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Sin Nombre

So spielt das Leben, Amigo!

23.04.2010, 11:47, Text: Barbara Schulz


Der Filmemacher Cary Joji Fukunaga findet in den Fluchtgeschichten anderer zu sich selbst und zu einem starken Debüt. Und schon scheint er dem Schubladendenken der Kritik entfliehen zu wollen. Barbara Schulz sprach den Debütanten unter vier Augen.
 
Mexiko, ein staubiger Nachmittag. Männer treten einen am Boden liegenden Jungen. Ein Gesichtstätowierter lächelt und zählt langsam bis dreizehn. Die Tritte werden heftiger, dann ist es vorbei. Der Junge rappelt sich auf – und lächelt! Das war sein „Jump-in“, das Aufnahmeritual für die Gang „Mara Salvatrucha“.Der mit dem Gesichtstattoo ist Gang-Chef Lil’ Mago.


Unter seiner Fuchtel steht auch Willy, der sich El Casper nennt und den ramponierten Neuling El Smiley „einarbeiten“ muss. Als Lil’ Mago Willys geheime Freundin kennenlernt und anbaggert, versucht sie ihn abzuwehren – und stirbt. Willy schwört Rache. Zeitgleich in Honduras: Sayra flüchtet mit Vater und Onkel über Mexiko in die USA. Sie kämpfen sich durch den Dschungel, an der Grenze vorbei. Nachts schlafen sie wie Hunderte andere auf den Gleisen. Das Schicksal führt Willy und Sayra auf dem Zug zusammen.

Sin Nombre“, das Debüt des 32-jährigen US-Amerikaners Cary Joji Fukunaga, mutet an wie ein Stoff von Shakespeare, strotzt vor expressionistischen Bildern und ist Thriller, Doku und Lovestory zugleich. Untermalt mit Musik vom brasilianischen Komponisten Marcelo Zarvos, konzentriert sich alles auf die Gesichter von Sayra (wunderbar: die mexikanische Schauspielerin Paulina Gaitan) und Willy a.k.a. El Casper (eine wahre Entdeckung: der honduranische Laiendarsteller Edgar Flores).

„Ich mag Gesichter – wie Fellini. Und Farben. Die Züge sind orange-blau, die Brücken sind orange-blau. Ich habe mal gelesen, Orange würde ankündigen, dass jemand sterben wird, also habe ich es drin gelassen“, erklärt Cary Joji Fukunaga beim Gespräch in München.

Zu „Sin Nombre“ kam er übrigens über seinen Kurzfilm „Victoria Para Chino“. Die Story von einem Kühllaster, in dem 80 illegale Immigranten beim Versuch, über die mexikanische Grenze nach Texas zu flüchten, starben, hatte er in der Zeitung gelesen. „Ich war betroffen und wollte das soziale Gewissen der Zuschauer wecken, ihnen das Gefühl geben, sie säßen mit den Flüchtlingen im Lkw.“ Der Film räumte beim Sundance Festival Preise ab, eine Filmfirma nahm Fukunaga unter Vertrag. Der schmiss sein Studium, heftete sich an die Fersen von Flüchtlingen, reiste mit ihnen auf Zügen, sprach mit Gang-Mitgliedern im Gefängnis – heraus kamen Idee und Drehbuch zu „Sin Nombre“. Fühlten die Flüchtlinge sich nicht benutzt? „Nein, sie waren froh, dass jemand ihre Geschichte erzählen wollte.“ Hatte er gar keine Angst um sein Leben? Kannte er den ermordeten Christian Poveda? Der Kriegsberichterstatter Christian Poveda drehte „La Vida Loca“, eine
sehenswerte Doku über die „Maras“ in El Salvador. Er wurde 2009 angeblich von einem Gangmitglied ermordet. „Nein, ich hatte keine Angst. Ich verstand mich ja gut mit den Gangs. Ich denke, Poveda tat das auch. Mir scheint, man lastet den Gangs zu schnell sämtliche Verbrechen an, weil das für die Öffentlichkeit manchmal einfacher zu verkraften ist.“ Als Nächstes will Fukunaga vielleicht ein Märchen-Musical drehen. Im Netz wird gemunkelt, dass er sich auch an Charlotte Brontës „Jane Eyre“ versuchen möchte.
 
Sin Nombre
MEX/USA 2009
R: Cary Joji Fukunaga; D: Edgar Flores, Paulina Gaitan, Kristyan Ferrer; 29.04.



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aus Intro #182 (Mai 2010)
 
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