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Das Strickmuster

Ein Tag in der Tatort-Redaktion

23.03.2010, 14:28, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: Patrik Budenz

Am Anfang war die Tat. Nein, das Wort. Nein, beides. Auch wenn es verwirrend klingt: Der Besuch beim Tatort-Koordinator Prof. Gebhard Henke im Vierscheibenhaus des Westdeutschen Rundfunk in Köln liefert Erklärungen für den TV-Mythos, der den sonntäglichen Kirchgang als spirituelles Massenerlebnis abgelöst hat - Witte sei Dank.

Wie bitte, Witte? "Sie wollen wissen, warum der Tatort-Koordinator beim WDR sitzt? Weil der Tatort hier erfunden wurde!" begrüßt mich Henke schwungvoll. Und der "Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie" legt sofort nach.

Die Story, die er mir auftischt, klingt geeignet, um kreativen Geist im Dienste der Fernsehunterhaltung zu romantisieren. So wurde früher Programm gemacht! Nicht von übernächtigten Freien, die drei weitere Jobs haben, um sich ihre guten Ideen und die Krankenversicherung leisten zu können. Nee, zwei feste Größen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks spazieren 1969 in Trenchcoats gekleidet am Decksteiner Weiher in Köln entlang und machen sich Gedanken, wie man der erfolgreichen Konkurrenz ein Schnippchen schlagen könnte.


Beim ZDF gab es eine schwer beliebte Reihe namens "Der Kommissar", in der Eric Ode als Role-Model späterer ZDF-Legenden wie "Derrick" und "Der Alte" seine Fälle löste. Die ARD hatte dergleichen nicht zu bieten. Einer der mit diesem Dilemma hadernden Spaziergänger war Gunther Witte, der andere sein Boss Günter Rohrbach, einstmals Präsident der Filmakademie und Fernsehspielchef in den 60er- und 70er-Jahren, der "Fassbinder-Zeit", wie Henke betont. Während des nur von ein paar Schwänen flankierten Gedankenaustauschs durchfuhr Witte ein Geistesblitz: Er wollte den vermeintlichen Nachteil des unbeweglichen ARD-Leviathans gegenüber dem doch wesentlich schlankeren ZDF nutzen und in eine Vielfalt der Möglichkeiten umwandeln. Word up! So wurde das System Tatort geboren.

Unter einem gemeinsamen Label sollten die verschiedenen Sendeanstalten ihre Versionen von Ermittlerkrimis rund um ein Kapitalverbrechen produzieren. Wider Erwarten ihres skeptischen Erfinders kam die Idee nach anfänglichen Missverständnissen ins Rollen. Das Strickmuster hat sich in über 700 Fällen etabliert: Erst kommt die Tat, dann die Ermittler. Ausnahmen bestätigen die Regel. Professor Henke wünscht sich indes, seine Studenten würden jene Ur-Szene am Weiher mal nachstellen und verfilmen. "So 'ne Loriot-Nummer", sagt er schmunzelnd. Aus der Loriot-Nummer wurde, erklärt Henke, schnell der "erfolgreichste Film im deutschen Fernsehen" - der anhaltende Erfolg habe mit dem Wandel der Altersstruktur des Publikums und der steigenden Anzahl weiblicher Zuschauer zu tun.

Trotz all dieses Wissens: Die Bezeichnung Tatort-Koordinator klinge im Übrigen imposanter, als seine vermittelnde Funktion im Treiben der unabhängigen Redaktionen tatsächlich sei. Henke ist nicht der Einzige, der ein Auge darauf hat, dass nicht plötzlich alle Landesrundfunkanstalten Erfolg mit einem komödiantischen Team à la Münster suchen - oder ein amtierender Tatort-Kommissar in ermittelnder Rolle im ZDF oder bei RTL auftaucht. Allerdings erweist sich Henke im Gespräch als hervorragender Repräsentant der Reihe: Seinem Ratschlag, den inzwischen 74-jährigen Günther Witte anzurufen, folge ich jedoch nicht sofort, als ich im Büro feststelle, meine Frage nach dem Ursprung der Bezeichnung Tatort vergessen zu haben. "Ist doch einfach", klärt mich Kollege Volkmann auf. "Da ist immer eine Leiche, immer ein Tatort." Um hinzuzufügen: "Und am Ende war es immer der Gärtner." In der Tat: genial.

Mehr zum Thema in unserem großen Tatort-Spezial:
www.intro.de/spezial/40jahretatort




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aus Intro #181 (April 2010)
 
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