Der Junge mit dem Fahrrad
Von Frustration und Kurzzeitglück
06.01.2012, 14:10, Text:
Tim Stüttgen
Die Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne sind bekannt für realistische Charakterstudien in prekären Milieus. Ihr neuer Film ist eine weitere Verteidigung der Kindheit.
Cyril (Thomas Doret) ist mit zwölf Jahren schon vollkommen frustriert und verwirrt. Ohne Mutter aufgewachsen und vom Vater ohne große Erklärung in ein Heim abgeschoben, kämpft der Junge darum, sein Fahrrad zurückzubekommen, das für ihn zumindest ein wenig Mobilität und Kontinuität bedeutet. Doch sein Vater (Jérémie Rennier) hat es verkauft – brutaler kann man kaum verlassen werden. Als Cyril zum x-ten Mal aus dem Heim abhaut und eine Kneipe findet, in der er jobben kann, trifft ihn erneut die harte Zurückweisung durch den Vater. Bleibt ihm nur die Friseuse Samantha (Cécile de France). Samantha findet nicht nur das Fahrrad wieder, sondern bietet ihm auch an, seine neue Wochenend-Mutter zu sein, bei der er außerhalb des Heims bleiben kann.
Kurz scheint alles gut und harmonisch im sonst so tristen wie brutal-realistischen Universum der Dardenne-Brüder (»Lornas Schweigen«, »Das Kid«), in dem Cyril fast wie eine Variation der um ihr Überleben kämpfenden Rosetta wirkt, mit deren Geschichte die Regisseure 1999 die Goldene Palme in Cannes gewannen. Ohne Effekthascherei und Voyeurismus schaffen die Belgier es schon seit über 15 Jahren, Armut, Einsamkeit und Ausbeutung in prekären Existenzen der Kindheit zu spiegeln – in »Der Junge mit dem Fahrrad« gelingt es ihnen wieder äußerst berührend. Natürlich hält der Frieden, den Cyrils Ersatzfamilie repräsentiert, nur kurze Zeit: Dorf-Gangster-Kids locken ihn mit kühlem Männlichkeitsgebaren und laden ihn ein, ein Verbrechen zu begehen. Cyril folgt dieser Einladung, in der es auch um ein weiteres Vaterbild und all die abstrusen Rituale geht, mit der ein Kind sich als Mann beweisen soll. Nach dieser Tat steht Cyrils Existenz erneut auf dem Spiel. Er muss Samantha, die Polizei und auch sich selbst davon überzeugen, in welche Richtung sich sein Leben nun entwickeln soll. Und noch, als er sich entschieden hat, bleibt er verletzlich: Jean-Pierre und Luc Dardenne sind keine analytischen Sadisten wie Michael Haneke, aber auch keine Utopisten. Cyril wird die Folgen seiner Taten büßen, aber Weiterleben ist letztendlich dennoch eine Option für ihn. Immerhin.
»Der Junge mit dem Fahrrad« (F/B/I 2011; R: Jean-Pierre und Luc Dardenne; D: Thomas Doret; Kinostart: 09.02.)
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