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Wall Street 2: Geld schläft nicht

Hai oder Heuschrecke?

17.03.2010, 15:51, Text: Christian Werthschulte

Vernünftige Kritik steht nicht hoch im Kurs, wenn öffentlich die Finanzkrisen der globalisierten Welt diskutiert werden. Christian Werthschulte nimmt die Fortsetzung von Oliver Stones Börsenfilm "Wall Street" mit dem Untertitel "Geld schläft nicht" zum Anlass, um Bilanz zu ziehen: Wie verhält sich die Story von Gordon Gekko zur Wirklichkeit?

Mittlerweile ist die Finanzkrise ein eingespieltes Ritual. Pünktlich zur Bilanz-PK einer beliebigen Großbank kocht der Volkszorn auf Banker und Boni hoch und wird von Politikern befeuert, die von ihrer Mitverantwortung für die Krise ablenken, indem sie "Heuschrecken" und "Gier" für das Kollabieren der Märkte verantwortlich machen. So weit, so business as usual.

Gordon Gekko hätte sich davon nicht beeindrucken lassen. "Greed, for lack of a better word, is good", entgegnet der Protagonist von Oliver Stones "Wall Street" auf der Aktionärsversammlung eines Papierunternehmens den Vorwürfen, dass er sich an dem altehrwürdigen Unternehmen nur bereichern wolle. Gekko (Michael Douglas) ist die Verkörperung des Börsenhais: ein Investor, der sein Vermögen durch dubiose Aktiengeschäfte vermehrt und mit den Insignien des Erfolgs - sein Pool, seine Frau, seine Kunstsammlung - prahlt. Damit wird Gekko zum Vorbild des jungen Brokers Bud Fox (Charlie Sheen), der aus der Arbeiterklasse von New Jersey stammt und sich mit mäßigem Erfolg an der Wall Street durchschlägt. Es kommt, wie es kommen muss. Bud erschleicht sich die Gunst seines Idols, indem er ihn mit Insiderinformationen aus der Airline versorgt, bei der sein Vater Carl (Martin Sheen) Gewerkschaftsführer ist. Von diesem Zeitpunkt an ist er als williger Ziehsohn in die illegalen Geschäfte Gekkos verwickelt. Als Gekko die Firma von Buds Vater zerschlagen will, muss er sich zwischen Karriere und Familie entscheiden und wendet Gekkos Börsentricks gegen diesen selbst. Das Resultat: Gekko und Bud landen wegen Insidergeschäften im Knast, doch Buddys Gewissen ist sauber, er endet als amerikanischer Held.


"Wall Street" inszeniert das Pendeln des aufstiegswilligen Bud in die Penthouses von Manhattan bemerkenswert einfältig: hier das bodenständige Arbeitermilieu voll rauchender und fluchender Männer mit seiner urwüchsigen Solidarität, dort das vulgäre Zurschaustellen sämtlicher Kapitalformen auf der Spielwiese der Brokerjungs. Fast wirkt der Film wie eine Jukebox, aus der abwechselnd Springsteen und billiger Synthiepop quellen, um die 80er-Jahre so originalgetreu wie möglich abzubilden. Was natürlich nur die halbe Wahrheit ist, aber die Geschichte der vielfältigen Subkulturen New Yorks kommt im Film nur als Wandbehang und Investitionsobjekt auf dem Kunstmarkt vor.
Trotzdem war "Wall Street" ein Riesenerfolg bei Publikum und Kritikern. Michael Douglas konnte mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller nach Hause gehen. Roger Ebert, der Filmkritiker der Chicago Tribune, wollte sogar eine "radikale Kritik der kapitalistischen Handelsmentalität" entdecken, weil der Film das Wertesystem der Börse in Frage stelle. Keine Frage, "Wall Street" ist ein Kind seiner Zeit. Als der Film im Dezember 1987 anlief, erholte sich die amerikanische Börse gerade vom sog. "schwarzen Montag", an dem der Dow Jones 22 % seines Wertes verloren hatte. Dieser Schock saß besonders tief, weil nach der neoliberalen Wende Anfang der 80er die Profitraten des Finanzsektors einen Weg aus der seit 1973 immer offensichtlicher werdenden Krisenhaftigkeit der US-Wirtschaft aufzeigen sollten. Regisseur Oliver Stone machte vor diesem Hintergrund, was er immer tut: Er verlegte das historische Geschehen von der Weltbühne in die Büros und Hinterzimmer "großer" Männer. Das Vorbild für Gekko gaben zwei Börsenmakler, die 1986 wegen illegaler Geschäfte verurteilt worden waren. Und auch der Ende April anlaufende Nachfolger "Wall Street 2: Geld schläft nicht" stellt Gekkos Geschichte nach dessen Haftentlassung in den Vordergrund, den Hintergrund bilden die Madoff-Affäre und der Rettungsschirm für die Banken. Stone besuchte für die Recherchen gemeinsam mit seinen Schauspielern ehemalige Banker und Ökonomen, um den Film so authentisch wie möglich zu gestalten.



Das dürfte einen unterhaltsamen Abend im Kino garantieren, aber es hat so wenig politische Brisanz wie eine Stunde lang Frank Plasberg schauen. Die Herrschaft einer Abstraktion wie das Kapital lässt sich nicht an Einzelpersonen festmachen - egal, wie überzeugend die Performance ist. Was nicht bedeutet, dass man ihr wehrlos ausgesetzt ist. Wer die Möglichkeit kollektiven Handelns ausblendet, geht den Verhältnissen auf den Leim. Der Ökonom James Heartfield hat neulich darauf hingewiesen, dass nicht der Spaß am Risiko, sondern übermäßige Vorsicht die Unternehmen dazu gebracht hat, ihr Geld auf den Finanzmärkten zu investieren. Denn in der Produktion ist es schwieriger als auf dem Aktienmarkt, Profit zu erzielen: Equipment muss gewartet und ersetzt werden, und die ArbeiterInnen könnten ihre Subjektivität entdecken und streiken. Im ersten Teil von "Wall Street" weigert sich Buddys Vater, der Gewerkschaftsführer, noch, Gekkos Pläne mit seinem Unternehmen zu unterstützen. Für die Fortsetzung fehlt Oliver Stone solch ein Vorbild. Die US-Gewerkschaft United Auto Workers hat in den letzten Jahren dem Abbau von 68.000 Stellen bei General Motors und Ford zugestimmt, nachdem sie mit ihrem Pensionsfonds Aktien der Unternehmen gekauft hatte.



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aus Intro #181 (April 2010)
 
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