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Avatar

Fantastische Kulturgeschichte

20.11.2009, 16:34, Text: Gabriele Scholz

Sich neu erfinden und selbst verwirklichen: Was für die Hauptfigur in James Camerons Fantasy-Buster "Avatar" gilt, lässt sich auch auf dessen Medium beziehen: Der 3-D-Effekt ist zurück im Kino, und seit "Der Weiße Hai 3" hat sich einiges getan.

"Ich seh in 3-D" war gestern; "mit offenen Augen träumen", wie es James Cameron kürzlich formulierte, lautet die Zukunft des Kinos.


In den Fünfzigerjahren gab es eine kurze Blüte des 3-D-Kinos: Die Zuschauer setzten sich lustig rot-grüne Pappbrillen auf, mit deren Hilfe sie sich beispielsweise von dem Horrorklassiker "Der Schrecken vom Amazonas" so richtig in den Bann ziehen lassen wollten. Rasch wich jedoch die Angst vor dem unheimlichen Kiemenmenschen - infolge unklarer Bilder - Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen.

Zur Vorführung des Films hatte man damals übrigens zwei Kopien benutzt, je eine, die das Bildmaterial für das rechte und für das linke Auge lieferte. Ganz anders heute, wo nur noch eine Filmkopie benötigt wird. James Cameron, Schöpfer des 230 Millionen Dollar teuren 3-D-Trips "Avatar", ließ eine Digitalkamera entwickeln, bei der zwei Kameras - wie die Augen des Menschen - nebeneinander sind. Bei der Vorführung werden die beiden versetzt aufgenommenen Bilder dann gleichzeitig auf die Leinwand geworfen, durch eine Brille mit polarisierten Gläsern sieht jedes Auge nur das für es bestimmte Bild - die restliche Arbeit leistet das Gehirn.

Brillanz und Klarheit sorgen dafür, dass die sehbedingten Stresssymptome beim Zuschauer ausbleiben. Übrigens entwickelt der Brillenkonzern Luxottica, zu dem auch Ray-Ban gehört, bereits individuelle Modelle, die auch als Sonnenbrille funktionieren, sodass man sich beim Kinobesuch keine 3-D-Brille mehr ausleihen muss ... Revolutionäre 3-D-Effekte machen ja aber noch keinen tollen, womöglich stilbildenden Film, doch auch in dieser Hinsicht wird man von "Avatar" nicht enttäuscht:
Der Blockbuster variiert ein faszinierendes Thema, wie wir es beispielsweise auch aus dem atemberaubenden Klassiker "Lawrence von Arabien" kennen: Ein Mann, in diesem Fall der querschnittsgelähmte Soldat Jake Sully (Sam Worthington), hat schon lange nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Als sich ihm die Möglichkeit bietet, zu militärischen Zwecken - im Körper eines von ihm mental gesteuerten Avatars - in eine gänzlich fremde Kultur einzutauchen, willigt er rasch ein und lernt dann die Lebensweise der anderen zutiefst zu schätzen ...


Der Film spielt im 22. Jahrhundert. Die Ressourcen der Erde sind erschöpft. Auf dem weit entfernten Planeten Pandora existiert ein wertvoller Rohstoff namens Unobtanium. Zwar ist der Mond faszinierend schön, die Luft aber ist giftig, und die Vegetation, die Tiere und die einheimischen Na'vis - drei Meter große blaue Kreaturen, die im Einklang mit der Natur leben - sind den menschlichen Eindringlingen extrem feindlich gesinnt. Aus diesem Grund wurde ein von der Wissenschaftlerin Dr. Augustine (Sigourney Weaver) geleitetes Projekt initiiert, für das genetisch manipulierte Hybride aus menschlicher und Na'vi-DNA erschaffen wurden - das menschliche Gehirn und die Gefühlsrezeptoren sind über eine spezielle Technologie mit dem Avatar-Körper verbunden. Diese gentechnisch erzeugten Klonwesen, die von Soldaten auf der Erde ferngesteuert werden, sollen die dschungelartige Welt von Pandora auskundschaften.

Während seiner Erkundungen trifft Jakes Avatar zwar nicht auf Eisberge, da der Regisseur von "Titanic" aber genau um die Kraft einer gut erzählten Liebesgeschichte weiß, verliebt sich der Ex-Marine in die Na'vi-Frau Neytiri, durch die er die Kultur der Ureinwohner kennenlernt. Mehr als verblüffend ist auch eine Szene, in der sich Jake eine Pterodactylus-artige Kreatur untertan macht, um sie fortan als Lufttransportmittel zu nutzen. Solche, aber auch ruhigere Momente, in denen sich Jakes Avatar - diese höhere Inkarnation seiner selbst - im nächtlichen Dschungel wiederfindet und mit der fluoreszierenden Natur zu identifizieren beginnt, geben einem das traumhafte Gefühl, man lebe auch das Leben eines Avatars. Wow - das muss man selbst gesehen haben!

Wie zu erwarten, gerät der Plan, eine andere Kultur auszulöschen, nach und nach außer Kontrolle. Mehr und mehr stellen wir uns die Frage, ob es Jake Sully gelingen kann, sich von seinem Körper auf der Militärstation zu lösen, um nur noch in seinem Na'vi-Körper zu existieren ...
Hasta la vista, 2-D-Kino?

Avatar - Aufbruch nach Pandora (USA 2009; R: James Cameron; D: Zoe Saldana, Sam Worthington, Sigourney Weaver, Michelle Rodriguez; 17.12.)


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aus Intro #178 (Dezember 2009/Januar 2010)
 
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