Die Anwälte
... der Toten
19.10.2009, 11:30, Text:
linus volkmann
Die unlängst aufgetauchten Stammheim-Prozesstonbänder bewiesen lautstark, wer die eigentlichen Akteure waren, als vor Gericht um und gegen den Rechtsstaat gefightet wurde: ''Die Anwälte''. Die Doku von Birgit Schulz widmet sich den drei prominentesten Karrieren, die 68 ihren Anfang nahmen: Schily, Ströbele, Mahler.
Ein Foto vor Gericht in den frühen 70er-Jahren rückt drei Anwälte auf nächste Nähe zusammen: Hans-Christian Ströbele, Horst Mahler, Otto Schily empören sich gleichermaßen über das empfundene und geteilte Unrecht der Zustände. Schauplatz: die von der jungen Generation, drängenden Fragen nach der Vergangenheit und Terrorismus herausgeforderte BRD. Das Bild setzt mitten im Konflikt an.
Schily und Ströbele verteidigen Mahler, der bereits die Robe gegen die Bombe getauscht hatte. So weit, so Guido Knopp. Doch die unaufgeregte Doku von Birgit Schulz hat mehr zu bieten als Chronologie, die immer gleichen schwarz-weißen Straßenkampf-Visuals und den Stones-Soundtrack. Nur provisorisch chronologisch ist der Rahmen und lässt durch Leerstellen bei der sonstigen Ereignisaufsagerei seinen drei Figuren allen Raum. Schonungslos gegenüber sich selbst, respektvoll gegenüber den Kollegen erfährt man, wie alles so auseinandergehen kann, wenn man doch mal dasselbe wollte. Schily entschied sich bekanntermaßen für die Macht und stieß mit seiner Pragmatik, die aus dem ehemaligen RAF-Anwalt einen Innenminister mit Lauschangriff-Visionen machte, viele Weggefährten vor den Kopf. Kein Vergleich natürlich zum pathologischen Drift Horst Mahlers: Der einstige APO-Anwalt fand im Knast zu Hegel und in den 90ern zur NPD.
Lediglich Ströbeles Biografie wirkt mit dem ungebrochenen Pazifismus und Gerechtigkeitsfetisch stringent und ließe sich per Fahrrad nachreisen. Das alles verwebt der Film mit ganz entspannter Hand. Und die Tatsache, dass man an vielen Stellen oder Figuren denkt: Die Geschichte, die da noch aufblitzt, möchte ich eigentlich auch haben, diese Tatsache beweist nur, wie einnehmend ''Die Anwälte'' funktioniert. Schily entsetzt sich zum Schluss, dass nach seinem Abschluss-Plädoyer seinerzeit noch mal Mahler als Angeklagter zu Wort gekommen sei und geschlossen hätte: ''Mit Richtern spricht man nicht, auf Richter schießt man!'' Mahler ist von den dreien und trotz des jetzigen Volkswahns nie ein Mann für die Masse geworden und sitzt dieser Tage eine Gefängnisstrafe wegen Holocaust-Leugnung ab.
Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte (D 2009; R: Birgit Schulz; 19.11.)
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