Atom Egoyan / Chloe
Die Ausnahme bestätigt den Regisseur
19.03.2010, 12:21, Text:
fabian wolff
Atom Egoyan ist ein kanadischer Regisseur armenischer Herkunft, der seit 25 Jahren Filme dreht. Für "Das süße Jenseits" bekam er 1997 in Cannes den Grand Prix der Jury. Fabian Wolff sprach mit ihm über sein Remake "Chloe" mit Amanda Seyfried als Callgirl zwischen den Fronten.
"You shouldn't let other people get your kicks for you." (Bob Dylan)
Atom Egoyans Filme spielen in der Grauzone zwischen Lüge und Wahrheit, Sehen und Berühren, Trauma und Erlösung. Am Ende wartet Ambivalenz. Not an easy sell, um es in Hollywoodspeak zu sagen. Was soll man da von "Chloe" halten? Starbesetzung und auf Anrüchigkeit spekulierende Promo - riecht nach Sell-out. Eigentlich.
Es beginnt als Beziehungsdrama: Seit zwanzig Jahren sind die Stewarts verheiratet - Catherine (Julianne Moore) ist Ärztin, David (Liam Neeson) zwischen New York und Toronto pendelnder Musikprofessor. Ihr 17-jähriger Sohn ist ein Klaviertalent, hasst jedoch seine Mutter. Und überhaupt sitzt die Ehe genauso schlecht wie das Kleid, das Catherine trägt, als sie David zum 50. Geburtstag mit einer großen Party überraschen will. Der verpasst den Flieger - sagt er. Und dann findet seine enttäuschte Frau eine verfängliche SMS von einer Studentin. Knacks. Doch sie findet Hilfe bei Chloe (die überraschende Amanda Seyfried), einem Callgirl. Catherine engagiert sie, ihren Mann zu verführen. Wie weit wird er gehen?
Bis dahin ist das der Plot von "Nathalie ...". Das französische Original mit Gérard Depardieu und Emmanuelle Béart stammt aus dem Jahr 2004. Auch noch ein Remake nach fremdem Skript? Doppel-Sell-out. Im Interview relativiert Egoyan sanft: "Ich lese oft Drehbücher, bei denen ich denke: 'Macht einen Film draus, ich seh ihn mir gerne an.' Das Buch von Erin war das erste, dem ich ein Jahr meines Lebens opfern wollte." Erin, das ist Erin C. Wilson, die schon mit "Secretary" bewiesen hat, dass sie was von Kink versteht: spitze Dialoge, Psycho-Sex-Gefilde und seelische Verletzungen - scheint doch ganz gut zu passen.
Chloe gelingt ihr Auftrag. "Soll ich jetzt erleichtert sein?" fragt die betrogene Catherine und meint es nicht rhetorisch. Denn die Geschichten, die Chloe von den Eskapaden mit David erzählt, bestätigen nicht nur ihre Ängste, sondern sind auch erregender Freifahrtschein. Die sich daraus ergebenden Verwicklungen sind ganz aufregend, aber Egoyan, der eigentlich als Humanist gilt, ist nicht wirklich würdig. Verrat und Ausverkauf - misogyner Trash gar, Fatal Attraction mit Joe Eszterhas'scher Dämonenschlampe? "Nein, ich habe große Sympathie für Chloe. Sie ist nicht böse. Ja, sie verhält sich wahnsinnig. Aber das ist Liebe: Wahnsinn."
Egoyan steht also zu seinem Film, betont aber auch, dass er "eine Ausnahme" bleibe. Er muss sich nicht schämen. "Chloe" kommt wie ein billiges Klischee daher, ist aber unverkennbar persönlich, angetrieben von Egoyans alten Fragen genauso wie vom Spaß am Hochglanz: Alle belügen sich selbst, und Amanda Seyfried zieht sich aus. Doppelbödiger Kommerz - heimliche Kunst.
Chloe (USA/CDN/F 2009; R: Atom Egoyan; D: Julianne Moore, Liam Neeson, Amanda Seyfried; 15.04.)
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