20 Jahre City Slang: Die Intro-Lieblinge

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Yo La Tengo  -

Yo La Tengo - "Painful" (1993) Wieso ausgerechnet das sechste von inzwischen 15 Yo-La-Tengo-Alben? Ganz einfach: Es ist das beste. Warum? Schwierig. Vielleicht hat es damit zu tun, dass es die Band, die heute wie ein alter Schuh klingt, vor siebzehn Jahren in einer Art Verwirrungsphase ihrer Adoleszenz einfing: Vorher klang das Trio aus Hoboken oft wie eine etwas zu grell aufgenommene Sonic-Youth-Ersatzdroge, hinterher oft, zu oft, wie ein friedliches Stillleben. "Painful" denkt diese Zerrissenheit zwischen brodelndem Aufbruch und fragilem Innehalten völlig konsequent zusammen. Erstmalig eindringlich eingefangen von Roger Moutenot, der auch die nächsten sieben (!) Yo-La-Tengo-Alben produzieren sollte. Eigentlich lässt sich das ganze Album auf den Opener "Big Day Coming" runterbrechen, der den Hörer minutenlang nur mit Bass, Orgel und Gesang einlullt, bis die verzerrte Delay-Gitarre des zweiten [mehr]
Foto: Joachim Zimmermann/Annette Schimek

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Hole - "Live Through This" (1994) Das Grundprinzip der Songs auf „Live Through This“ folgt bester Nirvana-Tradition: hohe Dynamik, Pop-Appeal, Punk-Drive. Und es bretterte mitten in Kurt Cobains Tod hinein. Nicht zuletzt durch die Texte sprang sofort die Mythenmaschine an. Kassandrische Vorahnungen an jeder Ecke, gemischt mit der Yoko-On’isierung der Person Courtney Love, der manche nicht mehr zugestehen wollten, als eine rücksichtslose Selbstpromoterin zu sein. Tatsächlich hatte Love in den Anläufen zu diesem Album zwei der erfolgreichsten Grunge-Produzenten verschlissen und kam am Ende als Riot-Grrrl mit Grunge-Blaupause unterm Arm völlig unerwartet doch noch in die Ruhmeshalle des Rock gelatscht. Wie bei ihr üblich wird um sie herum natürlich getuschelt und getratscht, über mögliche Ghostwriter etc. Fakt ist allerdings, dass Songs wie „Violet“, „Doll Parts“ oder „Miss World“ und all die anderen entfesselten Dämonen heute ganz selbstverständlich für den Sound der 90er stehen.
Carsten Schumacher
Seam - "Are You Driving Me Crazy?" (1995) Was wäre bei dieser Band erst drin gewesen, wenn sie sich nicht so oft umbesetzt hätte? Vielleicht liegt genau in dieser unsteten Stetigkeit aber auch das Geheimnis von Sooyoung Parks Projekt. Über vier Alben hinweg verpackte er die zwischenmenschlichen Abgründe des 90er-Jahre-Außenseitertums in kristalline, hochmelodische, unfassbar schlichte Laut/Leise-Erzählungen des Indierock. Seien es jene des Stadtneurotikers vom Land oder des verschmähten Liebeskranken, er trug sie alle mit einem derart humorlosen Schlaffi-Pathos vor, dass wer nicht sofort auf Ablehnung stellte, seine Musik als diesen perfekten Soundtrack zu einem Film über phlegmatische Teens und Twens und deren Selbstfindung umarmen musste. "Are You Driving Me Crazy" war die konsequenteste Umsetzung dieser Idee.Lutz Happel
Built To Spill - "Perfect From Now On" (1997) Die Musik dieser Band - und "Perfect From Now On" zuvorderst - war die einzig logische Fortführung des Post-Punk der 80er. Hier kamen Freigeist, Dringlichkeit und Simplizität auf ähnlich aufwühlende Art und Weise zusammen. Wobei sich im Fall von Built To Spill auch noch eine Verweigerung von öffentlicher Vereinnahmung und geniales Talent hinzugesellten. "Perfect From Now On" ist mehr als nur Melodie und Gitarre - die Platte verwischte auch die Grenze zwischen Komposition und Jam und befriedigte mit Songs, die emotional und strukturell Achterbahnfahrten glichen, auch nach mehr Abstraktion heischende Gemüter. Das ist ihr Geheimnis. 
Christian Steinbrink
Lambchop - "Thriller" (1997) "Thriller" ist schon durch die Verschmelzung dieser leicht holprig-durchlässigen Soul-Bläsersätze mit der dunklen Seite des Nashville-Sounds ein Wunder. So etwas hatte bis dahin in dieser Form niemand auch nur angedacht, geschweige denn verwirklicht. Was dem Ganzen aber endgültig die Krone des absoluten Novums aufsetzte, war die Widersprüchlichkeit zwischen Kurt Wagners wehmütiger, fast falsettartiger Stimme und den Songtexten, die in ihrer latent feindseligen Anti-Haltung jeder Hardcore-Band zur Ehre reichen würden. Hinzu kommt noch die kühne Stilsicherheit, gleich drei Coverversionen derselben Band (East River Pipe) ins Album einzubauen. Ein brodelndes Meisterwerk, das sich seinen Titel weiß Gott verdient hat.
Martin Riemann
Salaryman - "Salaryman" (1997) Welch Ironie: Mein Erstkontakt mit Salaryman fand ausgerechnet auf dem "Introducing Vol. 8"-Sampler statt. Herausgegeben von, jawohl, ebendiesem Musikmagazin. Damals noch als ganz unbeteiligter Leser. "Rather" als Eröffnungstrack der Compilation wirkte zwischen Tocotronic, Cornershop und Lard irre deplatziert. Anders, treibend, ein würdiges Intro, ohne jetzt hier nach einem dummen Wortwitz fischen zu wollen. "Kraut-Post-Rock-Hopper", stand im Juli 1997 im Heft über die Band aus Illinois zu lesen. Das dazugehörige selbst betitelte Album - mit nur sieben Tracks auf gut 38 Minuten schon eher eine EP - ein unstrukturiert groovendes, mäanderndes, dichtes Monster über Genregrenzen hinweg, das sich auch 14 Jahre später noch einer wohligen Zeitlosigkeit erfreut. Auch so ein Merkmal von Platten auf City Slang. Und ein Impulsgeber, sich in den Referenzen genauer umzuhören. In diesem Sinne: Danke, Christof, für all die Folgekosten!
Martin Lippert
Calexico - "Hot Rail" (2000) Sich seine liebste City-Slang-VÖ rausziehen? Mmh, Sebadoh, Built To Spill oder Yo La Tengo? Diese Tick, Trick und Track des ereignislosen 90er-Indie? Pest oder Cholera? City Slang hat mich persönlich nämlich gern auch mal angeödet. Huch, sind wir schon auf Sendung? Also, äh, Calexico ... Heute eher was für ergraute Indie-Studienräte, die sich zu speziell fühlen für den Buena Vista Social Club. Mit diesem Album zur Jahrtausendwende gelang der Band aber nicht nur ihre persönliche Meisterschaft, nein, ohne dieses Gulasch aus Mariachi-Folk, Pop und Weltmusik könnte man sich heute Bands wie The Great Bertholinis, Beirut, vielleicht sogar Arcade Fire nicht denken. Die unaufgeregte Selbstverständlichkeit im Gestus von „Hot Rail“ ist dabei das Geheimnis. Man fühlt sich, als belausche man eine ganz alte Sprache oder eine komplett neue Welt – und ist dabei nur aufs Wärmste fasziniert. Und mit „Service & Repair“ und „Crystal Frontier“ bleiben bis heute zwei monolithische Hits.
Linus Volkmann
The Notwist - "Neon Golden" (2002) Vollkommenheit ist bekanntlich eine unerreichbare Angelegenheit. Und wer will sie auch? Ist doch langweilig. Und trotzdem lieben wir das ewige Streben nach Vollkommenheit, gerne mit Brüchen und Rückschlägen - das ist eben menschlich, herzzerreißend schön. 
The Notwist sind Meister in diesem Prozess. Mit "Neon Golden" haben sie dabei ein Stück Musik geschaffen, das sich der Vollkommenheit bis aufs Maximale annähert. Ein Geniestreich, auf dem man deshalb keine Highlights ausmachen kann, weil sich jeder Song im Ohr festsetzt. Aber natürlich mit Widerhaken. Schon der Opener "One Step Inside ..." zieht den Hörer auf den Planeten Notwist, der im Orbit irgendwo zwischen Lethargie, Aufbruchsstimmung und ganz viel Sehnsucht schlingert. Hier stimmt einfach alles: die richtige Mischung aus Frickelei und gefälligen Melodien, aus simplem Gesang und facettenreichem Sound, der bei jedem Hören neue Spielereien und Details preisgibt. Und wer bei "Consequence" nichts fühlt, dem ist wohl absolut nicht mehr zu helfen. Aber was will man über das beste Album aller Zeiten schon sagen? Da kann man sich nur verneigen. Amen.
Aida Baghernejad
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