Love Exposure
Preview-Verlosung: Ein zeitgemäßer Pasolini
22.07.2009, 14:14, Text:
Birger Binder
Religion ist das Opium des Volkes, und die Sünde ist das Opium der Katholiken. Der japanische Regisseur Shi'on Sono nimmt sich vier Stunden lang Zeit und inszeniert eine vertrackte Beziehungskiste um Sündenfallsucht herum. Von Birgit Binder.
Oberschüler Yu führt mit seinem Vater, der nach dem Tod seiner Frau katholischer Priester wurde, ein ruhiges Leben. Eines Tages verliebt sich eine Frau namens Kaori in den Geistlichen. Yu missfällt die Verbindung, besonders Kaoris exzentrisches Auftreten.
Da hat Kaori plötzlich genug von der Warterei auf eine Hochzeit und verlässt den Priester wieder. Völlig verzweifelt lässt dieser Wut und Enttäuschung an seinem Sohn aus und zwingt ihn, von nun an jeden Tag zur Beichte zu kommen. Yu, noch ganz artiger Junge, der den Kontakt zum Vater aufrechterhalten will, muss sich immer wieder neue Sünden ausdenken, um die schier unerschöpfliche Sünden-Gier seines Vaters zu befriedigen. Foucaults "Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit" lässt grüßen.
Doch Yu ist nicht nur brav, sondern mindestens genauso smart. Er bemerkt schnell, wie er die größte Aufmerksamkeit im Beichtstuhl erlangt. Yu wird Upskirt-Fotograf. Bald interessieren sich auch die örtlichen Pornobranchen-Vertreter, Nische Panty-Fotografie, für ihn. Als er bei einer seiner Fototouren die schlagfertige Yoko ("I kick every guy's ass!") kennenlernt, verliebt er sich augenblicklich in sie. Auch Yoko lässt sich von der vermeintlichen Scorpion-Lady bezirzen, eine Reminiszenz an Shunya Itos "Sasori"-Serie aus den 70er-Jahren. Pech nur, dass Kaori zu Yus Vater zurückkehrt und ihre Stieftochter mitnimmt: Yoko.
So nimmt das Unheil seinen Lauf in fünf Kapiteln, die Regisseur Shi'on Sono derart rasant zu inszenieren versteht, dass die Zuschauer sich nach knapp vier Stunden die Augen reiben und erstaunt fragen werden: "Schon vorbei ...?!" Sono, der schon länger einen Film über Jesus machen wollte und deshalb überlegt hatte, zum Christentum überzutreten - "gewissermaßen, um Mitglied in einer Art Jesus-Christus-Fanclub zu werden" -, drehte "Love Exposure" in nur drei Wochen ab. Das Ergebnis ist nicht nur überaus vergnüglich, spannend und, ja, zärtlich, sondern auch ein scharfes filmisches Bonbon zum Thema religiöser Wahn, dessen Nachgeschmack man nicht vergisst. Ein zeitgemäßer Pasolini, der im Vatikan wie in jeder beliebigen Sekten-Enklave seine Wirkung nicht verfehlen würde. Tipp: Taschentücher und Lieblings-Snacks einpacken. Amen.
Love Exposure (J 2008; R: Shi'on Sono; D: Takahiro Nishijima, Hikari Matsushima; 13.08.)
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