Slut suchen nach Auswegen aus der Rockstar-Einbahnstraße, die vielen schon zur Sackgasse geworden ist. Ihre Antworten lauten Kooperation und die Verknüpfung von verschiedenen Medien und künstlerischen Ausdrucksmitteln. Gewagt, aber gelungen.
Zu Zeiten, als Slut Alben wie "Lookbook" oder "Interference" veröffentlichten, schienen alle Zeichen auf die glänzende Rockstar-Karriere ausgerichtet. Kaufleute kümmerten sich, investierten Geld und mahnten ein glattes Sounddesign an, um die besonderen Talente der Ingolstädter in klingende Münze zu verwandeln.
Geklappt hat das letzten Endes nicht. Die Misserfolge, die bei vielen anderen Bands sicherlich das Ende bedeutet hätten, setzten bei Slut neue Energien und vor allem Ambitionen frei. Besonders deutlich zeigte sich das 2006, als die Band Brechts "Dreigroschenoper" mit gutem Erfolg interpretierte. Ein ähnlich forsches Projekt liegt dem neuen Werk "Corpus Delicti" zugrunde. Slut taten sich mit der Buchautorin Juli Zeh zusammen, um nach phonetischen Alternativen zum schnöden Hörbuch für Zehs letzten Roman gleichen Namens zu suchen. Herausgekommen ist ein enorm vielschichtiges, detailversessen ausgearbeitetes und furios konstruiertes Hörspiel, das besondere Anforderungen deutlich macht und auch erwartet, deshalb vielleicht von beiläufigen Hörern als übers Ziel hinausgeschossen bewertet werden könnte.
In Wahrheit scheint "Corpus Delicti" aber das Druckventil für den unbedingten Drang nach neuen Wegen zu sein. Zehs Roman ist ein Science-Fiction-Thriller mit politischen, juristisch-philosophischen und biologischen Fragestellungen. Das Hörspiel gibt sie zwangsläufig verkürzt, nie aber zusammenhanglos wieder. Die eigentlich recht dezente und absolut gelungene Soundkulisse erweiterten Slut um sieben neue Songs und diverse Skits, in denen die Band mehr denn je nach Radiohead klingt.
Die Stücke passen sich wundervoll in die Dynamik des Plots ein, der schnell als gleichwertige Version zum Roman zu wirken beginnt. Dies ist keine neue EP der Rockband Slut mit etwas Beiwerk, es ist viel mehr: nämlich ein anregendes Projekt von Multitalenten und -mediakünstlern, das mutig gelungene neue Wege aufzeigt.