Kino und Gespenster - Ghost In The Machine Artikelbild (groß)

Kino und Gespenster

Ghost In The Machine

30.10.2009, 13:59, Text: Tim Stüttgen, Foto: Nora Halpern

Die Seele in der Silberschicht kommt nicht selten als Zombie oder etwas anderes Monströses zum Vorschein und geistert Furcht einflößend über die Leinwand. Vom gespenstischen Medium Kino an und für sich sowie den untoten Körpern, die es abbildet, berichtet Tim Stüttgen.

"Das kommerzielle Kino beschäftigt sich mit Leben und Tod und in letzter Zeit immer häufiger mit Nachleben, Überleben und parallelem Leben. Es geht um ein Leben, das weder historisch verankert noch vollkommen menschlich ist. Es ist weder in der Natur noch in der Technologie zu Hause."
(Thomas Elsässer)

Dass das Kino dem Traum sehr nahe ist - und damit auch allen möglichen Albtraumvarianten bis hin zum Terror des Traumatischen -, haben sich nicht erst die Surrealisten gedacht. Schon der Kunstwissenschaftler, Gestaltpsychologe und frühe Filmtheoretiker Rudolf Arnheim (der mehr als ein Jahrhundert Kino erlebte: er starb 2007 im Alter von 102 Jahren) verankerte das Kino im Unbewussten. Er sprach sich für den Film als fantastische und nicht als realistische Kunst aus. So trägt eine seiner Textsammlungen nicht ohne Grund den schönen Titel "Die Seele in der Silberschicht". Doch ob es in den Geburtsjahren des Kinos nicht gerade der Realitätseffekt war, der die bewegten Bilder Ängste erzeugen ließ, nämlich weil sie "so echt wirkten" - darüber ließe sich endlos diskutieren.


Schon als die Brüder Lumière 1895 begannen, ihre ungeschnittenen Alltagsaufnahmen vor französischem Publikum zu zeigen, und im Jahr darauf in "L'Arrive D'Un Train En Gare De La Ciotat" ("Die Ankunft eines Zuges am Bahnhof La Ciotat", 1896) einen Zug auf der Leinwand dem schreienden Publikum entgegenrasen ließen, hatte das Kino aufgrund beider Qualitäten - das Leben aufzunehmen wie auch das Unbewusste durch unlebendige Technik lebhaft erscheinen zu lassen - bereits sein gespenstisches Image inne.


Schlicht gesagt kann das Kino nämlich Leben aufzeichnen und speichern - und damit beim menschlichen Publikum wiederum lebendige Effekte (Lachen, Weinen, Erregung) hervorrufen. Dies stimmt besonders für den Horrorfilm, den die Filmwissenschaftlerin Linda Williams nicht ohne Grund (neben Porno und Melodram) als Body-Genre bezeichnet hat.

Wie hieß es auf einer der Schrifttafeln in "Nosferatu - eine Symphonie des Grauens" (1922), dem Stummfilmklassiker von Friedrich Wilhelm Murnau? "Er ging über die Brücke, und dann kamen ihm die Gespenster entgegen." Doch glaubt man dem Ideologiekritiker und Adorno-Kumpel Kracauer, sprach gerade das deutsche expressionistische Kino schon lange von etwas anderem als dem eigenen technischen Medium. Er sah in den Geistern des deutschen Films (man denke an teuflische Verführer wie Robert Wienes "Dr. Caligari" 1920 und Fritz Langs "Dr. Mabuse" 1922) eine Ankündigung der manipulativen Gewalt des Faschismus.
Doch das Kino wiederholt sich. Alle paar Jahre kommen die Gespenster und Monster, Vampire und Zombies wieder, ganz wie Sigmund Freud es in seiner Theorie zur Wiederkehr des Verdrängten erwartete. Ständig änderten sich ihre Bedeutungen, je nach Kontext und Publikum, politischem Klima und historischer Situation. Beispielsweise wurden Zombies immer wieder zu Statthaltern verschiedener Unterdrückter. So erzählte "White Zombie" (1932) offen nicht nur von den Untoten-Mythen auf Haiti, sondern auch von den kolonialistischen Sklavenplantagen an einer Zuckermühle, wo die Zombies als entrechtete Arbeiter ihre sinnlose Existenz pflegen.




1 | 2 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
aus Intro #177 (November 2009)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]