So ist das Fantasy Filmfest 2011
Das Bergfest und der stumpfe Tiefpunkt
22.08.2011, 09:45, Text:
Nina Scholz
Dauerfilmwochenende am Potsdamer Platz: Draußen ist es heiß und hell, drinnen düster und kühl. Einige Höhe- und ein definitiver Tiefpunkt.
Der absolute Höhepunkt des Wochenendes ist zugleich das sogenannte »Centerpiece«, eine Art Bergfest des Filmfestivals: »Perfect Sense« von David Mackenzie (»Hallem Foe - This Is My Story«) erzählt anhand der Liebesgeschichte von Michael (Ewan McGregor) und Susan (Eva Green) wie ein Virus, der den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes die Sinne raubt, nach und nach die Welt verändert.
Erst geht ihnen der Geruchssinn verloren, als letztes das Fühlen. »Perfect Sense« ist dabei nicht nur der traurigste Film bisher, sondern auch derjenige, der am weitesten vom klassischen Genre-Begriff entfernt ist und zeigt wie weitreichend der Blickwinkel der Festivalmacher glücklicherweise ist.
Ebenfalls großartig ist der bereits in Cannes gezeigte »Snowtown«, das Debüt des Filmemachers Justin Kurzel, der die Geschichte des australischen Serienmörders John Bunting (Daniel Henshall) aus der Perspektive des 16-jährigen Jamie Vlassakis (wunderbar sprachlos und verwundbar: Lucas Pittaway) erzählt und in der Fresh-Blood-Reihe läuft. Mitte der 90er Jahre hatte Bunting sich als autoritäre Stiefvater-Figur in die Familie Vlassakis eingeschlichen und den seit frühester Kindheit Misshandlungen ausgesetzten Jamie gezwungen bei seinem örtlichen Mordzug gegen alles, was ihm nicht lebenswert erschien, mitzumachen. »Snowtown« ist ein Film bei man, ob der Atmosphäre, der Darstellungen und des Sujets, etliche Male den Impuls verspürt den Kinosaal zu verlassen, aber letztlich froh ist ihn bis zum Ende durchgestanden zu haben.
Der zweite Film aus der Fresh Blood-Reihe, der begeistern konnte, war »On The Ice«. Im Debütfilm von Andrew Okpeaha Maclean geht es um die besten Freunde Qalli und Aivaaq und ihre letzten Wochen vor dem Erwachsenwerden. Bei beiden leben in einer einsamen, verschneiten Inupiat-Siedlung im nördlichen Alaska. Als die beiden mit ihrem Freund James zum Jagen ins Eis rausfahren, kommt es zu einem tödlichen Streit bei dem James ums Leben kommt. Qalli und Aivaaq lassen seine Leiche zurück und berichten im Dorf von einem Unfall. Doch nicht nur die Lüge, sondern auch die Tatsache, dass alle im Dorf Aivaaq verdächtigen, aber nur Qalli die tatsächliche Wahrheit kennt, lässt die beiden Freunde immer panischer werden. Die Frage, wie Qalli entscheiden wird und ob die Wahrheit ans Licht kommt, macht »On The Ice« dabei bis zur letzten Minute spannend.
Ebenfalls in der Fresh Blood-Reihe läuft »Hideaways« von Agnès Merlet (»Dorothy Mills«), die die Geschichte von James Furlong (Harry Treadaway) erzählt. Der 18-jährige lebt alleine und abgeschieden in einem englischen Wald, weil er, jedes Mal, wenn er Schmerzen hat, alles Lebende um sich herum tötet. So sind bereits sein Vater und auch die Kinder aus dem Heim, in dem er aufwachsen sollte, ums Leben gekommen. Als er die gleichaltrige Ich-Erzählerin Mae-West O‘Mara (Rachel Hurd-Wood), die unheilbar an Krebs erkrankt ist, trifft, verlieben sie sich ineinander und das Schicksal der beiden scheint sich - zumindest für kurze Zeit - zu ändern. »Hideaways« ist ein modernes Märchen, das triefend kitschig und wunderbar fantastisch erzählt wird.
»Super« von Regisseur James Gunn (»Slither«), der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, reiht sich dagegen ein in in den Trend aktueller Independent-Produktionen, die den Superhelden-Mythos aus der Geek-Perspektive (z.B. »Kick Ass«) erzählen und ihren Loser-Protagonisten, in diesem Fall Frank D‘Arbo (Rainn Wilson), zum Superhero ohne wirkliche Spezialkräfte werden lassen. Super ist dabei sicherlich sowohl komisch als auch melancholisch und hat mit Ellen Page, Liv Tyler und Kevin Bacon ein ausgezeichneten Cast. Gleichzeitig ist Gunn aber so sehr um den schwärzesten Humor aller Zeiten und abseitigste Charakterdarstellungen bemüht, dass ihm beides völlig entgleitet. Frank D‘Arbo ist letztendlich auch kein sympathischer Verlierer, dem der Zuschauer ein wenig mehr Mut wünscht, sondern eine selbstgerechte, moralinverseuchte Heulsuse und Ellen Page als sein Sidekick ist leider auch nicht mehr als eine überspannte, durchgeknallte junge Frau. Vielleicht ist »Super« aber auch der logische Abschluss eines Jahrzehnts voller selbstreferentieller Nerd-Filme.
Die größte Enttäuschung bisher ist Jon Favreaus (»Iron Man«) Sommer-Blockbuster »Cowboys & Aliens«, in dem es um, nunja, Cowboys und Aliens geht und in dem Harrison Ford und Daniel Craig die Hauptrollen spielen. Der Titel verrät auch schon alles: Hier geht es um einen originalgetreuen Mix aus Classic-Western und Außerirdischen-Invasion. Das einzig unvorhersehbare an dem Film ist wie vorhersehbar er bis ins kleinste Detail ist. Als sich dann noch herausstellt, dass die einzige Frau in der Cowboy-Horde eine außerirdische Lichtgestalt ist, die sich letzten Endes für die Menschen opfert ist es auf jeden Fall klar, dass »Cowboys & Aliens« einen stumpfen Tiefpunkt des bisherigen Festivals darstellt.
Mehr Infos und Ticket-Verlosung für 2012 auch unter www.intro.de/fff.
Unsere Autorin Nina Scholz berichtet die kommenden Tage weiterhin vom Fantasy Filmfest 2011 in Berlin.
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