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Antichrist

Paradise Lost

11.09.2009, 16:20, Text: Gabriele Scholz
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Lars von Trier stellt die Frage aller Fragen: Was, wenn die Welt von Satan geschaffen worden wäre? Oder sind es nur die Zuschauer, denen die Frage nach Ansicht seines neuesten Streichs durch den Kopf geht? Nein. "Antichrist" zeigt die Hölle auf Erden. Von Gabriele Scholz.

Diesen verstörenden Arthouse-Horror-Porno-Film sollte man sich - insbesondere als Katholik - nur anschauen, wenn man neugierig genug ist, um für eine ungewisse Zeit eine kleine dunkle Ecke seiner Seele dem Teufel zu vermieten. "Belohnt" wird man mit einem sehr persönlichen, kompromisslosen Blick eines Regisseurs auf die Hölle auf Erden, die da Natur, Mensch, ja, vielleicht auch Frau, ganz sicher aber Beziehung heißt.

Der "Antichrist" beginnt mit einer überirdisch perfekten Eröffnungsszene, gedreht in Schwarz-Weiß und Ultra-Slow-Motion, in der ER (Willem Dafoe) SIE (Charlotte Gainsbourg) zu einer Opernarie von Händel im Badezimmer vögelt, während ihr dreijähriger Sohn das Fensterbrett erklimmt, ausrutscht und sich im sanften Schneetreiben zu Tode stürzt.


Es folgt in Lars-von-Trier-typischer Manier Kapitel #1: Trauer. SIE, von Schuldgefühlen zerfressen, erleidet den totalen Zusammenbruch. Ihr Mann, der Psychiater ist, besteht darauf, sie eigenhändig zu therapieren. Seine psychische Grausamkeit kennt keine Grenzen. Er schleppt sie sogar zu dem Ort, vor dem ihr am meisten graust: zu ihrer abgelegenen Hütte mit Namen Eden, in der sie den letzten Sommer mit ihrem Sohn verbracht hat. Gedreht wurden diese Szenen übrigens - wen wundert's - in den Wäldern Nordrhein-Westfalens ...



Daraufhin schlägt der mit einem wahrhaft irren Galgenhumor "gesegnete" Regisseur die nächsten zwei Kapitel im Märchenbuch der Hölle auf. Ein sprechender Fuchs, der die Herrschaft des Chaos prophezeit. Blutegel, die durch das offene Fenster eindringen. Wie in einem Gemälde von Hieronymus Bosch kopulieren ER und SIE im stets nebelverhangenen Wald - umgeben von aus der Erde herausragenden Leichenarmen.

In diesem ganzen Wahnsinn therapiert ER stoisch weiter an seiner traumatisierten Frau herum, obwohl sie ihm zunehmend mit Ironie und Abscheu begegnet. Als sie spürt, dass er sie verlassen will, quält, foltert, verstümmelt die namenlose Eva ihn - und die Kamera schaut keine Sekunde weg. Hoffen wir nur, dass sich die unglaubliche Charlotte Gainsbourg, die hier den Gestalt gewordenen Albtraum eines jeden Mannes bis über die Schmerzgrenze hinaus verkörpert, inzwischen von ihrem schauspielerischen Martyrium einigermaßen erholt hat.

Eines aber ist gewiss: Wenn der rote Vorhang nach dem apokalyptischen Epilog des notorischen Schwarzmalers Lars von Trier fällt, hat man - selbst als "Saw"-gestählter Kinozuschauer - genug Albtraumstoff für die nächsten 666 Träume.

Antichrist (DK/D/F/I/S/PL 2009; R: Lars von Trier; D: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg; 10.09.)



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aus Intro #175 (September 2009)
 
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