Helmet

ist eine popband!

26.06.1994, 11:13, Text: Autor unbekannt

Aber hallo, Herr Page Hamilton! Mit \"Betty\" befriedigt die Popband HELMET eine nicht unerhebliche Anzahl von Leuten - Industrie und Fans. \"Ich befriedige niemanden außer meiner selbst. Die Industrie ist da, um sie zu benutzen. Wenn sich eine Band gründet, um einen Deal zu bekommen, wie PEARL JAM, ist das eine andere Sache. Wenn die jetzt sagen, sie wollten das alles nicht, kann ich diesen Shit einfach nicht glauben.\"
Auf \"Betty\" (Bezeichnung für \"Weib\") wird erheblich mehr butterweich gesungen als ärgerlich geschrien, eine Entwicklung, die sich noch weiter vom Debut \"Strap It On\" entfernt und eine konsequente Weiterentwicklung seit \"Meantime\" bedeutet.

Ging andererseits Aggressivität verloren? \"Ich glaube, es ist ein Gewinn an Musikalität. Ich mag zwar meine Stimme nicht - da geht es mir wie JOHN LENNON -, aber die Melodien passen gut zu der Musik und das ist es, woran ich interessiert bin und wovon ich angeregt werde. Darum ist weniger Schreien auf diesem Album. Ich denke auch, daß es irgendwann echt alt ist! Auf 'Strap It On' war ich ganz gut darin, aber dieses Mal habe ich es besser variiert. Es sind mir mehr Melodien gekommen, wie zum Beispiel der Chorus von 'Wilma's Rainbow' - it just popped up! In der Vergangenheit hatte ich Angst vor ihnen, also schmiß ich sie immer aus dem Fenster - heute habe ich mehr Selbstvertrauen.\"
HELMET, New York und Hardcore-Umfeld: Heißt das auch \"Political Attitude\"? Offen ersichtlich ist es in ihren Texten nicht, oder habe ich da etwas übersehen? \"Was das ganze politische Gehabe der angesagten Bands angeht: Ich halte es für einen großen Haufen Scheiße! Auch der 'politically correct'-Gedanke ist nur noch ein Mittel, um Platten zu verkaufen. Das dazu! Ich kümmere mich mehr um die Tatsache, zwei Menschen nebeneinanderzustellen und ihnen zu vermitteln, daß sie aus den gleichen physikalischen Komponenten bestehen, gleichzeitig gibt es aber gedankliche Welten, die sie voneinander trennen. Ein großes Problem unserer Zeit ist die mangelnde Bereitschaft der Leute, Verantwortung zu übernehmen. Es ist einfach, den Finger auf die Regierung zu richten, so wird man mich nie erleben. Es ist doch wohl klar, daß auch wenn wir immer weiter versuchen, diesen Planeten zu einem wunderbaren Ort zu machen, es niemals so weit kommen wird. Darum muß jeder für sich selbst Verantwortung tragen und nicht all seine Probleme auf andere abwälzen. Ich sehe gerade hier in den USA eine große Gefahr bei dieser Gesellschaftshaltung. Natürlich wollen alle, daß wir in Frieden leben, aber das ist doch einfach nicht realistisch.\"
Realität sind da eher Hunderte von jungen Leuten, die sich auf Konzerten der heftigeren Gangart gegenseitig wenig Chancen lassen, wesentlich älter zu werden. Was ist es, das diese Leute, sei es bei den Trend-Hassern PANTERA oder nicht zuletzt auf HELMET-Gigs, zum Ausrasten bringt? \"Es ist leider eine Mode geworden, sich die Köpfe zu rasieren, sich in Horden zusammenzutun und auf Konzerten arme, bebrillte Hänflinge zu Tode zu prügeln. Wie schade! Nein, besser: Fuck those losers! Ich meine, was für Männer sind das denn? Sie sollten wenigstens alleine losgehen, wenn sie sich schon beweisen müssen. Wenn sie erst mit 70 auf ihrem Bett liegen, mit Instrumenten in der Nase und sonstwo, ist es doch wohl früh genug, draufzugehen. Diese Idioten sind echt ermüdend. Sie haben nicht verstanden, daß es sich um Musik dreht und nicht um den Kampf in den ersten Reihen - die sind der Abschaum des Universums! Musik soll dich \"higher\" bringen, nicht \"lower\", sie soll dich erleuchten und nicht in eine Art brutalen Höhlenmenschen zurückverwandeln.\"
\"Betty\" ist das beste Album, das sie je gemacht haben! Egal, ob andere diese Meinung mit mir teilen, denn Page selbst unterstreicht es nochmal so deutlich, daß ich zwischen \"verkaufsfördernder Maßnahme\" und \"ehrlicher Begeisterung\" ins Schleudern gerate. \"Wir waren dieses Mal sehr motiviert, ins Studio zu gehen und hatten dort erstmals richtigen Spaß. Auch mit Rob (Echeverria, dem neuen Gitarristen, Ex-STRAIGHT AHEAD und -REST IN PIECES) ging die Arbeit wirklich gut, obwohl es sicherlich noch lange dauern wird, bis wir wieder eine vollständige Band sind. Wie ich aber schon sagte: Wir sind musikalisch gewachsen, und das haben wir bei der Arbeit wohltuend gemerkt.\" HELMET in Deutschland bedeutet für Herrn Hamilton, Freunde aus seiner Zeit als Austauschstudent in Stuttgart wiederzusehen. Aus dieser Zeit stammt auch die Namensanekdote, daß aus ursprünglich Helmut HELMET wurde. Als angenehm empfand ich es gegen Ende des Gespräches, daß diese Plattheit von seinem tatsächlichen Wissen um deutsche Politik überschattet wird. Wie schön: Ein gebildeter Amerikaner, der Helmut Schmidt und Helmut Kohl differenzieren kann, der über die Wende '83 Bescheid weiß und mir noch ein nettes Statement zu unserer kleinen Welt mit auf den Weg gibt: \"Die Welt ist geschrumpft. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind kleiner geworden durch Medien und Datenkommunikation. Einerseits ist das toll, aber homogene Nationen und Kulturen sind keine schöne Vision.\"

HELMET ist unkontrovers, klar durchdacht und strikt. In den Ansichten wie in der Musik schlägt die Band um Page Hamilton eine Bresche für eine Generation neuer, innovativer Musiker, denen politische Engstirnigkeit fernliegt und deren einziges Anliegen die konsequente Durchsetzung ihrer musikalischen \"Gewalt\" ist. Unter diesem Aspekt gewinnt die Bezeichnung Popband neuen Reiz, aber sie schafft über kurz oder lang wieder ein Stereotyp, denn HELMET-Kopien sprießen an allen Ecken aus dem Bodenlosen. Dieser letzte Satz entsprang mir irgendwie. Er wird schon etwas zu bedeuten haben!



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aus Intro #16 (August 1994)
 
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