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Shit Year / I'm Still Here

Ein Leben im Dienst des Kulturbetriebs

09.08.2011, 15:36, Text: Wolfgang Frömberg, Hanno Stecher

Perfektes Double Feature: Joaquin Phoenix erklärte 2008, er wolle Rapper werden – und führte alle an der Nase herum. In Cam Archers zweitem Spielfilm verkörpert die gealterte Ikone Ellen Barkin eine Schauspielerin am Ende ihrer Laufbahn.

Der 1982 geborene Fotograf und Regisseur Cam Archer, der unter anderem Videoclips für Xiu Xiu drehte, feierte 2006 mit seinem von Gus Van Sant produzierten Indie-Coming-out-Drama »Wild Tigers I Have Known« ein sehenswertes Spielfilm-Debüt. »Shit Year« reflektiert nun den schwierigen Rückzug einer alternden Hollywood-Schauspielerin. Protagonistin Colleen West ist mit der Spätachtziger/Frühneunziger-Ikone Ellen Barkin schmerzhaft gut besetzt. Im Gegensatz zu Porträts alternder Hollywood-Diven wie »Sunset Boulevard«, in denen auf das Ende der Karriere Depression, Wahnsinn und Tod folgen, ist es erst mal wirklich nur ein Scheißjahr, in dem sich Colleen West vom Leben »für die Kunst« losmacht. (Einer der vielen Unterschiede zu Joaquin Phoenix' »I'm Still Here«, der sich trotzdem nicht nur wegen der ähnlichen Ausstieg-für-ein-Scheißjahr-Thematik als Double-Feature-Partner anbietet, schließlich porträtiert auch Phoenix eine Schauspieler-Diva auf dem Weg aufs Abstellgleis, nur dass der Film-Phoenix sich als Rapper weiter der Kunst verpflichtet fühlt ...)


Neben ihrem Umzug in ein einsames Holzhaus inmitten einer dröhnenden Großbaustelle macht Colleen insbesondere eine Affäre mit einem jungen Schauspieler zu schaffen. Was durch ihre Antihaltung zu bürgerlichen Familienmodellen noch verstärkt wird. Regisseur Archer scheint – hier wiederum ganz nah bei Joaquin Phoenix – aufzeigen zu wollen, welche Gefahren ein Leben im Dienst des Kulturbetriebs mit sich bringt, der die Menschen mit großen Versprechungen aufsaugt – und sie dann wieder ausspuckt. Die Form des Films spiegelt diesen Willen zum Unbequemsein und zur gleichzeitigen Vielschichtigkeit wider: Archer verzichtet auf eine klassische Erzählebene und verschränkt, immer in wunderhübschen Schwarz-Weiß-Bildern gehalten, Traumsequenzen, rückblickende reflexive Szenen und aktuelles Geschehen. Leicht experimentell, so wie Phoenix' Mischung aus Dokumentation, Mockumentary und Spielfilm.

»I'm Still Here« (USA 2010; R: Casey Affleck; D: Joaquin Phoenix, Anthony Langdon; Kinostart: 11.08.)
&
»Shit Year« (USA 2008; R: Cam Archer; D: Ellen Barkin, Luke Grimes; Kinostart: 11.08.)






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aus Intro #195 (September 2011)
 
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