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Coraline

Henry Selicks Mutprobe

22.07.2009, 18:14, Text: Alexander Dahas

Henry Selick kombiniert in seinen Animationsfilmen Horror- mit Kindergeschichten. Auch in "Coraline" beschäftigt sich der Regisseur von "Nightmare Before Christmas" mit der Dualität von Grusel und Sehnsucht. Alexander Dahas stellte den Grufti-Helden furchtlos zur Rede.

"Coraline" beruht auf einer Geschichte, die Neil Gaiman für seine Tochter geschrieben hat. Für einen Kinderfilm ist die Geschichte allerdings stellenweise ziemlich extrem ...
Das ist nichts Neues. "Coraline" steht durchaus in der Tradition von Grimms Märchen oder auch der frühen Walt-Disney-Filme. Der Film ist definitiv gruseliger als die meisten Kinderfilme, aber ich hatte nicht unbedingt das Bedürfnis, Grenzen auszutesten. Ich glaube, unsere Fantasie beschäftigt sich eh am liebsten mit unheimlichen Dingen.


Es gibt allerdings ein paar Szenen in "Coraline", die wesentlich näher an Urängsten rühren als zum Beispiel ein Folterporno à la "Saw" ...
Ja, aber man kann vor diesen Ängsten letztlich nicht geschützt werden. Die sind tief in einem drinnen. Man kann Kindern allerdings jemanden wie Coraline präsentieren, die mit der dunklen Seite fertig wird, also ihnen ein Werkzeug an die Hand geben, um ihre Ängste zu überwinden. Kinder sind wesentlich härter, als man so allgemein denkt, und sie können mit ziemlich starken Sachen umgehen. Wir sagen immer, der Film ist ab neun, aber in den Testvorführungen konnten sich auch Sieben- und Achtjährige dafür begeistern. Wir sagen aber auch ganz deutlich: Der Film ist nur für mutige Kinder.

"Coraline" scheint auch eine moralische Lektion zu beinhalten. Etwa: Misstraue dem schönen Schein ...
Sicher, es geht um Verführung. Der Lustpalast in "Coraline" ist ein Ort von Spaß und Schönheit, aber das gehört eben auch zur Fassade. Das Böse hat oft ein hübsches Gesicht und eine glänzende Rüstung, denn wenn es hässlich, unförmig und grotesk wäre, würde man sich ja nicht unbedingt dazu hingezogen fühlen. Das Böse darf nicht comichaft sein.



Selber bist du allerdings auch Comicleser. Hilft das in dem Job?
Ich merke dadurch vor allem, dass im Moment viele Graphic Novels als Realfilme für die Leinwand adaptiert werden, wobei ich das Gefühl habe, dass die eigentlich bessere Trickfilme abgeben würden. "Hellboy" zum Beispiel. Nicht, dass Guillermo del Toros Version nicht gut wäre, aber die Leute sollten sich lieber mehr auf das konzentrieren, was man mit Animation filmisch ausdrücken kann.

Und zwar?
Animation ist zum Beispiel recht musikalisch, was den Rhythmus und den Takt angeht. Es ist nicht unüblich, dass man eine Szene in der Konzeptionsphase um ein Musikstück herum aufbaut, das hinterher weggelassen wird. Die beiden gehören immer irgendwo zusammen. Man arbeitet eng mit Komponisten zusammen.

Ist dir bewusst, dass du und deine Filme in Grufti-Zirkeln geradezu Kultstatus haben?
Oh ja. Und es ist nett, an etwas zu arbeiten, das innerhalb einer Szene ein solches Eigenleben entwickelt. Die Bilder und der Edward Gorey-Stil, zu denen ich mich hingezogen fühle, gehen auch quasi Hand in Hand mit der Goth-Ästhetik.

Heißt das, du läufst selbst gerne in Schwarz rum?
Nee. Das überlasse ich lieber Neil Gaiman und Tim Burton. 

Coraline
USA 2009
R: Henry Selick; 30.07.



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aus Intro #174 (August 2009)
 
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