Spezial: 40 Jahre Tatort
Das ist Demokratie: Zeit im Wandel, Autor auf der Couch
19.03.2010, 12:36, Text:
Mario Lasar, Foto: Patrik Budenz
Wer kennt ihn nicht, den Tatort-Vorspann? Er verbindet Generationen. Schließlich ist er seit vierzig Jahren gleich geblieben.
Ein Mann wird von einer Kamera verfolgt. Wir sehen seine Beine. Wilde Schnitte. Er scheint um sein Leben zu rennen. Dazu eine treibende, von Stakkatobläsersätzen angefeuerte Musik von Klaus Doldinger - am Schlagzeug sitzt der junge Udo Lindenberg! Ein Soundtrack, der die Hetzjagd perfekt illustriert. Sonntag, 20:15h. Der nächste Tatort kann beginnen.
Wer den hektischen Vorspann als Antizipation der nachfolgenden Handlung versteht, wird jedoch enttäuscht. Statt die Eindrücke von Beschleunigung und Action fortzuführen, setzt die Tatort-Reihe seit Ausstrahlung der ersten Folge "Taxi nach Leipzig" am 29.11.1970 eher auf gemächliches Tempo und fesselt dennoch seit vier Jahrzehnten ein Millionenpublikum - nicht zuletzt eine breite Masse junger Zuschauer, darunter, das zeigen die Diskussionen im Netz auf intro.de, auch zahlreiche Intro-Leser. Als besonders zeitgemäß erweist sich der vermeintliche Anachronismus, wenn man ihn sich im Rahmen eines Public Viewing oder gleich als Live-Stream auf Facebook anschaut.
Fotostrecke:Am Tatort - Spurensuche
Innovatives Konzept
Der Grund dürfte nicht zuletzt darin liegen, dass Tatort in einer seriösen Tradition verankert ist, die Substanz gegen gehaltlosen Fließband-Trash à la RTL ausspielt, ohne dabei bieder oder altbacken zu wirken. Tatort repräsentiert klassisches, bodenständiges, aus der Zeit gefallenes Fernsehen, das dennoch Spielraum zulässt für Innovationen und exzentrische Formensprache (der Konstanzer Tatort "Der Polizistinnenmörder" etwa arbeitete mit starken Western-Bezügen). Es ist diese Dialektik zwischen Tradition und der Offenheit für neue Ideen, die Tatort auszeichnet. So war Tatort auch die erste Krimi-Reihe in Deutschland, in der eine Frau als leitende Kommissarin ermittelte. Heute kaum noch vorstellbar, wird Karin Anselm, als sie 1981 ihr Debüt gibt, von der Presse mit plattesten Sprüchen angefeindet: "Zurück an den Herd!" Dabei geht einer der besten Tatorte aller Zeiten ("Peggy hat Angst", 1983) auf ihr Konto.
Kritikerschmäh
Trotz peinlicher Ausrutscher gehören die Tatort-Drehbücher zum Besten, was in diesem Land unter dem Stichwort "Krimi" verfilmt wird. Und auch die Peinlichkeiten lassen sich durchaus mit einer Experimentierwut entschuldigen, die der Reihe sehr generell sehr gut zu Gesicht steht. Die Ansätze, eine Kriminalgeschichte zu erzählen, variieren enorm. Nähert sich etwa das aktuelle Münsteraner Team (Axel Prahl und Jan Josef Liefers) in bester "Kottan ermittelt"-Tradition mehr und mehr der Persiflage, agiert die Frankfurter Kommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) zusehends ernsthafter. Der Vorwurf vieler "Kritiker", die Tatort-Drehbücher seien zu konstruiert, scheint in seinem Anspruch auf Authentizität in etwa so verbohrt, als wollte man im 21. Jahrhundert noch auf der Einhaltung der drei aristotelischen Einheiten Zeit, Ort und Handlung bestehen.
Die Tatsache, dass es keine Einheitlichkeit des Ortes gibt, erklärt sich bereits dadurch, dass die regionalen Sendeanstalten der ARD (BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR und WDR) unabhängig agieren und jeweils ausschließlich für ihre eigenen Produktionen zuständig sind - die Fernsehen gewordene Reflexion des föderalistischen Systems der BRD. Das im Zusammenhang mit Tatort viel zitierte charakteristische "Lokalkolorit" ist eine direkte Folge dieser dezentralisierten Struktur.
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