Gigante
Nachtigall, wir hören dir trapsen
24.09.2009, 12:02, Text:
Gabriele Scholz
Der argentinische Regisseur Adrián Biniez schaffte auf der Berlinale das Kunststück, sowohl die Wettbewerbsjury als auch das Publikum mit seinem Debüt ''Gigante'' zu entzücken. Dabei geht’s nur um einen Wachmann, der aus Liebe zum Stalker wird. Von Gabriele Scholz.
Hin und wieder gibt es kleine Filmjuwelen, deren Handlung kaum nachzuerzählen ist, da das von der eigentlichen Magie des Erzählten wegführt. Warum? Weil das Wichtigste zwischen den Bildern, in den Köpfen und Herzen der Protagonisten und Zuschauer geschieht – da, wo keine Film- und in diesem Fall keine Überwachungskamera der Welt hinkommt. Das Spielfilmdebüt des Argentiniers Adrián Biniez, ''Gigante'', war der Publikumsliebling und Gewinner des Silbernen Bären auf der diesjährigen Berlinale und ist so ein Film. Deshalb sei die Handlung nur unter Vorbehalt angerissen: Jara (Horacio Camandulle) ist ein Bär von einem Mann mit der Gutherzigkeit eines Kindes. Nachts arbeitet er als Wachmann in einem riesigen Supermarkt in Montevideo.
Jara redet nicht viel, lieber löst er Kreuzworträtsel vor seinen Monitoren, hört über Kopfhörer Heavy Metal und beobachtet mit stoischer Ruhe, wie sich die Mitarbeiter im monotonen Arbeitsalltag verhalten. Manchmal meint man die Spur eines Lächelns in seinen Mundwinkeln zu entdecken, wenn er zuschaut, wie sich zwei Hitzköpfe im Lager mit Lebensmitteln bewerfen oder eine Angestellte eine Tüte Polenta mitgehen lässt. Doch als er eines Nachts die lebenslustige Putzfrau Julia (Leonor Svarcas) bei der Arbeit beobachtet, ist er merkwürdig berührt.
Nachtigall, wir hören dir trapsen ... Dieses ihm unbekannte Gefühl wird allmählich zur Obsession. Er beginnt, Julia auch außerhalb des Supermarktes unauffällig zu folgen. Bis es ihm dämmert, dass er sich verliebt hat, muss er jedoch noch jede Menge absurde Situationen durchstehen: So wird Jara von einem Kioskverkäufer, an dessen Stand er zur Tarnung ausgerechnet eine Strickzeitung durchblättert, genötigt, diese zu erwerben. Als er in die äußerst undankbare Position gerät, den von ihm brummig verfolgten Blind-Date-Partner seiner Angebeteten vor einer Jugendgang zu retten und hinterher mit dem Geretteten auch noch einen trinken gehen zu müssen, erfährt er, dass ''seine'' Julia auch auf Heavy Metal steht.
Spätestens ab jetzt hofft jeder im Kinosaal, dass Jara sein beschauliches Stalker-Dasein aufgeben möge, um sich ins Fahrwasser der Liebe zu begeben. Ob Jara, der keine großen Worte macht, aber zu großen Gefühlen fähig ist, sich Julia offenbart? Wer sich heutzutage noch von Songs von Distelmeyer bis Biohazard berühren lässt, dem sei dieser Film ans Herz gelegt.
Gigante (RDU/RA/D 2009; R: Adrián Biniez; D: Horacio Camandulle, Leonor Svarcas, Fernando Alonso; 01.10.).
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