The Social Network
Facebook im Kino: In Your Face, Mark!
28.09.2010, 12:44, Text:
Wolfgang Frömberg, Foto: Columbia Pictures
[35 Kommentare]
David Fincher verfilmt das Leben des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg. Intro-Redakteur Wolfgang Frömberg, der kein Mitglied bei Facebook ist, gefällt das.
Bist du süchtig nach den 1000 Augen deines erweiterten Freundeskreises? Es spielt keine Rolle, ob man auf ein eigenes Profil lieber verzichtet oder täglich viele Stunden Däumchen drehend im Netzwerk verbringt - folgende Frage wird sich wohl jeder schon gestellt haben: Welches Arschloch hat eigentlich Facebook erfunden?
Das Arschloch heißt Mark Zuckerberg. Der Mann ist Anfang zwanzig und schwimmt im Geld. Dazu ist er ein hochintelligentes Exemplar aus der Fabrik für Vorzeigenerds mit argen Defiziten im zwischenmenschlichen Bereich. Das legt zumindest die Handlung von David Finchers Lehrstück "The Social Network" nahe, worin der supererfolgreiche Jungunternehmer von Hollywoods neuem Goldlöckchen Jesse Eisenberg ("Adventureland") gespielt wird. Kaum verwunderlich, dass Zuckerberg den Daumen nach unten hält, sobald es um die öffentliche Bewertung des Films geht, der mehr als einen Schwank aus seinem Leben zu erzählen vorgibt, und für dessen Drehbuch Aaron Sorkin ("The West Wing") verantwortlich ist. Der Typ in dem Film ist nicht unbedingt einer, mit dem man Pferde stehlen oder den Abend vorm Kamin verbringen will.
In einer ruhigen Minute muss Zuckerberg neben dem Verlust von ein paar Millionen Dollar wegen der vermeintlichen Aneignung geistigen Eigentums auch noch ein bitteres moralisches Urteil über sich ergehen lassen. Hat er das wirklich verdient? Wer Privatsphäre im Jahr 2010 zu einem Relikt der Vergangenheit erklärt, wie der reale Zuckerberg das im Kampf gegen Datenschutzbestimmungen getan hat, sollte sich über eine solche Geschichte eher nicht ärgern. Denn wenn sie gut erzählt wird, erlangt sie sowieso eine Bedeutung, die über die Schicksale der in sie verwickelten Figuren hinausweist – und manchmal gar von ihnen ablenkt. Davon abgesehen, dass eine menschliche Existenz sich durch mehr als eine Seite auszeichnet.
Regisseur David Fincher hat sich schon mit lebensunfähigen Freaks beschäftigt, die in die Medien drängen ("Seven", "Zodiac"). Er hat sich mit Geheimgesellschaften und dem kalten Schrecken privater Rückzugsorte auseinandergesetzt ( "Fight Club", "Panic Room"). "The Social Network" vereint viele seiner bisherigen Motive. Der Film stützt sich auf die Buchvorlage von Ben Mezrich. Dessen semifiktionaler Enthüllungssachroman “The Accidental Billionaires: The Founding Of Facebook, A Tale Of Sex, Money, Genius, And Betrayal“ steht im weitesten Sinne in der Tradition der US-amerikanischen Tatsachenromane seit Truman Capotes "In Cold Blood". Solche Bücher, deren Prinzip Norman Mailer in seinen Werken über den Marsch aufs Pentagon, Gary Gilmore und Marylin Monroe auf die Spitze trieb, haben den Vorteil, dass sie sich an sehr spannenden wahren Begebenheiten und echten Personen abarbeiten. Ein weiterer Vorteil ist, dass man schwer einschätzen kann, was an ihnen fundiert recherchiert und was erfunden ist.
Science-Fiction-Autor William Gibson hat im Gespräch mit Intro mal in Bezug auf Metallica-Drummer Lars Ulrich darauf hingewiesen, dass der Musiker eine wichtige Regel nicht befolgt habe. Wer ein Arschloch sei, sollte Sorge tragen, dies öffentlich zu kaschieren, anstatt es laut und deutlich zu demonstrieren. Arschloch Zuckerberg ignoriert diese Vorgabe an einem Abend im Herbst 2003. Ungefähr so wie Ulrich es tat, als er Napster verklagte. Nachdem Mark Zuckerbergs Freundin Erica Albright (Rooney Mara) während eines Dates mit ihm Schluss macht, schreibt er nämlich ein paar unfeine Bemerkungen über sie in seinen Blog. Dann hackt er die Jahrbuch-Seiten verschiedener Universitäten und benutzt die Porträts der weiblichen Studenten für die Seite facemash.com, auf der er zum Anklicken der besser aussehenden Studentin im 1:1-Duell mit einer Kontrahentin einlädt. Die Seite verzeichnet innerhalb einer Stunde so viele Zugriffe, dass nicht nur die Sicherheitsbehörden auf Zuckerberg aufmerksam werden. Er gewinnt neue Geschäftspartner. Den Respekt seiner Ex-Freundin aber verliert er.
David Fincher inszeniert das kurze Date, das den Film eröffnet, als eloquentes Gefecht eines mit sich selbst beschäftigten Paares. Isolation in der Zweisamkeit ist jedoch nicht die schlimmste Strafe, die moderne Zeiten über uns verhängt haben. Den Weg des Protagonisten nach dem Split zurück vor den Rechner in der Studentenbude lässt Fincher durch ruhige Kamerafahrten verfolgen. Sie zeigen einen Einzelgänger im wahrsten Sinne des Wortes, der keine Berührungspunkte zu den übrigen Menschen aufweist, die sonst noch durchs Bild huschen – bloß ein flüchtiger Blick auf den Straßenmusiker ohne Publikum zeugt von einem gewissen Kontakt zu dem, was man Außenwelt nennt. In der Folgezeit bricht dieser Kontakt systematisch weiter ab. Zuckerberg stößt sogar seinen einzigen Freund Eduardo Saverin (Andrew Garfield) vor den Kopf, in dem er ihn nach dem Einzug von Facebook ins Silicon Valley aus der gemeinsamen Firma drängt.
Mark Zuckerberg geht es nicht ums Geld. Er ist fasziniert von exklusiven Studentenclubs in Harvard, in denen Eduardo verkehrt. Und auch die sportlichen Fähigkeiten der Ruder-Cracks Cameron und Tyler Winklevoss (Armie Hammer und Josh Pence) scheinen ihn zu beeindrucken. Fincher rekapituliert - und zwar anhand des juristischen Streits mit den Söhnen aus gutem Hause um die Rechte an der ursprünglichen Facebook-Idee - die schnelle Erfolgsgeschichte eines von Minderwertigkeitskomplexen beladenen Sozialversagers.
Nach einer Drogeneskapade seines Kompagnons Sean Parker lässt Zuckerberg schließlich noch den letzten Verbündeten fallen. Dass der Musiker Justin Timberlake hier in der Rolle des Napster-Mitbegründers Parker auftaucht, könnte man als Seitenhieb verstehen - womöglich in Richtung eines Arschlochs wie Lars Ulrich. Doch Fincher ist kein Moralist. Er ist auch nicht der Profiler eines vom Erfolg geküssten Psychopathen. Zuckerbergs Biografie und die Erfolgsgeschichte von Facebook weisen schlichtweg darauf hin, dass es sich im Kapitalismus lohnt, über Leichen zu gehen. Natürlich hat Skrupellosigkeit ihren Preis. Aber nur dieser Mark Zuckerberg in David Finchers "The Social Network" schafft das kleine Wunder, trotz 500 Millionen neuer Freunde einsam zu bleiben. Dieser Tatsache muss er am Ende ins Gesicht sehen.
The Social Network
USA 2010
R: David Fincher; D: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake; 07.10.
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die konsum jugend 20.09.2010 | 14:33:15
indie
regie: david fincher
drehbuch: aaron sorkin
musik: trent raznor
kann eigentlich nur gut sein - oder?
ösel 20.09.2010 | 14:55:09
Polterkowski & Söhne
Nein, nicht unbedingt.
Von der Schnarchgranate Benjamin Button bin ich immer noch ein wenig sediert, und auch das hier klingt eher nach Ödnis auf höchstem Niveau.
nachonils 20.09.2010 | 18:08:32
arty arty kunstkritik
ich freu mich drauf
Reverend 20.09.2010 | 18:46:09
war immer aufrichtig
Die Schnarchgranate habe ich mir bisher erspart, und "ich gehe mal davon aus" (M. Basler), dass Fincher zu schlau ist, um zwei doofe Filme hintereinander zu machen. Außerdem: Sorkin wird's richten.
Bin sehr gespannt.
drivenstate 20.09.2010 | 19:56:21
ich bin hier falsch
b.button fand ich sehr toll! man muss aber die ersten 30 minuten überspringen. auf social network bin ich auf jeden fall gespannt.
Clasen 20.09.2010 | 23:04:27
wertvoll wie ein kleines Steak
Eine Soundtrack-EP verschenkt Trent Reznor hier.
die konsum jugend 22.09.2010 | 13:31:27
indie
In Internet wunderkind Mark Zuckerberg, TV wunderkind Aaron Sorkin may have found his perfect subject: the wunderkind genius jerk. But is The Social Network the scathing portrait of Zuckerberg that Facebook fears? You’ll be arguing about that for weeks.
Inventing Facebook
Legalman 24.09.2010 | 17:48:46
Rotweintrinker
ich mochte ja - im Gegensatz zum Introforumsposter an sich und meinem Bekanntenkreis - Benjamin Button auch gern.
Das neue Werk habe ich heute gesehen, aber da ich ein papier unterschreiben musste, das mir hundert Jahre Knast oder so verspricht, wenn ich mich öffentlich dazu äußere, muss das noch ein paar Tage warten.
die konsum jugend 24.09.2010 | 18:00:15
indie
metascore (okay, nur 6 reviews): 100
die konsum jugend 28.09.2010 | 17:19:20
indie
Jesse Eisenberg Admits He Doesn't Use Facebook
ösel 28.09.2010 | 19:48:47
Polterkowski & Söhne
Tomatometer (okay, nur 33 reviews): 100
drivenstate 28.09.2010 | 19:49:44
ich bin hier falsch
ja ich würd den gern mal sehen jetz
Legalman 01.10.2010 | 17:01:11
Rotweintrinker
Ich fand den ja ganz gut.
ösel 01.10.2010 | 17:13:40
Polterkowski & Söhne
Ich brauche mehr Deteiss.
die konsum jugend 05.10.2010 | 11:45:18
indie
Did it live up to the hype for you? Review The Social Network in One Sentence
Legalman 06.10.2010 | 12:37:14
RotweintrinkerIch brauche mehr Deteiss.
Och ja, die Geschichte ist halt ganz schön erzählt, sieht allerdings null so aus, wie das, was man bislang von Fincher kannte.
Timberlake als Sean Parker ist wunderbar ironisch besetzt, diese beiden schnuckeligen Hauptdarsteller auch. Die schönste Szene ist die allererste, ansonsten halt schlicht ein guter Film...
Benny Longears 06.10.2010 | 12:52:45
Son of DarwinTimberlake als Sean Parker ist wunderbar ironisch besetzt, diese beiden schnuckeligen Hauptdarsteller auch. Die schönste Szene ist die allererste, ansonsten halt schlicht ein guter Film...
true dat!
die konsum jugend 06.10.2010 | 14:05:14
indie
Brillant, böse, aufregend
qwert_zuiopü 06.10.2010 | 14:36:33
ich fand den weder "brilliant, böse, aufregend" wie die welt, noch "äußerst öde" wie die zeit. im david fincher universum irgendwo im oberen mittelfeld...
haru_specks 06.10.2010 | 15:00:59
shine on
was befindet sich denn dann im unteren teil des fincheruniversums? alien³? the game? benjamin button? wenn du jetzt "zodiac" schreibst, brichst du mir das herz.
ösel 06.10.2010 | 15:29:48
Polterkowski & Söhne
The Game wird ganz gern unterschätzt. Wenngleich auch arg konstruiert, so hat er mich doch erreicht.
Alien 3 nehme ich als richtigen Fincher-Film gar nicht so recht wahr. Das produktionstechnische Chaos liess sich nicht mehr kaschieren, heraus kam ein Auffahrunfall von einem Film ohne ernsten Personenschaden.
Se7en hat mich seinerzeit regelrecht umgehauen, und auch heute gibt es eigentlich nichts, was ich nicht an ihm mag.
Über Fight Club ist alles gesagt, ein Klassiker.
Zodiac ist zäh, aber fesselnd.
Benjamin Button ist zäh und komplett leer. Hier wurde auf alles geschielt, was die alten Männer der Academy toll finden könnten und ein Epos geschaffen, das keins ist.
Panic Room... öhm, geht so. Von einigem hatte er zu viel und von vielem zu wenig.
Somit steigen für mich Benjamin Button, Panic Room und ein glückloser Alien 3 ab.
qwert_zuiopü 06.10.2010 | 15:46:18
ja, alien 3, the game und panic room würde ich im unteren bereich platzieren, benjamin button sogar eher in der mitte, aber zodiac gehört für mich mit fight club und sieben ganz klar zu den top3. und ich weiss auch nicht ob mir sieben und fight club heutzutage immer noch so gut gefallen würden, wie zu der zeit als sie im kino liefen. platz 4 geht dann jedenfalls an the social network. und das unnötige remake von "the girl with the dragon tattoo" hätte er sich gleich ganz sparen können...
haru_specks 06.10.2010 | 15:55:03
shine on
an "panic room" habe ich gar nicht mehr gedacht. nach "fight club" wirkte er irgendwie... fast farblos. ich glaube, den schaue ich mir demnächst nochmals an.
ich war von alien³ damals im kontrast zu aliens schwer begeistert, weil er den mut hatte, nach dem overkill von cameron die bremse zu ziehen. zugegeben: seitdem auch nicht mehr gesehen. vielleicht ja besser so.
ich bin heute abend in social network und habe etwas die befürchtung, mit zu vielen erwartungen reinzugehen. ich werde sehen.
die konsum jugend 06.10.2010 | 16:17:23
indie„Ich habe kein privates Facebook-Profil“, verriet Timberlake bei seinem BILD-Besuch am Dienstag.
„Dafür gibt es mehrere Gründe: Ich bin zu doof, was das angeht und habe nicht die Geduld, mich damit auseinanderzusetzen. Und außerdem habe ich nicht so viele Freunde.
haru_specks 08.10.2010 | 13:41:43
shine on
Erstaunlich, wie Fincher aus einer doch etwas dünnen Geschichte 2 Stunden Unterhaltung brettert. Wobei da ein Großteil dieser Leistung dem Autoren zuzuschreiben ist: Dialogattacken an jeder Ecke.
Wie viel daran schlussendlich wahr ist, ist mir irgendwie egal...
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