Spin Doctors

es gibt keine garantie für den erfolg

06.06.1994, 17:45, Text: Autor unbekannt

\"Turn It Upside Down\" heißt es, das neue Werk. Auf dem Cover hängt Chris kopfüber an einem Seil, ansonsten aber stellen die New Yorker die Musikwelt mit dem Nachfolger zu \"A Pocket Full Of Kryptonite\" nicht auf den Kopf. Abgesehen von experimentierfreudigen Tracks wie \"Indifference\" oder \"Bags Of Dirt\" operieren die Doktoren mit dem gleichen Skalpell wie bisher. Aaron: \"Im Prinzip ist es immer noch der gleiche Sound. Wir sind ein bißchen besser geworden, aber es ist immer noch Neo-Rock-Hippie-Alternative, würde ich mal sagen.\"
\"Quatsch, wir sind die SPIN DOCTORS\", ruft Mark White, als er den Raum betritt. Er hat seinen neuen, knallbunten Bass umhängen, mit dem er den Mädchen imponieren will, wie er sagt.

\"Aber Aaron hat sich inzwischen auch dran gewöhnt.\" Ja, sie sind die SPIN DOCTORS. Und die SPIN DOCTORS machen Musik, weil sie Spaß daran haben. Mark: \"Sollte ich mal das Gefühl bekommen, ich würde hier arbeiten, dann höre ich sofort auf. Wir sind glücklich, wirklich glücklich, daß wir das hier tun dürfen.\"
\"Das hier\" waren zunächst mal harte Lehr- und Wanderjahre. Ein Jahr tourten sie durch die USA, ohne daß sich irgendetwas tat. Im zweiten Jahr wurden die Hallen größer und größer, und plötzlich konnten sie nicht mehr aufhören, weil die ganze Welt die SPIN DOCTORS erleben wollte. Am Ende spielten sie vor bis zu 30.000 begeisterten Fans. \"Während der fast drei Jahre ließen wir nur ein einziges Konzert ausfallen. Ich habe mit Fieber, Bauchschmerzen und mit einer fürchterlichen Grippe gespielt,\" erinnert sich Aaron, \"sobald du oben auf der Bühne stehst, bist du völlig wach.\"
Sechsmillionenmal verkaufte sich das letzte Album der vier New Yorker insgesamt. Eine Zahl, die einigen Bands die Knie weich werden läßt, wenn die Produktion der Nachfolgeplatte ansteht. Nicht so bei den SPIN DOCTORS. Wer das Leben an sich von der leichten Schulter zu nehmen pflegt, der zerbricht sich nicht den Kopf über Erfolg oder Mißerfolg. \"Ich wäre nicht enttäuscht, wenn es diesmal keine sechs Millionen werden\", beteuert Aaron Comess. \"Ich könnte mir zwar nichts Tolleres vorstellen, aber erwarten kann man das wirklich nicht.\" Übergeschnappt wegen des Erfolgs sei jedenfalls niemand in der Band. \"Gut, ich habe mehr Geld als vor zwei Jahren. Aber wir sind alle ziemlich down to earth. Wir dürfen nicht glauben, daß wir jetzt Superstars sind, denn früher oder später werden auch wir wieder ganz normale Leute sein. Es gibt schließlich keine Garantie. Ich werde mich nicht umbringen, wenn das Album nicht so gut laufen sollte. Dann machen wir einfach das nächste.\" Ganz so einfach ist es freilich nicht. Denn \"Turn It Upside Down\" wird den SPIN DOCTORS so oder so den Weg der weiteren Karriere weisen. Das weiß auch Schlagzeuger Comess: \"Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir momentan noch so populär sind. Wir haben seit Monaten keinen Gig mehr gespielt. Also entweder wir werden jetzt eine wirklich etablierte Band, oder wir müssen uns wieder ganz schön bemühen. Viele sagen, unser Erfolg sei zu schnell gekommen. Aber ich bin glücklich darüber, wie es gelaufen ist, sonst würde ich lügen.\"
Nach der letzten Tour haben die Vier erstmal drei Monate lang gepflegt in ihrer Heimat New York abgehangen. Man fand sogar mal wieder Zeit, im guten alten \"Nightingale-Club\", wo man seinerzeit die ersten Konzerte gespielt hatte, ein paar Bierchen zu trinken. Chris Barron zog mit seiner Freundin nach Washington, in seinem neuen Haus traf sich die Band dann im Frühjahr, um neue Songs zu schreiben. Am Ende der Woche waren elf neue Stücke fertig, von denen rund die Hälfte auf dem neuen Album zu finden ist. Das restliche Material war noch übriggeblieben vom letzten Album. \"Wir haben bestimmt schon 50 Songs auf Lager,\" verkündet Mark stolz, \"die meisten davon sind für uns wirklich untypisch.\" Nicht so das neue Album. Ein bißchen Be-Bop-Funk in der ersten Single \"Cleopatra's Cat\", leicht melancholische Zwischentöne in \"Indifference\", ansonsten wird munter geradeaus losgerockt. \"Das Songschreiben geht immer total einfach. Niemand kommt mit fertigen Stücken und verteilt dann die Noten. Einer von uns hat meistens eine Idee, aus der wir dann versuchen, einen Song zu basteln. Auch im Studio waren wir wieder sehr spontan.\"
Ob die SPIN DOCTORS neue Trends gesetzt haben oder einfach nur Teil der allgemeinen Retro-Bewegung Richtung Siebziger Jahre sind, weiß Aaron Comess nicht so genau. Ist ihm auch wurscht. Auch daß das Quartett mit GRATEFUL DEAD, LYNYRD SKYNYRD oder der STEVE MILLER BAND verglichen wird, macht ihm nichts aus. \"Ich glaube schon, daß unsere Musik einige Leute beeinflußt hat. Wenn sechsmillionen Menschen deine Platte kaufen, hat das bestimmt einen Effekt auf den einen oder anderen. Ich kann mir Produzenten vorstellen, die ihren Bands jetzt sagen 'Versucht mal so zu klingen wie die SPIN DOCTORS.'\" - \"Aber keiner von denen, die ich kenne!\", meldet sich Mark zu Wort.
Aaron: \"Halt endlich deine Schnauze.\"



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aus Intro #16 (August 1994)
 
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