Fatih Akin / Moritz Bleibtreu / Soul Kitchen
Irgendwie nostalgisch
23.11.2009, 15:54, Text:
Lars Brinkmann, Foto: Katja Ruge
Fatih Akin ("Kurz und schmerzlos", "Gegen die Wand") gehört zu den preisgekrönten Regisseuren dieser Welt, die sich nicht mit dem kleinen Finger zufrieden geben, der ihnen vom Establishment gereicht wird. Fatih Akin will auch nicht die ganze Hand. Er will auf eigene Faust mit seinen Kumpels etwas auf die Beine stellen, für das er sich auch in hundert Jahren nicht schämen muss. Mit "Soul Kitchen" kommt er der eigenen Vision näher denn je. Der Film über ein schräges Etablissement im Hamburger Elbinsel-Vorort Wilhelmsburg und dessen Mikrokosmos besticht mit Leichtigkeit und sozialer Verankerung. Intro-Autor Lars Brinkmann traf Akin und Darsteller Moritz Bleibtreu zum exklusiven gemeinsamen Interview. Wo? In Hamburg natürlich ...
Was war denn bei diesem Film, von dem du zunächst dachtest, er sei "leicht zu machen", das Schwierigste?
Fatih Akin: Irgendwie war das alles schwer. Erst mal, guck mal, wie viel Sprechrollen es da gibt. Es gibt Adam, dann hat er 'n Bruder, der gerade aus dem Knast kommt, den Koch, dann gibt's die Kellnerin, die Ex-Freundin, die Krankengymnastin, dann gibt's den Stammgast, noch 'n Kellner, den Spekulanten, Wotan - also hast du neun, zehn Sprechrollen, die du echt so bedienen musst. Die du pflegen musst. In schlimmsten Zeiten hast du acht Figuren in einer Einstellung. Das fand ich echt schwer - den Figuren so irgendwie gerecht zu werden. Und dann habe ich mich eben in den Drehort verliebt, in diese Halle. Von außen sah die einfach geil aus, wie so'n Schiff.
Steht die Halle eigentlich wirklich in Wilhelmsburg?
FA: Ja, das ist in Wilhelmsburg. Und das Ding war riesig. Okay, gut: Wie können wir das verkleinern? Also ziehen wir 'ne Wand, und dann wohnt auf der anderen Seite sein Untermieter. Das war nicht so geplant. Wir haben das gemacht, um den Raum zu verkleinern. War aber immer noch zu groß. Du hast da 70 Komparsen reingepackt, und das Ding war noch immer leer. Später sind da doch diese aufsichtigen Einstellungen, ... 220 Komparsen kommen da rum! Und die Leute müssen alle ernährt werden, die Leute müssen alle auf Toilette gehen - Dixis kannst du da auch nicht hinstellen, so im Winter. Du brauchst also beheizte Toiletten, damit der Arsch auch warm sitzt. [allgemeine Heiterkeit] Die Leute müssen angezogen werden, ernährt werden - du musst dich um die Leute kümmern. Das war schon 'n Akt. Plus, das war das Schwierigste: Das Drehbuch war einfach noch nicht fertig, als wir losgelegt haben ... Wir haben halt früh angefangen, weil ... Ich wollte noch die braunen Blätter an den Bäumen einfangen. Die fallen, jeden Tag fallen mehr runter, und irgendwann krieg ich keine mehr - ich wollte halt ein' Herbst-Schuss haben.
Und der Best Boy zum Rankleben der Blätter war gerade nicht verfügbar?
FA: Jaha, oder der muss das dann digital machen. Nee, also mussten wir anfangen, ohne fertiges Buch. Normalerweise bin ich so vorbereitet: Ich komm ans Set, und wenn auf der Dispo steht, um 18 Uhr ist Schluss, dann ist um 17 Uhr Schluss. Ich weiß, was ich will, ich habe alle Einstellungen mit meinem Kameramann schon erarbeitet, die Schauspieler kennen ihren Text, wir haben das vorher monatelang geprobt, alles klar. Hier war das aber nicht so. Wir haben das zwar geprobt und die Einstellungen vorbereitet, nachts hatte ich aber meine Momente und habe alles umgeschrieben. Am nächsten Tag komm ich ans Set und sag: "So, wir machen alles anders: Kamera nicht dahin, sondern dahin." Was heißt das? Zwei Stunden umleuchten. Dazu Texte umschreiben. So etwas frisst Zeit: Aus 12-Stunden-Tagen wurden 15-, 16-, 17-, 18-Stunden-Tage. Aber ich bin ja Produzent. Ich sag also: Okay, gut, wir brauchen mehr Zeit, also kauf ich mir mehr Zeit.
Und was sagt Klaus [Maeck, Ko-Produzent] dazu ...?
FA: Der sagt dann: "Ey, pass ma auf, ich supporte dich" - Klaus ist ein guter Manager.
Gibt es vor der Szene, in der Moritz das Restaurant verspielt, einen Hinweis darauf, dass die Figur des Illias ein Problem mit Spielen hat? Oder geschieht das aus dem Moment heraus, ist das einfach jemand, der, wenn er so etwas macht, auch aufs Ganze gehen muss?
Moritz Bleibtreu: Ist das geplottet?
FA: Joa, irgendwie schon ...
MB: Na ja, das ist natürlich jetzt nicht so in your face / ZDF-mäßig - aber gut, du hast halt ständig die Nummer mit dem Zwanni, der Typ ist von Anfang an etwas shady. Keiner weiß so genau, was sein Problem ist. Du hast das Kreuz, das er einmal weggibt. Ist die Knastszene nicht auch vorher? Ist lustig, dass du das anmerkst, ich hab das nie so wahrgenommen. Es ist halt dezent, du siehst nicht vorher, wie er da sitzt und Haus und Hof verspielt.
Er wirkt auf mich wie jemand, der nach gewissen Grundsätzen handelt und so etwas wie einen Ehrenkodex pflegt. Jemand, auf den man sich verlassen kann, wenn er sich mit dir auf eine Sache verständigt hat. Darum war ich überrascht, wie er das in ihn gesetzte Vertrauen wortwörtlich verspielt.
FA: Was in your face ist: Er geht nicht zur Arbeit, und er verzockt sein Kreuz - er verzockt ja letztendlich Jesus Christus, sein' Glauben, seine Identität -, er geht ins Pfandhaus, um Pferdewetten abschließen zu können. Und verliert dann ja auch Jesus. Muss seinen Bruder am nächsten Tag nach einem Zwanni fragen, um ihn wieder zurückzubekommen. So habe ich halt versucht, den vorzuplotten. Damit man nicht aus allen Wolken fällt, wenn er nun den Laden verzockt, sondern im günstigsten Fall ruft: "Tu's nicht! Tu's nicht! Hör auf!"
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