So ist das Fantasy Filmfest 2011 - Tag Drei: Abstrakter Spuk und folkloristisch Backpacker-Kitsch Artikelbild (groß)

So ist das Fantasy Filmfest 2011

Tag Drei: Abstrakter Spuk und folkloristisch Backpacker-Kitsch

19.08.2011, 13:24, Text: Nina Scholz
[2 Kommentare]

Unsere Autorin Nina Scholz ist beim Fantasy Filmfest in Berlin dabei und berichtet über High- und Lowlights des diesjährigen Festivals...

Am dritten Festivaltag gab es am späteren Abend einen ersten Höhepunkt: Ti West löste mit seinem neuen Horrorfilm »The Innkeepers« all das ein, was er mit seinen Vorgängern »Cabin Fever 2« und vor allem »The House Of The Devil« versprochen hatte.

Die Geschichte ist, wie sollte das bei einem guten Horrorfilm anders sein, sehr schnell erzählt: Claire (Sara Paxton) und Luke (Pat Healy) arbeiten in einem alten Inn, einem kleinen amerikanischen Hotel in privater Führung. Der Besitzer ist auf Barbados, nach dem Wochenende wird das Hotel geschlossen und außer den beiden sind nur noch drei andere Gäste im sichtlich heruntergekommen Gebäude: Eine Serienschauspielerin, die mit Geistern kommunizieren kann, ein alter Mann, der aus nostalgischen Gründen die bereits ausgeräumte Hochzeitssuite bezogen hat und eine Mutter mit Kind. Luke interessiert sich schon lange für Geister und bastelt in seiner Freizeit an einer Webseite, die vom angeblichen Spuk im Inn handelt. Claire unterstützt ihn dabei, weniger aus Glaube daran als aus Mangel an anderen Interessen, Langeweile und Sympathie für Luke.


Obwohl »The Innkeepers« ein komplett anderer Film als der brillant und furchteinflößend erzählte »The House Of The Devil«, der die Geschichte einer dämonischen Bessenheit erzählt, ist, verfeinert Ti West hier was er auch dort schon so meisterhaft geschafft hat: Er verortet sich ästhetisch deutlich in der Hochphase der Gruselfilme, also den 70er und 80er-Jahren, aber nicht der Nostalgie, des Nerdtums oder der Auskennerei wegen, sondern um von vornherein eine spezifische Stimmung zu schaffen. Gleichzeitig treibt er den atmosphärischen Spannungsaufbau in »The Innkeepers« nochmals auf die Spitze in dem er die schockhafte Erlösung und Erleichterung durch einen tatsächlich auftauchenden Geist kaum noch einlöst und gerade dadurch zu einem der furchteinflößenden, weil atmosphärischsten und klügsten Horrorfilmemacher der Jetztzeit wird. Es wäre wenig verwunderlich, wenn Ti West als nächstes eine Geistergeschichte komplett ohne Geister erzählen würde und den Spuk noch abstrakter verfilmen würde als in »The Inkeepers«.

Ebenfalls erfreulich war das Screening von »Largo Winch II: The Burma Conspiracy« am frühen Mittwoch Nachmittag. Im ersten Teil der Reihe starb der Adoptivvater Largos, ein Multimilliardär und der allen Reichtum verabscheuende Weltenbummler Largo (Tomer Sisley) wurde über allerlei Verstrickungen aus der Ferne zurückgeholt und freundete sich mit der Idee des Erbes an. Largo war dabei eine Art Superheld für Attac-Mitglieder.

Nach dem eher mittelmäßigen ersten Teil der Comicverfilmung, distanziert sich der zweite deutlich vom alternativen James Bond-Kitsch des ersten und erlaubt es seinem Helden außerdem nicht immer moralisch einwandfrei zu handeln. Im aktuellen Teil »Largo Winch II : The Burma Conspiracy« versucht Largo das Unternehmen seines Vaters zu verkaufen und von dem Erlös eine wohltätige Organisation gründen. Kurze Zeit später ist er aufgrund dunkler Machenschaften unbekannter Feinde Hauptverdächtiger der UN-Sonderermittlerin Diane Francken (gespielt von Sharon Stone - die leider nicht viel mehr darf als ihren Beinüberschlag aus »Basic Instinct« immer und immer wieder anzudeuten.).

Nach und nach verwickelt sich Largo immer mehr in die Widersprüche des modernen Kapitalismus in dem Täter und Opfer nicht nur sehr schlecht unterscheidbar, sondern eben oft deckungsgleich und standpunktabhängig sind. Am Ende des Films muss Largo sich der sozialdemokratischen Gewissensfrage stellen: also ob er das Unternehmen anderen überlässt und nicht darüber bestimmen kann was die Käufer mit dieser Macht anfangen oder lieber selber die (wirtschaftliche und politische) Kontrolle übernimmt.

Regisseur Jérome Salle, der auch den ersten Teil der Filmreihe gedreht hat, spart auch diesmal wieder nicht an Folklorelementen und Backpacker-Kitsch. Alles und allem konzentriert der Film sich aber auf die ambivalente Entwicklung seines Helden und ist in den besten Momenten ein handwerklich bestens ausgeführter Thriller inklusive absurdem Agententhrillerspaß.




Mehr Infos und Ticket-Verlosung für 2012 auch unter www.intro.de/fff.


Unsere Autorin Nina Scholz berichtet die kommenden Tage weiterhin vom Fantasy Filmfest 2011 in Berlin.



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  • User: Intro
  • Intro 18.08.2011 | 14:55:00

    Unsere Autorin Nina Scholz ist beim Fantasy Filmfest in Berlin dabei und berichtet über High- und Lowlights des diesjährigen Festivals...

  • User: Malheur
  • Malheur 03.09.2011 | 07:41:47

    Der Tag, an dem ich A Lonely Place to Die, Kill List und The Yellow Sea gesehen habe, hat mir, glaube ich, PTSD eingebracht.

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