The Pretenders

oh, yes - we are great pretenders

21.06.1994, 16:14, Text: Autor unbekannt

Chrissie Hynde hat keine besondere Lust, Ansichten der Vergangenheit fortwährend zu wiederholen. \"Ich weiß, ihr erledigt euren Job und wir unseren. Aber... können wir nicht lieber wieder schlafen gehen?\" Am Abend vor dem Interview hatten die wiederbelebten PRETENDERS in Hamburgs Großer Freiheit anläßlich der Veröffentlichung ihres neuen Albums \"Last Of The Independents\" ein für bundesdeutsche Gefilde einmaliges Konzert gegeben. Anschließend hatte die Plattenfirma zum (vegetarischen) Buffet geladen und die Musiker inbrünstigst gebeten, sich unter die geladenen Mitesser zu begeben. Während sich die Herren den Belästigungen der Business-Schar auslieferten und gute Miene zum blöden Spiel machten, verweilte Mrs.

Hynde am Tresen unterhalb des gutgefüllten Blumencafés. Diese Aktion nach dem fabelhaften \"Gig mit Gänsehautfaktor\" (O-Ton Hamburger Morgenpost) ließ die \"Heuchler\" übermüdet und verspätet zum Roundtable mit acht Journalisten im Empire Room des Atlantik erscheinen. \"Sorry, aber es ist wirklich das erste Mal, daß wir uns verspäten, ansonsten haben wir eine professionelle Einstellung. Eigentlich wäre ich umgehend ins Bett gegangen, aber ... wir mußten wohl teilnehmen.\" Chrissie Hynde bemängelt nicht nur die vorherige Nacht, sie bemängelt ebenfalls die anscheinend nicht mehr frische Milch, welche in ihrem Kaffee dümpelt. \"Hey, sieht der Kollege da vorn nicht aus wie der Mörder aus dem Film 'Schweigen der Lämmer'? Ich meine diesen Killer, der Frauen umbringt und sich aus ihren Häuten eine Jacke schneidert, den, der währenddessen scheinbar dauernd 'I could fuck me' denkt. Euer Freund sieht aus, als würde er ebenso wie der Charakter aus jenem Film urteilen. Versteht mich nicht falsch, ich meine das als Kompliment!\" Ob der betreffende Redakteur wohl gerne darauf verzichtet hätte? Egal, schließlich geht es hier um das sechste reguläre Album (plus zwei Compilations) der Mannen um Sängerin/Gitarristin/Songwriterin Christine Ellen Hynde, der 43jährigen Mutter zweier Töchter, die das Privatleben strikt vom Beruf trennt und daher über ersteres keinerlei Auskunft gewährt.
Warum gibt es ein neues Silberscheibchen, gefüllt mit Balladen, Wahwah-Gitarren und dergleichen? Etwa wegen der darauf wartenden Fans? \"Oh, fuck them!\" Warum also? \"Weißt du\", sagt Hynde mit einem verschmitzten (ironischen?) Lächeln, \"brächte ich jährlich ein Album heraus, wäre es wie ein normaler Job. BORING! Wenn man sich anderweitig beschäftigt und es nur alle vier Jahre zelebriert - dann macht es richtig Spaß. Glaube mir, dann gibt es nichts Schöneres, als eine Platte zu machen und auf Tour zu gehen. Nicht, weil ich dadurch, für alle sichtbar, auf einer Bühne stehen kann, nein, es macht Freude, zu spielen, Krach zu machen. Außerdem liebe ich es, zu singen.\" Ihre Inspirationen holt sich Chrissie Hynde keinesfalls durch Banalitäten. \"Nun mal ehrlich - wer schreibt denn Songs, wenn er Kinder zur Schule bringt?\" Originaldrummer Martin Chambers meldet sich diverse Male zu Wort, die beiden neuen Saitenzupfer hingegen kaum. Da bewirken auch Aufforderungen wie \"...fragt doch die anderen, sie sind ebenso PRETENDERS wie ich\" nichts. Aber wer sind die anderen denn eigentlich? Martin Chambers gründete nach seinem 1986er Rauswurf bei den PRETENDERS eine eigenen Band und half überdies bei Dave Stewarts SPIRITUAL COWBOYS aus. Andy Hobson agierte bei den PRIMITIVES, Adam Seymours Wirken hingegen dürfte bisher relativ unbekannt sein; wer kennt schon seine Ex-Gruppe KATYDIDS?
Die PRETENDERS sind eigenen Aussagen zufolge dazu prädestiniert, in \"kleinen\" Clubs zu spielen, sie verabscheuen Mega-Gigs. Wird im Verlaufe der kommenden Amerika-Tournee mit dieser Tradition gebrochen? \"Nein, auch wenn es die Amis gerne hätten. Sie müssen lernen, daß sie nicht alles bekommen, was sie verlangen. In Europa können wir unsere persönliche Meinung über Amerika kundtun, sagen, was wir wollen. In den USA darf man nichts sagen. Sie sagen zwar (Hyndes Tonfall wird sarkastisch) 'Amerika ist das Land der freien Sprache, es darf alles gesagt werden, ohne Zensur' - BULLSHIT! Man darf nichts sagen, sie würden einen für jede Kleinigkeit, die ihnen nicht behagt, am liebsten aufknüpfen. Die Amerikaner denken 'big is best'. Aber wir werden unseren Ansichten treu bleiben und in Clubs unserer Größenordnung gastieren. Wir werden es diesen Bastarden schon zeigen!\" Die Worte entsprangen einem Geist, dessen Körper seine Jugendjahre in Akron/Ohio verbrachte, bzw. fristete: \"Dort gibt es im freien Verkauf nicht einmal Blättchen für Zigaretten!\" Ihr Verhalten ist nicht unfreundlich oder arrogant, es ist eben mit all ihrer Ausdruckskraft so, wie es von ihr erwartet wird. Bei soviel geballter Frauenpower ist es nicht immer einfach, neue Argumentationen unbefangen in den Raum zu stellen - warum eigentlich? Chrissie Hynde ist schließlich normalsterblich wie wir alle. Okay, sie kann nicht in Ruhe abtreten, solange es Mc Donald's gibt, aber es ärgert sie immer wieder, Leute im Bus sagen zu hören: \"Die sieht ja haargenau aus wie Chrissie Hynde, aber die würde doch niemals Busfahren.\" - \"Warum, verdammt nochmal, soll ich nicht wie jeder andere auch Busfahren dürfen?\" Vielleicht grassiert immer noch der Irrglaube, das Zweitbeste sei für sie nie gut genug? Chrissie Hynde mag diesen Eindruck durch ihr stilvolles Auftreten hervorrufen, aber - sie ist \"fuckin' brillant\"! Möge diese Aussage einigen Menschen auch das vorabendliche Buffet retour bringen - fact is fact - they are great PRETENDERS, so oder so!



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aus Intro #16 (August 1994)
 
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