Mit Daft Punk im Rausch der Toten - Gaspar Noés neuer Film "Enter The Void" Artikelbild (groß)

Mit Daft Punk im Rausch der Toten

Gaspar Noés neuer Film "Enter The Void"

16.08.2010, 15:53, Text: Gabriele Scholz

Gaspar Noés Film "Irreversibel" wurde wegen einer drastischen Vergewaltigungsszene zum Skandal. "Enter The Void" beginnt als Geschichte um den kleinen Drogendealer Oscar und endet in einem psychedelischen Mahlstrom der Zeiten, unterlegt mit einer Synthesizer-Version eines Musikstücks von Bach und noch mehr abgefahrenem Soundtrack, den Daft Punks Thomas Bangalter ausgetüftelt hat. Gabriele Scholz sprach mit Gaspar Noé.
 
Ihre Filme wirken verstörend – glauben Sie eigentlich an irgendetwas?
Ich glaube an das Leben, das sich die ganze Zeit über verändert. Aber ich bin zu hundert Prozent Atheist.


Ziemlich am Anfang von "Enter The Void" stirbt Ihre Hauptfigur Oscar und durchlebt dann eine Art "out of body experience". Haben Sie schon einmal so eine Erfahrung gemacht?
Ich habe es wirklich versucht, zum Beispiel Hypnose gemacht, um aus meinem Körper herauszutreten, aber es ist mir nie gelungen. Es gibt eine Technik, bei der man den Atem anhält und im Abstand von drei Minuten einatmet. Wegen des Sauerstoffmangels fühlt man sich zwar wie im Drogenrausch, aber es ist mir nie gelungen, den Körper mithilfe dieser Technik zu verlassen. Vielleicht musste ich deshalb "Enter The Void" machen, um doch noch eine "out of body experience" zu erleben.

Wenn man Ihren Film gesehen hat, könnte man sich wünschen, niemals zu sterben ...
Tot zu sein scheint mir ein stabilerer Zustand zu sein, als lebendig zu sein. Wenn du tot bist, bewegst du dich nicht mehr. Aber lebendig zu sein bedeutet: Du schwebst die ganze Zeit in Lebensgefahr. Die Toten leben mitten unter uns.



"Enter The Void" erinnert mich an die Bildästhetik aus "Blade Runner" ...
Ich hatte Bilder aus dem Science-Fiction-Klassiker "Tron" im Kopf, zudem fühle ich mich außerordentlich von den Bilderwelten Wong Kar-Wais inspiriert. Also habe ich mich entschlossen, "Enter The Void" in den futuristischen Gegenden Tokios zu drehen.

In Ihrem umstrittenen Vergewaltigungsdrama "Irreversibel" haben Sie selbst die Kamera geführt, für diesen Film haben Sie sich auf das Auge von Kameramann Benoît Debie verlassen. Hat es Sie beim Drehen nicht gereizt, die Kamera in die Hand zu nehmen?
Nein, Benoît Debie hat großartige Arbeit geleistet. Da wir in diesem Film aber viel mit Kränen gearbeitet haben, hatte ich das Vergnügen, die Kräne zu bedienen.

Wo wir schon bei den technischen Details sind: Gab es Szenen, die besonders schwierig zu drehen waren?
Es gibt diese Szene im Nachtclub, für die wir viele Komparsen anheuern mussten. Deren Aufgabe war es, zu tanzen und zu trinken. Es waren Hunderte, und nach einiger Zeit am Set wurden einige von ihnen immer betrunkener und bereiteten uns Probleme: Sie starrten zum Beispiel direkt in die Kamera – Partyszenen sind nicht so leicht zu drehen, wie man vielleicht denkt ...

Das Tibetanische Totenbuch spielt auch eine Rolle. Was hat es damit auf sich?
Es ging mir darum, den Zustand der Seelen im Totenreich zu zeigen – um das Leben in der "anderen Welt". Um die Schwierigkeiten für die Seele des Toten, einen neuen Körper zu finden. Die Fragestellung: Was passiert mit deiner Seele, wenn du tot bist? Ich wollte einen Film machen, der sich, was das angeht, an dem Tibetanischen Totenbuch orientiert. Am Ende sind aber meine eigenen Visionen mit dem Stoff verschmolzen. Ich wollte einen Film wie eine halluzinatorische Achterbahnfahrt schaffen, von der ich sehr hoffe, dass die Leute sie genießen – aber der Zuschauer weiß eben nie, wohin die Fahrt geht ...Ich habe mit Leuten gesprochen, die früher LSD genommen haben und die mir sagten, dass sie sich nach dem Film noch stundenlang high gefühlt haben!

Thomas Bangalter von Daft Punk hat den Soundtrack für den Film gemacht ...
Er hat nicht wirklich die Musik gemacht, vielmehr hat er verschiedenartige Sounds kreiert, die wir frei einsetzen konnten. Die haben wir mit experimenteller Musik vermischt: Musik aus den 60ern und 70ern, die wir hier und da gefunden haben. Außerdem stehe ich wirklich auf den Industrial-Sound von Throbbing Gristle. So ist der Soundtrack eine wilde Zusammenstellung aus allen möglichen Quellen, die sich dröhnend zu einer einzigen Sound-Landschaft zusammenfügen. Ein Soundtrack wie ein einziger Trip.

Nach dem Film hatte ich das Gefühl, Sie glauben, das Leben sei ein ewiger Loop ...
Ja, aber ein Loop, an den sich niemand jemals erinnern wird.

Ich habe gehört, dass Sie als Nächstes einen Pornofilm in 3-D drehen wollen ...
Oh, mein Vater ist schon ganz besorgt wegen dieses Pornokrams, aber ich konnte ihn beruhigen, denn in meinem Film geht’s schon noch um eine "altmodische" Idee von Erotik. Ich habe die Absicht zu zeigen, was Sex für unser Leben bedeutet. Meiner Meinung nach denkt jeder den halben Tag an nichts anderes als an Sex.

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Am kommenden Freitag, den 20. August 2010, bittet der Regisseur im Anschluss an die Premiere von "Enter The Void" zu einem gemeinsamen Umtrunk am Potsdamer Platz in Berlin. Glücklichen Besitzern eines Premierentickets (der Film läuft im Rahmen des Fantasy Filmfests) werden ab 0:20 Uhr vor dem Cinemaxx Kino vom Regisseur persönlich an die Bar gebeten.

Darüber hinaus verlost Intro 5x2 reguläre Kinotickets für den Film. Schickt dazu einfach eine Mail mit dem Betreff "Enter The Void" an verlosung@intro.de. Viel Glück!
 



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aus Intro #185 (September 2010)
 
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