglich. Phil Durr ist Deutscher und wartet derzeit auf seine Green Card, ohne die er bei Ausreise aus den USA seine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung verspielen würde. \"Die amerikanischen Behörden machen in solchen Fällen immer sehr viel Streß, aber ich warte täglich auf meine Papier.\" Zunächt wird die Band jetzt in den Staaten touren. Daß sie dabei beispielsweise LENNY KRAVITZ supporten, beweist, wie der harte und der weiche Groove allmählich zusammenwachsen. Und so ist es denn auch unausgesprochenes Ziel von BIG CHIEF, \"den Groove von Platte zu Platte weiter zu perfektionieren.\"



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aus Intro #20 (Dezember 1994 / Januar 1995)
 
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