Crazy Heart
Wrestler mit Gitarre
19.02.2010, 16:24, Text:
Markus Hablizel
Jeff Bridges ist vielen vor allem in seiner Rolle als White Russian saufender Jeffrey "The Dude" Lebowski aus dem Coen-Film "The Big Lebowski" bekannt. Von nun an dürfte er genauso stark mit Bad Blake identifiziert werden, dem Helden in Scott Coopers filmischer Country-Ballade "Crazy Heart". Markus Hablizel erklärt, was an der Geschichte sonst noch hörens- und sehenswert ist.
„I knew you couldn’t win, I told you from the start / Go on and break your crazy heart", moralisiert Hank Williams dem Hörer in "Crazy Heart" ins Ohr. Einer seiner ergreifendsten Songs. Wer Williams’ persönliche Geschichte auch nur in Ansätzen kennt, weiß, dass er in Wahrheit zu sich selbst singt. Zu einem, der immer wieder Anlauf nimmt, sich aber jedes Mal wieder sein verrücktes Herz bricht – zum letzten Mal, keine 30 Jahre alt, dann endgültig durch einen Cocktail aus Alkohol und Drogen auf dem Rücksitz seines Cadillac.
Der alte Mann und das Nest
Bad Blake ist kein Hank Williams, die Zeiten sind andere. Aber wer weiß, vielleicht wäre aus Hank Williams ein Bad Blake geworden. Ein alternder ehemaliger Countrystar, an Vierschröter vom Zuschnitt Merle Haggards gemahnend, der mutterseelenallein in seinem rostigen Truck durch die Lande tingelt, um in Bowlingcentern und schäbigen Bars für ein paar Dollar zu spielen. Im Rückspiegel immer sein früheres glamouröses Leben. Essen frei, so viel Bowling, wie er will, aber kaum Geld für eine Flasche seiner Hausmarke. Es sei denn, einer seiner Fans erbarmt sich und gibt ihm einen aus. Mit dem Resultat, dass die gemietete lokale Band alleine weiterspielen muss, während Blake hinter der Bühne in einen Mülleimer kotzt, um anschließend seine Sonnenbrille aus der Suppe zu fischen. Morgens wacht Blake neben schnarchenden Groupies auf und muss nicht erst in den Spiegel schauen, um zu wissen, was ihn dort erwartet. Doch eines Abends taucht eine junge hübsche Journalistin auf, die sich mit der Geschichte von Country auskennt und ihn interviewen möchte. Blake ziert sich erst, gibt spärliche Antworten und versucht seinen bemitleidenswerten Zustand mit Charme von vorgestern zu übertünchen. Und bevor die Liebesgeschichte zwischen den beiden losgeht, weiß man schon, dass das nächste Drama, die nächste Enttäuschung, das nächste gebrochene Herz schon um die Ecke wartet. Da muss irgendwo ein Nest sein.
Bridges Over Troubled Water
Jeff Bridges ist brillant in der Rolle des Bad Blake und nicht umsonst für einen Oscar für die beste männliche Hauptrolle nominiert. Maggie Gyllenhaal in der Rolle der jungen Journalistin Jean Craddock wurde für die beste weibliche Nebenrolle mit einer Nominierung belohnt. Doch nicht nur Jeff Bridges ist wie für die Rolle geschnitzt, auch Robert Duvall in der Rolle eines Barbesitzers, Anglers sowie Blakes besten Freundes sitzt perfekt. Man weiß nicht genau wie, aber irgendwie schaffen es die beiden, die in die Jahre gekommene Karre ihres Lebens nicht komplett vor die Wand zu fahren, und wissen insgeheim, dass es nie zu spät ist, es doch noch einmal zu versuchen. Was nicht heißen soll, dass späte Chancen nicht doch wieder mit einem gebrochenen Herzen enden. Aber vielleicht überlebt wenigstens die Leber.
Arschtritt-Musik
"Crazy Heart" trägt nicht umsonst den Titel eines Hank-Williams-Songs. Die von T-Bone Burnett besorgte Musikauswahl bildet die reale musikalische Klammer für die Fiktion Bad Blake. Neben Townes Van Zandt, den Louvin Brothers, Waylon Jennings und Lucinda Williams treten auch Jeff Bridges und Robert Duvall höchstselbst vors Mikrofon und machen ihre Sache nicht schlecht. Das musikalische Herzstück ist jedoch "The Weary Kind" des stimmlich ganz vorzüglich früh vergreisten Ryan Bingham. Dieses Leben hat keinen Platz für die Abgeschlagenen, die Müden, die Gescheiterten. Und doch bevölkern sie Myriaden an Countrysongs, stehen an Theken und auf Bühnen, teilen sich das Bett mit jenen, denen sie am nächsten Morgen das Herz brechen werden, und trinken auch morgen wieder das ewige Glas zu viel. Solche Geschichten mögen nicht neu oder besonders überraschend sein. Aber genau das sollte man weder von einem Countrysong noch von einem Film, der wie ein solcher funktioniert, erwarten. Es geht darum, durch gutes musikalisches und filmisches Handwerk eine Projektionsfläche für unser eigenes (potenzielles) Scheitern, unsere Abgeschlagenheit, Müdigkeit etc. zu schaffen. Vielleicht kriegen wir den Arsch ja hoch – gemeinsam. Wer das nicht begreift, ist verrückt und hat kein Herz.
Gerbrochenes Herz
Fast hätte es auch in Sachen VÖ gebrochene Herzen gegeben, wäre aus diesem mit sieben Millionen Dollar relativ gering budgetierten Film doch um ein Haar eine Straight-to-DVD-Veröffentlichung geworden: Country Music Television hatte den Film produziert, doch Paramount Pictures hatte kein Interesse am Vertrieb und veräußerte "Crazy Heart" an die Agentur, die Scott Cooper, den Autor und Regisseur des Films, repräsentiert. Gerade noch rechtzeitig für die Oscar-Qualifikation verkaufte man an Fox Searchlight und wurde am 2. Februar mit gleich drei Nominierungen belohnt, nachdem es schon einen Golden Globe und einige Nominierungen für kleinere Filmpreise gehagelt hatte.
Crazy Heart (USA 2009;R: Scott Cooper; D: Jeff Bridges, Maggie Gyllenhaal, Robert Duvall; 04.03.)
Intro präsentiert: "Crazy Heart" - Previews: Alle weiteren Infos hier.
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